„Routine ist eher die Ausnahme“

Pistole und Helm an einer Uniform
Ob Verkehrsüberwachung, Kriminalermittlungsdienste oder Spezialeinheiten wie das SEK – die Polizei bietet viele verschiedene Tätigkeitsfelder.
Foto: Martin Rehm

Berufe bei der Polizei

„Routine ist eher die Ausnahme“

Für viele ist es ein Traumberuf, doch der Einstieg in den Polizeidienst ist anspruchsvoll. Wer belastbar ist, ausgeprägte soziale Kompetenzen mitbringt und seine Arbeitszeit nicht nur am Schreibtisch verbringen will, ist bei der Polizei richtig. Ob Landespolizei, Bundespolizei oder Bundeskriminalamt: Die Einsatzfelder und Aufgaben sind vielfältig.

In der Regel sind Sylvan Bormann und seine Kollegen die ersten Ermittler, die einen Tatort betreten. Der Polizeikommissar arbeitet in Hannover im Kriminaldauerdienst (KDD). Dort ist er zuständig für die Tatortaufnahme, zum Beispiel nach Sexual- und Tötungsdelikten, Bränden, ungeklärten Todesfällen, Einbruchdiebstählen, Raub und Erpressung. Wie in den meisten Arbeitsbereichen der Polizei bedeutet das für den 28-Jährigen Schichtdienst: „Wir sind 24 Stunden, sieben Tage die Woche im Einsatz.“

Ein Porträt-Foto von Sylvan Bormann

Sylvan Bormann

Foto: privat

2007 hat sich Sylvan Bormann bei verschiedenen Länderpolizeien beworben. Die Zusage kam aus Niedersachsen. „Mein Vater ist Polizist gewesen, der Job wurde mir sozusagen in die Wiege gelegt. Toll finde ich vor allem, wie vielseitig die Tätigkeitsbereiche sind. Nach dem Studium für den gehobenen Polizeivollzugsdienst hat man eine riesige Bandbreite von Möglichkeiten. Zur Orientierung bin ich erstmal zur Bereitschaftspolizei gegangen“, erzählt er. Nach sechs Monaten wechselte er im Rahmen einer Abordnung zur Polizeiinspektion Hannover-Mitte, wo er als Streifenbeamter in der Wache am Steintor für das Szene- und Partyviertel zuständig war. Anschließend bewarb er sich für den KDD.

Ohne Büroarbeit geht es nicht

Dank einer Weiterbildung zum Kriminaltechniker übernimmt Sylvan Bormann bei größeren Tatorten auch die Verantwortung bei der Spurensuche und -sicherung: „Dabei muss ich sehr auf Details achten. Von 250 Fingerabdrücken in einer Wohnung ist vielleicht einer vom Täter“, erklärt er. Hält er sich an einem Tatort mehrere Stunden, Tage oder sogar Wochen auf, kann das Schreiben des anschließenden Berichts eine Woche oder mehr Zeit in Anspruch nehmen. „Es gehört eben auch viel Büroarbeit dazu, die aber nah dran an der Praxis ist.“

Aktuell hat der Polizeikommissar die Arbeit im Kriminaldauerdienst für eine außergewöhnliche Station unterbrochen: die Nachwuchsgewinnung der Polizeiakademie Niedersachsen. Dort kümmert er sich um das Einstellungsverfahren für den Polizeidienst, plant Marketingmaßnahmen und organisiert Messen, auf denen sich Interessierte über die Polizeiarbeit und den Weg dorthin informieren können. Nach einem Jahr will er in seinen alten Arbeitsbereich zurückkehren.

Studium vorausgesetzt

„Ob Verkehrsüberwachung, Kriminalermittlungsdienste, Landeskriminaldienst, Bereitschafts- und Wasserschutzpolizei oder Spezialeinheiten wie das SEK, die Reiter- und Diensthundeführer- oder Hubschrauberstaffel – die Polizei bietet viele verschiedene Tätigkeitsfelder“, sagt Michael Höhne, Einstellungsberater der Polizeiakademie Niedersachsen (siehe auch die zum Thema gehörende Animation). Abiturienten können sich sowohl bei den Länderpolizeien als auch bei Bundespolizei und Bundeskriminalamt (BKA) zunächst für die Laufbahn des gehobenen Dienstes bewerben.

