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Auszeit vom Studium

Und, was bleibt?

Es ist soweit: Julia und ich stehen am Flughafen Kathmandu und warten auf unseren Flug nach Bangkok. Zuvor hatten wir uns von allen Volontären, den Bewohnern von Shanti und unseren neu gewonnenen Freunden verabschiedet. Uns gehen unzählige Fragen durch den Kopf. Wir brechen mit gemischten Gefühlen auf – nicht sicher, ob wir eher glücklich oder traurig sind, ob unsere Erwartungen an diese Zeit erfüllt worden sind.
Eines steht fest: Die Zeit bei Shanti war eine der zermürbendsten, bereicherndsten, aufregendsten und zugleich erschütterndsten meines bisherigen Lebens. Diese knapp drei Monate haben uns an unsere Grenzen gebracht. Wir wurden jeden Tag aufs Neue herausgefordert, haben uns mit einer Kultur auseinandergesetzt, die von Grund auf verschieden zu der unsrigen ist. Ebenfalls nahmen wir stets eine Stunde Fußweg zwischen Müll, hupenden Autos, rauchenden Lastkraftwagen, bellenden Hunden, grasenden Kühen, brennenden Leichen und wehendem Staub auf uns, um zum Center zu kommen und unsere Projekte voranzutreiben.
Wir haben in dieser Zeit gelernt, was es heißt Verantwortung für Niederlagen und Erfolge gleichermaßen zu übernehmen und bei allen Aufgaben zu hinterfragen, ob sie tatsächlich mit Spenden finanziert werden sollten. Es war ein täglicher Kampf mit uns selbst. An vielen Abenden haben wir mit den anderen auf unserer Dachterrasse gesessen, über Kathmandus Häuser geschaut und uns gefragt, was wir hier eigentlich machen.

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  20.02.2018

Auszeit vom Studium

Die Menschen geben den Inhalt – Teil 2

Kumars Geschichte wurde bei Shanti wohl am häufigsten erzählt. Wenn ich den Ring an meiner linken Hand anschaue, muss ich an diesen herzensguten, geduldigen Silberschmied denken. Fünf Jahre lang hat er bei einem Meister bei Shanti die Kunst des Schmiedens gelernt. Ich schätze Kumar auf Anfang 40. Er hat mittlerweile eine Frau gefunden, woran er lange Zeit nicht geglaubt hatte. Er ist ein gutaussehender Mann, humorvoll und klug, nur seine Beine funktionieren nicht. Treppen steigt er auf den Händen, an die er sich Flip-Flops zieht, ansonsten ist er im Rollstuhl unterwegs. Er ist vor allem für seinen starken Oberkörper bekannt, in dem mehr Kraft steckt als bei anderen in den Beinen. Soweit ich weiß, hat Kumar seine Familie verloren und kam als junger Mann ohne Perspektive zu Shanti. Seine Geschichte wird deshalb so oft erzählt, weil sie zeigt, was die Menschen mit Shantis Hilfe in ihrem Leben erreichen können.

Ein weiteres bewegendes Schicksal hat Rajib, ein vierjähriger Junge, durchlebt. Sein Vater ist Alkoholiker und schickte den Jungen oft los, um Nachschub zu besorgen. Rajib belastete der Zustand seines Vaters so sehr, dass er anfing, selbst vom Reisschnaps zu trinken. Glücklicherweise entdeckte Marianne Grosspietsch von Shanti das Kind und war spitzfindig genug, die Hintergründe sofort zu erkennen. Rajib wurde seiner Familie weggenommen, um ihm ein kindgerechtes Aufwachsen zu ermöglichen.

Es ließen sich viele weitere Geschichten der Menschen bei Shanti erzählen. Dabei fällt auf, dass es oft die Kleinsten sind, die in ihrer Hilflosigkeit und Abhängigkeit Opfer von Missbrauch wurden. Viele Frauen, insbesondere jene mit Behinderungen, wurden in ihrer Kindheit und Jugend Opfer sexueller Gewalt und leiden noch heute unter den Traumata.
Es geht mir sehr nahe, was wir tagtäglich um uns herum erlebt und gesehen haben. Aber wir sind nicht die Leidtragenden. Wir können aber dazu beitragen, das Leben dieser Menschen zu verbessern.

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  15.02.2018
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
15.02.2018

Auszeit vom Studium

Ein nepalesischer Freund

Drei Stunden hat der nepalesische Gottesdienst gedauert, zu dem ich von Pabi und Purnima, zwei jungen Frauen bei Shanti, die starke körperliche Einschränkungen haben, eingeladen wurde. Es fiel auf, dass sich erstaunlich viele Menschen mit Behinderungen in dieser Kirche befanden. Selbst die beiden Pastoren saßen im Rollstuhl. Sie alle sind Menschen, die in der nepalesischen Gesellschaft keinen Platz finden, sondern Verstoßene sind. Als ich mich während des Gottesdienstes umschaute, sah ich in strahlende Gesichter. Die Menschen tanzten zu den Liedern der jungen nepalesischen Band, mit Tränen in den Augen, oft jubelnd und klatschend. Christen gibt es in Nepal praktisch keine, diese Religion kommt von außen. Ich sehe Missionierung sehr kritisch, doch hier wurde ein Platz für Menschen geschaffen, die sonst keinen hätten.
Es sind Ausflüge wie dieser, die mir als Lichtblicke im nicht immer einfachen Alltag in Nepal dienen. Auch der nach Boudhanilkanta ist mir im Gedächtnis geblieben. In diese Stadt nahe Kathmandu machten wir uns auf, um an einem freien Tag auf den Shivapuri zu steigen, dem höchsten der Berge, die das Kathmandu-Tal umgeben. Stattdessen landeten wir zufällig im Homestay eines gemeinnützigen Projektes, das von Nepali geführt wird. Wir lernten Sujan kennen, der Wirtschaft studiert hatte, aber hier wenig berufliche Perspektiven sieht. Deshalb widmet er sich vollständig dem Projekt: Seine Familie hat eine kleine Schule für Waisenkinder eingerichtet. Auch ist Sujan für das Volontärs- und Gästehaus zuständig, in dem wir mit einer rumänischen Volontärin übernachten durften.
Am nächsten Tag führte er uns zu nahegelegenen Wasserfällen, zeigte uns einige religiöse Stätten und machte diverse Bilder und Videos von und mit uns, um damit Werbung für seine Organisation zu machen.
Kurz vor unserem Abschied aus Nepal entschieden wir uns dazu, mit zwei weiteren Volontärinnen nach Nagarkot zu fahren, um von dort aus den Mount Everest wenigstens aus weiter Ferne gesehen zu haben. In diesen zwei Tagen hatten wir unseren ersten Autounfall mit einem Roller, liefen durch kleine Dörfer auf einem Bergkamm entlang und schauten gemeinsam mit einem riesigen sitzenden Buddha ins Tal hinein, dabei kein einziger Tourist weit und breit. Schließlich durften wir noch ein letztes Mal den Sonnenauf- und -untergang über dem Himalaya genießen.
All das zeigte uns noch einmal: Nepal hat viel zu bieten und ist auch immer wieder krass – in jeder Hinsicht.

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  06.02.2018
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
06.02.2018

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