Wer bei einer Landespolizei arbeiten will, muss ein Studium an einer der Polizeiakademien absolvieren. In Niedersachsen dauert das Bachelorstudium für den gehobenen Polizeivollzugsdienst oder vergleichbare Qualifikationsebenen drei Jahre und ist Voraussetzung, um Polizeikommissar zu werden. „Eine andere Möglichkeit als dieses Studium gibt es nicht“, sagt Michael Höhne. „Wer besonders gute Leistungen während des Studiums und anschließend im Job vorweisen kann, hat die Möglichkeit, sich über ein weiteres Auswahlverfahren für das Masterstudium an der Deutschen Polizeihochschule in Münster zu qualifizieren und in den höheren Dienst aufzusteigen.“ Die Einstellungsvoraussetzungen für den gehobenen Polizeidienst variieren je nach Bundesland. Nach dem Studium ist ein Wechsel zwischen den Polizeien der Bundesländer nicht ohne weiteres möglich, meistens nur mit einem adäquaten Tauschpartner. (Hier geht's zum Interview mit Einstellungsberater Michael Höhne)

Verschiedene Tätigkeitsbereiche und Einsatzorte

Was reizt angehende Polizisten an dem Beruf? „Unsere Anwärter schätzen vor allem die Vielseitigkeit. Wer zum Beispiel bei der Bundespolizei arbeitet, ist nicht auf einen einzelnen Tätigkeitsbereich oder Einsatzort festgelegt“, sagt Hans-Werner Ruß, Ausbildungsleiter für den gehobenen Polizeivollzugsdienst bei der Bundespolizei im bayerischen Oerlenbach. Ob an Flughäfen, Bahnhöfen, an der Grenze oder auf See: Die Einsatzfelder für Bundespolizisten sind vielfältig. Unmittelbar nach der Ausbildung sind die Wahlmöglichkeiten allerdings begrenzt. „Man wird nicht direkt nach dem Studium Hubschrauberpilot oder kommt zur Antiterroreinheit GSG 9. Wo ein fertig ausgebildeter Bundespolizist eingesetzt wird, hängt davon ab, wo Personal benötigt wird. Das sind derzeit vor allem die Flughäfen. Später ist dann eine Spezialisierung möglich“, erläutert Hans-Werner Ruß.

Bundespolizisten sind deutschlandweit im Einsatz. Das macht den Beruf interessant, erfordert aber Flexibilität, da Wohnortwechsel häufig dazugehören. Auch Auslandseinsätze übernimmt die Bundespolizei. „Kolleginnen und Kollegen der Bundespolizei sind beispielsweise in Afghanistan im Einsatz und helfen bei der Ausbildung der Polizei vor Ort. In Griechenland unterstützen sie ihre dortigen Kollegen bei der Grenzüberwachung.“

Grenzsituationen gehören dazu

Was den Polizeiberuf laut Hans-Werner Ruß ausmacht, ist der ständige Kontakt zu Menschen. „Als Polizist muss man sich jeden Tag auf unterschiedliche Menschen und Situationen einstellen. Routine ist eher die Ausnahme, was ich immer sehr spannend fand.“ Der Arbeitsalltag ist selten eintönig. „Der Beruf hat aber auch Schattenseiten. Da wäre zum einen die zeitliche Belastung, die teilweise sehr hoch ist. Aktuell gibt es eine Menge Überstunden bei der gesamten Polizei. Außerdem arbeitet ein Großteil der Polizisten im Schichtdienst. Zum anderen gehört es zum Beruf, in Grenzsituationen zu geraten, die einen nicht nur emotional beanspruchen, sondern auch gefährlich sein können“, schildert er.

Zwar wird man in der Ausbildung darauf vorbereitet, geistige und körperliche Fitness sind für Bewerber dennoch unerlässlich. „Als Polizist muss man sowohl psychisch als auch physisch belastbar sein. Man braucht eine hohe Lern- und Leistungsbereitschaft. Da Polizisten so gut wie nie alleine arbeiten, gehört außerdem Teamfähigkeit unbedingt dazu. Im Arbeitsalltag merkt man schnell: Nur im Team kann man etwas erreichen“, erläutert Hans-Werner Ruß. Kontaktfreudigkeit und Kommunikationsfähigkeit sind ebenfalls wichtig: „Man muss auf Menschen zugehen können, sollte aber ein gesundes Misstrauen mitbringen. Nur so lassen sich komplizierte Sachverhalte aufklären. Da man jeden Tag mit unterschiedlichen Lebenseinstellungen, Glaubensrichtungen und kulturellen Hintergründen zu tun hat, benötigt man außerdem ein hohes Maß an Offenheit und Toleranz.“

Weitere Informationen

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 ausführlichen Berufsbeschreibungen in Text und Bild
Suchwort: z.B. Polizei

www.berufenet.arbeitsagentur.de

studienwahl.de

Infoportal der Bundesländer und der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „Finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen und die Ergebnisse nach deinen Wünschen filtern.

www.studienwahl.de

Die offizielle Seite der Polizei

www.polizei.de

Die Karriereseite der Bundespolizei

www.komm-zur-bundespolizei.de

Das Karriereportal des BKA

www.bka.de

BERUFE.TV: Polizeivollzugsbeamter/-beamtin im gehobenen Dienst

www.berufe.tv/studienberufe/verwaltung-und-recht/polizeivollzugsbeamt-er-in-geh-dienst/

BERUFE.TV: Bundespolizei

www.berufe.tv/studienberufe/verwaltung-und-recht/polizeivollzugsbeamt-er-in-bundespolizei-geh-dienst/

abi>> Infomappen Studienberufe

Willst du wissen, welche weiteren Studienberufe es in diesem Bereich gibt? Dann schau mal in die abi>> Infomappe 2.1 Schutz und Sicherheit in deinem Berufsinformationszentrum (BiZ). Den Online-Katalog zur Auswahl interessanter Mappen gibt es unter:

www.biz-medien.de/abi

 

Studieren bei der Bundespolizei

Vorbereitet auf das Unvorhersehbare

Ob an Bahnhöfen, Flughäfen oder Landesgrenzen – Bundespolizisten werden in ganz Deutschland und im Ausland eingesetzt. Auch Polizeikommissaranwärter Carsten Ziebler (22) ist während seines Studiums schon viel herumgekommen: Aktuell studiert er an der Bundespolizeiakademie in Lübeck. Vorherige Stationen des Studiums haben ihn unter anderem nach Brühl und Trier geführt.

Ein Jahr vor seinem Abitur hatte sich Carsten Ziebler bei sechs verschiedenen Polizeien beworben: „Polizist werden war ein Kindheitstraum von mir.“ Als die Zusage von der Bundespolizei kam, musste er nicht lange überlegen. Einen Einblick in den Beruf hatte er während zweier Praktika bei der Bundespolizei und der Landespolizei Hessen erhalten, die er während der Schulzeit absolvierte. „Ich komme aus einem Dorf. Deshalb hat mir die Aussicht besonders gut gefallen, im Rahmen der Ausbildung viel unterwegs zu sein, etwas zu sehen und später deutschlandweit oder sogar international arbeiten zu können“, erklärt er. Vorab hatte er sich bei einem Einstellungsberater der Polizei über das Bewerbungsverfahren und die -fristen informiert.

Das erste Mal „auf der Straße“ unterwegs

Ein Porträt-Foto von Carsten Ziebler

Carsten Ziebler

Foto: privat

Nach der dreimonatigen Basisausbildung mit Einsatztraining und Sporteinheiten kam er für das sechsmonatige Grundstudium an die Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung in Brühl in Nordrhein-Westfalen, wo vor allem Fächer wie polizeiliches Einsatzrecht und allgemeines Verwaltungsrecht, aber auch Betriebs- und Volkswirtschaftslehre auf dem Stundenplan stehen. An der Hochschule studieren alle Beamten des öffentlichen Dienstes gemeinsam, also beispielsweise auch Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes und Verwaltungsangestellte. Ihr gemeinsames Ziel ist ein Diplom als Verwaltungswirt.

In seinem ersten dreimonatigen Praktikum im Rahmen des Studiums lernte Carsten Ziebler die Arbeit der Bundespolizei am Frankfurter Hauptbahnhof kennen. „Das war definitiv bisher die spannendste Station des Studiums. Ich war das erste Mal so richtig auf der Straße unterwegs, wurde von Anfang an voll eingebunden und habe jeden Tag eine Menge erlebt. Bahnhöfe und Bahnhofsviertel sind Anziehungspunkte für Drogendelikte und Taschendiebstähle. In einer Zwölf-Stunden-Schicht passiert da wahnsinnig viel.“

Zahlreiche Einsätze Tag und Nacht

Diebstahl, Raub, Körperverletzung – jeden Tag und jede Nacht wurden er und die Kollegen zu zahlreichen Einsätzen gerufen. „Natürlich hat man uns auf den Praxiseinsatz vorbereitet, unter anderem gehören zum Studium Fächer wie Psychologie und Berufsethik. Aber in meinem ersten Nachtdienst hatte ich es direkt mit einer Leiche auf den Bahngleisen zu tun. Trotz Vorbereitung ist es unmöglich vorauszusagen, wie man auf so eine Situation reagiert. Da geht es jedem anders. Ich kann nur schwer beschreiben, wie ich mich in diesem Moment gefühlt habe“, sagt der 22-Jährige. „Aber bei der Polizei bekommt jeder viel Unterstützung von den Kollegen, man spricht darüber, was man im Dienst erlebt, und kann sich an die Polizeiseelsorge wenden, wenn einen das Erlebte nicht mehr loslässt“, schildert er.

Aber auch schöne Erlebnisse gehörten zum Praktikumsalltag: „Zum Beispiel haben wir ein Kind, das in der Menge verloren gegangen war, zu seinen Eltern zurückgebracht oder wir konnten einen Täter stellen, der gerade ein älteres Ehepaar überfallen hatte.“ Das Verhältnis zu seinen Kollegen und Kommilitonen beschreibt der Polizeikommissaranwärter als sehr eng und familiär.

Vorbereitung auf Führungsposition

Neben der Arbeit am Bahnhof war Carsten Ziebler im Rahmen von Praktika am Frankfurter Flughafen, bei der Bereitschaftspolizei und der Grenzpolizei in Trier im Einsatz. Während insgesamt drei Studienabschnitten an der Bundespolizeiakademie in Lübeck hat der Polizeikommissaranwärter verschiedene Rechtsfächer wie Strafprozessrecht und Verwaltungsrecht belegt, außerdem wurden in den Vorlesungen internationale und europäische Themen wie das Schengener Grenzabkommen behandelt. In Fächern wie Polizeitaktik, Einsatz- und Führungslehre wurden er und die anderen angehenden Bundespolizisten auf ihre künftige Arbeit vorbereitet.

„Der gehobene Dienst sieht eine Führungsposition vor, deshalb werden wir im Studium auch als Gruppenleiter ausgebildet und lernen zum Beispiel, wie man eine Polizeieinheit führt und mit Mitarbeitern umgeht“, sagt er. Während seiner Praktika bei der Grenzpolizei und der Bereitschaftspolizei wurde der 22-Jährige bereits als stellvertretender Gruppenleiter beziehungsweise Gruppenführer eingesetzt.

„Bisher hat mich der Bahnbereich am meisten interessiert. Aber auch am Flughafen ist die Arbeit abwechslungsreich. Dort hat man mit internationalen Gästen und Passagierrecht zu tun und wird unter anderem in der Gepäck- und Passagierkontrolle eingesetzt.“ Im Anschluss an das Studium will er sich deshalb beim Frankfurter Flughafen bewerben. „Aufgrund der vielen Geflüchteten, die derzeit nach Deutschland kommen, besteht dort momentan ein großer Bedarf.“

 

Studieren bei der Landespolizei

Die Lebensversicherung der Kollegen

Songül Yalcin hat es geschafft: Nachdem sie zunächst eine Ausbildung beim Zoll absolvierte, geht die 29-Jährige nun endlich ihrem Traumberuf Polizistin nach. An der Hochschule für Polizei in Baden-Württemberg wird sie auf den spannenden und mitunter gefährlichen Berufsalltag vorbereitet.

Schon als kleines Mädchen träumte Songül Yalcin davon, Polizistin zu werden. Mit 14, kurz vor ihrem Realschulabschluss, bewarb sie sich das erste Mal bei der Polizei – für eine Ausbildung im mittleren Dienst. Weil die Punktzahl im Bewerbungsverfahren nicht reichte und eine weitere Bewerbung erst fünf Jahre später möglich war – eine Regelung, die mittlerweile nicht mehr gilt –, absolvierte sie zuerst eine Ausbildung im medizinischen Bereich. Anschließend holte sie ihr Abi nach und bewarb sich beim Zoll.

„Während meiner Ausbildung zur Binnen- und Grenzzöllnerin habe ich allerdings recht schnell gemerkt, dass der Zoll eben nicht das Gleiche wie die Polizei ist.“ Weil sie ihren Traum noch nicht aufgegeben hatte, bewarb sie sich abermals – und konnte im Juli 2013 ihr Studium an der Hochschule für Polizei in Baden-Württemberg aufnehmen.

Theorie und erste Einsätze

Ein Porträt-Foto von Songül Yalcin

Songül Yalcin

Foto: privat

Insgesamt dauert das Bachelorstudium in Baden-Württemberg knapp vier Jahre. Während einer neunmonatigen Vorausbildung werden die Polizeikommissaranwärter zunächst mit Situations- und Handlungstrainings auf den Berufsalltag vorbereitet. Daneben stehen Sport, Selbstverteidigung und Schießtraining auf dem Programm, ebenso die rechtlichen Grundlagen der Polizeiarbeit. Auf die Vorbereitung folgt ein halbes Jahr Praktikum, das den Studierenden Gelegenheit gibt, den Streifendienst kennenzulernen. „Prinzipiell fängt man mit kleinen Fällen an. Auf mich haben allerdings schon in den ersten Wochen ein paar große Einsätze gewartet. Unter anderem wurden wir zu einer bewaffneten Frau gerufen, die drohte, sich umzubringen“, berichtet Songül Yalcin. Hier kam der 29-Jährigen ihre Erfahrung beim Zoll zugute. „Dort habe ich mir ein ruhiges, sicheres Auftreten angeeignet. In so einem Fall ist es sehr wichtig, Vertrauen aufzubauen.“

Im Anschluss ging es für die Studentin zum ersten Mal an die Hochschule, wo sie ein Jahr lang Fächer wie Strafrecht, Polizeirecht, Verwaltungsrecht, Kriminologie und Kriminalistik, Verkehrswissenschaften und Psychologie belegt hat. Am Ende der Theoriephase hieß es dann: lernen, lernen, lernen. Innerhalb von zwei Wochen legen die Studierenden in insgesamt 14 Fächern Prüfungen ab.

Im Hauptpraktikum lernte Songül Yalcin dann neben dem Streifendienst die Arbeit bei der Kriminalpolizei auf Führungs- und Stabsebene kennen. „Das ist so vorgesehen, da der gehobene Dienst auf Führungspositionen vorbereitet“, erklärt sie. Ähnlich wie bei einem dualen Studium erhalten die angehenden Polizisten schon während des Studiums ein Gehalt.

Vorbereitung auf den Auswahltest

Das Bewerbungsverfahren ist komplexer als in vielen anderen Berufen. „Informieren kann man sich am besten über die Einstellungsberater bei jedem Regionalpräsidium“, rät die Studentin. Weitere Infos, zum Beispiel zu den Bewerbungsfristen, findet man online bei den Länderpolizeien.

Da es beim zweiten Versuch endlich klappen sollte, bereitete sich Songül Yalcin sehr intensiv auf das Auswahlverfahren vor. „Ich habe zwei Monate für den Sporttest trainiert, damit ich nicht aus der Puste komme. Auch um der Aufregung entgegenzuwirken, hilft eine gute Vorbereitung.“ Das gilt ebenso für die schriftlichen Auswahltests. „Hier wurde zum Beispiel Sprachverständnis abgefragt, ich musste Texte verfassen und schwierige Begriffe erklären. Das ist wichtig, weil man später im Berufsalltag ständig damit zu tun hat – zum Beispiel, wenn man Anzeigen formuliert.“

Außerdem wurde das logische und räumliche Denken überprüft. „Die Tests haben wir am Computer absolviert. Es kommt darauf an, die Aufgaben nicht nur richtig, sondern auch schnell zu lösen, da ein Zeitlimit vorgegeben ist. Das lässt sich aber im Vorfeld trainieren“, berichtet sie von ihren Erfahrungen. Nachdem sie erfolgreich alle Tests bestanden hatte, folgten ein Auswahlgespräch und eine ärztliche Untersuchung – und schließlich die Zusage.

Eine geschlossene Gemeinschaft

Bei der Frage, was sie am meisten am Polizeiberuf begeistert, muss die 29-Jährige nicht lange überlegen: „Wenn wir gerufen werden und zum Beispiel eine Person nach Hause bringen, die sich verlaufen hat, jemanden aus einer gefährlichen Situation retten oder ein Verbrechen verhindern, wird mir bewusst, wie sinnvoll meine Arbeit ist. Außerdem fühle ich mich unter den Kolleginnen und Kollegen sehr wohl. Es ist wie eine geschlossene Gemeinschaft, in die man aufgenommen wird. Man isst gemeinsam zu Mittag, fährt zusammen auf Streife und weiß: Notfalls bin ich die Lebensversicherung des anderen. Daraus entwickelt sich ein sehr inniges Verhältnis.“

Ihre Türkischkenntnisse helfen ihr oft während der Arbeit. „Die Kollegen sind sehr dankbar, wenn ich dolmetschen kann“, sagt Songül Yalcin, die türkische Wurzeln hat. Derzeit ist die Polizistin erneut für ein Jahr an der Hochschule und schreibt gerade an ihrer Bachelorarbeit. Im Frühjahr warten dann noch einmal zahlreiche Prüfungen auf sie. Auf einer Liste kann sie ihren Wunscharbeitsplatz angeben. „Aktuell sind es das Polizeipräsidium Ulm oder die Kriminalpolizei. Während der Praxisphasen habe ich gemerkt, dass mir besonders das Ermitteln liegt.“

 

Kriminaloberrat beim Bundeskriminalamt

Als Jurist bei der Polizei

Seit sieben Jahren arbeitet Christoph Becker (36) beim Bundeskriminalamt (BKA) in der Abteilung „Schwere und Organisierte Kriminalität“. Sein Beruf ist kaum zu vergleichen mit dem eines Schutzpolizisten, der täglich auf Streife geht – auch wenn beide das gleiche Ziel haben: Verbrechen verhindern und aufklären.

Die wichtigsten Aufgaben des BKA sind der Staatsschutz und die Bekämpfung von organisierter Kriminalität. Damit ist das BKA so etwas wie die zentrale Kriminalpolizei in Deutschland. Christoph Becker und seine Kollegen sind für die Kriminalitätsbekämpfung nicht nur auf nationaler, sondern auch auf internationaler Ebene zuständig, die sie vom Hauptsitz des BKA in Wiesbaden aus koordinieren. Alle Straftaten, die eine überregionale Bedeutung haben, werden hier gesammelt und ausgewertet. Anschließend werden die Informationen anderen nationalen und internationalen Polizeidienststellen zur Verfügung gestellt.

Als Quereinsteiger zum Kriminaloberrat

Ein Porträt-Foto von Christoph Becker

Christoph Becker

Foto: privat

In bestimmen Fällen ermittelt das BKA auch selbst, zum Beispiel, wenn es um besondere Fälle der Waffenkriminalität geht. „Wird in Deutschland eine Waffe sichergestellt, müssen wir herausfinden, woher sie stammt und ob dieser Typ Waffe schon öfter in Zusammenhang mit Gewaltverbrechen oder anderen Straftaten aufgetaucht ist. Denn potenziell geht von jeder Waffe eine Gefahr aus“, sagt Kriminaloberrat Christoph Becker. Regelmäßig kooperiert das BKA mit anderen Polizeidienststellen oder ausländischen Behörden. Neben Wiesbaden verfügt das BKA über zwei weitere Standorte in Berlin und Meckenheim bei Bonn. Die Abteilung, für die Christoph Becker arbeitet, ermittelt in erster Linie in den Bereichen Cyberkriminalität, Gewalt- und Schwerkriminalität, Eigentumskriminalität, Rauschgiftkriminalität sowie Wirtschafts- und Finanzkriminalität.

Anders als viele Kollegen ist der Jurist nicht über ein Studium bei der Polizei zu dem Beruf gekommen, sondern hat sich als Seiteneinsteiger beworben. Nach seinem Jurastudium in Marburg arbeitete er zunächst zwei Jahre in der Rechtsabteilung der Stadtwerke Gießen. „Ich hatte schon früher mit dem Gedanken gespielt, zur Polizei zu gehen. Dass es letztendlich das BKA wurde, war aber Zufall.“ In einer Juristenzeitung entdeckte er eine Ausschreibung, in der nach Seiteneinsteigern für den höheren Dienst gesucht wurde. „Zu dem Zeitpunkt war das noch nicht regelmäßig der Fall, aktuell stellt das BKA fast jedes Jahr Quereinsteiger ein.“

Voraussetzung für seine Bewerbung war eine Abschlussnote von mindestens „befriedigend“ für beide Staatsexamen, außerdem musste er Fremdsprachenkenntnisse nachweisen. Zum mehrtägigen Bewerbungsverfahren gehörte neben einem Assessment-Center, einem Sporttest und einer ärztlichen Untersuchung ein psycho-diagnostischer Test. Seitdem war er in verschiedenen Bereichen des BKA eingesetzt und wurde bereits vom Kriminalrat zum Kriminaloberrat befördert.

Jede Menge Verantwortung

Komplexe Sachverhalte verstehen, wichtige Entscheidungen treffen – als Kriminaloberrat trägt der 36-Jährige viel Verantwortung. „Die größte Herausforderung für mich als Quereinsteiger war der Sprung ins kalte Wasser. Von Beginn an war ich gemeinsam mit meinem Vorgesetzten für 50 Mitarbeiter zuständig – das ist eine Menge Verantwortung.“ Mittlerweile weiß er, dass die Personalführung das ist, was ihm besonders Spaß macht.

Sein Fachwissen als Jurist ist vor allem im Bereich Waffenrecht gefragt. Derzeit führt ihn sein Weg regelmäßig nach Berlin, um dort die ministerielle Ebene bei der Einführung eines neuen Waffengesetzes zu beraten. „Der Job ist nichts für Leute, die gerne viel auf der Straße unterwegs sein wollen. Da das BKA auch polizeiliche Zentralstelle ist, das heißt koordinierend für die deutschen Polizeien tätig ist, gehört viel Gremienarbeit dazu“, erklärt Christoph Becker. So mühsam die Schreibtischarbeit manchmal sein kann, umso toller findet er es, „aus der Praxis heraus kriminalpolizeilich zu beraten“. Sein nächstes Ziel ist nun eine Beförderung zum Kriminaldirektor. „Und möglichst bald würde ich gerne ein eigenes Referat im BKA leiten.“

 

Berufe bei der Polizei: Interview

„Vorab genau über die Voraussetzungen informieren“

Michael Höhne ist Einstellungsberater bei der Polizeiakademie Niedersachsen und Ansprechpartner für Schüler und Interessierte, die mehr über den Polizeiberuf erfahren wollen. Im Interview mit abi» spricht er über die Anforderungen im Berufsalltag und die Karriere- und Aufstiegsmöglichkeiten für Abiturienten bei der Landespolizei.

abi>> Herr Höhne, in welchen Bereichen wird die Polizei in Zukunft verstärkt Nachwuchs suchen?

Michael Höhne: Wichtige Bereiche, die in den vergangenen Jahren im Bereich der Kriminalitätsbekämpfung an Bedeutung gewonnen haben, etwa die Computer- und Internetkriminalität, erfordern neben Polizeikräften auch Fachleute wie Informatiker. Solche Bewerber mit abgeschlossenen Berufsausbildungen oder Studiengängen sind bei der Polizei sehr willkommen und werden entsprechend fortgebildet.

abi>> Welche Karrieremöglichkeiten bieten sich Abiturienten bei der Polizei?

Ein Porträt-Foto von Michael Höhne

Michael Höhne

Foto: privat

Michael Höhne: Nach dem Bachelorstudium an einer der Polizeiakademien der Länder stehen den Absolventen viele Einsatzmöglichkeiten offen. Nicht zu unterschätzen sind außerdem die gute Bezahlung und der sichere Arbeitsplatz: Bereits mit Beginn des Studiums werden die angehenden Polizisten in ein Beamtenverhältnis übernommen und erhalten Anwärterbezüge. Nach dem Studium steigt man bei der Länderpolizei üblicherweise als Kommissarin oder Kommissar ein. Weitere Beförderungen zum Polizeioberkommissar und Polizeihauptkommissar sind leistungsabhängig in der Laufbahn des gehobenen Dienstes vorgesehen. Wer in die höhere Laufbahn will, muss sich für den Masterstudiengang der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster qualifizieren.

abi>> Welche Kriterien müssen Bewerber für ein Studium bei der Landespolizei erfüllen?

Michael Höhne: Über die zahlreichen Voraussetzungen sollte man sich in jedem Fall vorab genau informieren, da sie von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich sind. In Niedersachsen zum Beispiel sind für Abiturienten Mindestnoten in Deutsch und Mathe von „ausreichend“ vorgeschrieben. Außerdem sollte man gerichtlich nicht vorbestraft sein. Bei der Bewerbung wird geprüft, ob jemand schon mal als Beschuldigter Kontakt mit der Polizei hatte. Das alleine ist kein Ausschlusskriterium, aber man sollte es in jedem Fall wahrheitsgemäß bei der Bewerbung angeben. Dann gibt es noch eine Altersgrenze: In Niedersachsen dürfen Bewerber beim Tag ihrer Einstellung nicht älter als 31 Jahre sein. Und sie müssen bestimmte körperliche Voraussetzungen erfüllen, müssen fit sein und schwimmen können. Ausnahmen vom Höchstalter und von den Mindestgrößen sind möglich und werden im Einzelfall geprüft.

abi>> Was sind weitere Ausschlusskriterien?

Michael Höhne: Je nach Bundesland muss man die deutsche Staatsbürgerschaft oder die eines anderen EU-Staates besitzen. Wenn keine entsprechende Staatsbürgerschaft vorliegt, ist zum Beispiel in Niedersachsen eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis (Niederlassungserlaubnis) für die Aufnahme in das Eignungs- und Auswahlverfahren erforderlich. Auch erhebliches Übergewicht oder eine zu geringe Sehkraft, die bei der Polizeidiensttauglichkeitsprüfung festgestellt wird, können Ausschlussgründe sein. Wer sich für das Studium interessiert, sollte unbedingt die frühen Bewerbungsfristen beachten. Die Bewerbungsfrist in Niedersachsen endet grundsätzlich am 31.Oktober im Vorjahr des Studienbeginns.

abi>> Welche Anforderungen bringt der Berufsalltag von Polizisten mit sich?

Michael Höhne: Polizisten sollten sich durch sicheres und kompetentes Auftreten behaupten, aber auch Empathie im Umgang mit Opfern entwickeln können. Soziale Kompetenzen, Sicherheit in Sprache und Ausdruck, Kombinationsvermögen, Merkfähigkeit und eine schnelle Auffassungsgabe sowie eine hohe Motivation, den Beruf des Polizisten ausüben zu wollen, wird bei Bewerbern vorausgesetzt. Auch eine hohe Belastbarkeit und körperliche Fitness sind notwendig, um den Ansprüchen des Polizeiberufes gerecht werden zu können. Während einer Zehn-Stunden-Schicht im Nachtdienst kann es beispielsweise ganz schön rund gehen.

 

Berufe bei der Polizei: Alternativen

Es muss nicht immer die Polizei sein

Wer sich für Alternativen zum Polizeiberuf interessiert, findet im Bereich öffentliche Sicherheit weitere herausfordernde Berufsmöglichkeiten.

Zolldienst

Beamtenausbildung

Beamte und Beamtinnen im gehobenen Zolldienst sind mit kontrollierenden, überwachenden und leitenden Aufgaben in der Zollabfertigung betraut. Sie arbeiten bei Hauptzollämtern, bei Zoll(fahndungs)ämtern, bei der Generalzolldirektion und beim Wasserzoll. Die Ausbildung erfolgt als Vorbereitungsdienst im Rahmen eines dreijährigen Diplomstudiums.

Bundeswehr

Beamtenausbildung

Beamte und Beamtinnen im gehobenen Dienst der Wehrverwaltung üben Leitungs- und Verwaltungstätigkeiten in den verschiedenen Aufgabenbereichen der Bundeswehrverwaltung aus. Die Ausbildung erfolgt als Vorbereitungsdienst im Rahmen eines dreijährigen Diplomstudiums.

Soldatenausbildung

Offiziere im militärfachlichen Dienst übernehmen spezielle Fachaufgaben bei den Streitkräften, etwa in den Bereichen Planung, Ausbildung und Organisation. Die Laufbahn der Offiziere im militärfachlichen Dienst ist eine militärische Laufbahn bei der Bundeswehr mit bundesweit einheitlich geregelter Ausbildung.

Justiz

Studium

Ein Studium der Rechtswissenschaften mündet beispielsweise in Berufe wie Rechtsanwalt, Staatsanwalt, Notar oder Richter.

Ausbildung

Justizfachangestellte erledigen organisatorische und verwaltende Büroarbeiten und sind nach einer dreijährigen Ausbildung bei Gerichten und Staatsanwaltschaften, in Notariaten und Rechtsanwaltskanzleien beschäftigt.

Die Beamtenausbildung zum/zur Rechtspfleger/-in, die durch Verordnungen der Bundesländer geregelt ist, erfolgt als Vorbereitungsdienst meist im Rahmen eines dreijährigen Diplomstudiums. Rechtspfleger sind vor allem bei Gerichten, Staatsanwaltschaften oder Justizverwaltungen tätig. Sie treffen gerichtliche Entscheidungen zum Beispiel im Nachlass-, Betreuungs- und Vormundschafts-, Grundbuch- oder Registerrecht sowie bei Zwangsvollstreckungen.

Verfassungsschutz

Beamte im gehobenen Verfassungsschutzdienst erledigen Aufgaben in allen Bereichen des Verfassungsschutzes, insbesondere in der Beschaffung und Analyse von Informationen. Neben sachbearbeitenden Tätigkeiten übernehmen sie zum Beispiel Aufgaben in der Personalführung. Die Ausbildung erfolgt als Vorbereitungsdienst, der als dreijähriges Diplomstudium organisiert ist.


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Stand: 21.01.2018