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Studium generale

Studieren ohne Scheuklappen

Es ist kein eigenes Studienfach, sondern ein Teil des gewählten Studiengangs oder eine Ergänzung dazu: das Studium generale. Studierende an verschiedenen deutschen Universitäten nutzen es, um sich zu orientieren und ihren Horizont zu erweitern.

Studenten laufen bei Regen aus der Uni.

Beim Studium generale kommen Studenten aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen zusammen.

Foto: Jardner

Kurz gesagt meint der Begriff „Studium generale“ (auch „Studium fundamentale“) eine Reihe von Lehrveranstaltungen an einer Hochschule, die für Studierende aller Fachrichtungen offen sind und in denen fächerübergreifende und allgemeinbildende Inhalte besprochen werden. Geisteswissenschaftler treffen auf Naturwissenschaftler oder Forscher auf Chefs aus der Wirtschaft, um Sichtweisen zu aktuellen Fragen auszutauschen. Verschiedene deutsche Universitäten bieten ein Studium generale an, in zwei grundsätzlich verschiedenen Formen: das Studium generale als Zusatzangebot oder als Orientierungsphase, jeweils entweder freiwillig oder verpflichtend.

„Hochwertige Freizeitgestaltung“

Foto von Jan-Simon Dörflinger.

Jan-Simon Dörflinger

Foto: Privat

Ein Zusatzangebot ist das Studium generale zum Beispiel an der Uni Freiburg. Obwohl die Teilnahme hier (im Gegensatz zum Beispiel zur Uni Mainz) freiwillig ist, sind die abendlichen Veranstaltungen immer gut besucht. „Weil sie oft spannender und vielfältiger als der normale Studienalltag waren, habe ich sie als hochwertige Freizeitgestaltung empfunden“, erzählt Jan-Simon Dörflinger, der gerade sein Studium der Politikwissenschaften, Geschichte und Geographie an der Uni Freiburg abgeschlossen hat, „Es war eine angenehme Abwechslung, mal nicht mitschreiben zu müssen, sondern das Gehörte einfach auf mich wirken lassen zu können.“

Vier oder fünf Veranstaltungen pro Semester hat sich der 28-Jährige aus dem Angebot des Studiums generale ausgesucht, das an jedem Schwarzen Brett auf dem Campus beworben wurde: „Da waren klassische Konzerte dabei, Bewerbungstrainings und Weinseminare. Auch Vorträge von internationalen Persönlichkeiten wie dem Großmufti von Syrien habe ich besucht. Er sprach über die Gemeinsamkeiten von Christentum, Judentum und Islam.“ Um eine solche Fülle an Input neben dem Lernstoff bewältigen und genießen zu können, braucht der Studierende eine ausgeprägte Aufnahmefähigkeit.

Foto von Günther Kapust

Günther Kapust

Foto: Privat

Günther Kapust, Berater im Hochschulteam der Arbeitsagentur Frankfurt am Main, empfiehlt diese Form des Studiums generale auch jungen Leuten, die zwei gleich starke Interessen haben, wie etwa Jura und Politikwissenschaft: „Sie können ein Fach studieren und sich aus dem Studium generale Angebote heraussuchen, die das zweite Interessengebiet abdecken. So basteln sie sich ihr individuelles Studienprogramm zusammen.“

Orientierungsphase zu Studienbeginn

Aber das Studium generale wird von manchen Hochschulen auch als Orientierungsphase am Anfang des Studiums angeboten, zum Beispiel an der Leuphana Universität Lüneburg. Bevor es fachlich ans Eingemachte geht, treffen sich alle Studienanfänger in gemeinsamen, interdisziplinären Veranstaltungen, bekommen einen Überblick über das wissenschaftliche Denken und Arbeiten an der Universität, schauen sich in der Bibliothek und im Rechenzentrum um.

Einige solcher Angebote sind im Zuge der Bologna-Reform neu entstanden. Beispiel Uni Mainz: „Bei uns wurden in den vergangenen Jahren und werden auch derzeit noch – vor dem Hintergrund einer Revision der neuen Studiengänge – in immer mehr Bachelorstudiengängen Wahlpflichtmodule aus dem Studium generale berücksichtigt“, informiert Dr. Thomas Vogt, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Studium-generale-Team der Uni Mainz. Im Moment laufen Gespräche mit den Verantwortlichen der Masterstudiengänge, weil es auch dort für sinnvoll gehalten wird, Module aus dem Studium generale zu integrieren. „Das ist unter anderem eine Reaktion auf die Kritik am Bachelorsystem, die nach der Bologna-Reform aufkam und die besagte, im Bachelorsystem gehe der Blick für das große Ganze verloren. Dem wollen wir entgegenwirken, indem wir durch das Studium generale die Inhalte der Fachstudiengänge interdisziplinär erweitern.“

Wer erst mal herausfinden will, ob er überhaupt ein Uni-Typ ist, oder gar keine Ahnung hat, was er studieren soll, dem kann die Berufsberatung bei den örtlichen Agenturen für Arbeit helfen. „Das Studium generale als Orientierungsphase empfehle ich eher jungen Leuten mit einem guten Abischnitt, die nicht nur Interessen, sondern wirklich Fähigkeiten in den unterschiedlichsten Bereichen haben und sich auf breiter Basis ausprobieren möchten. Das intensivste und umfassendste Angebot dieser Art ist sicher das Leibniz Kolleg der Uni Tübingen“, sagt Günther Kapust von der Arbeitsagentur Frankfurt/Main.

Einige Studierende reflektieren während des Studiums generale ihre bisherigen Ziele und Berufswünsche. So geschehen bei Jan-Simon Dörflinger. Als er sich im Wintersemester 2002/03 in Freiburg einschrieb, wollte er Lehrer werden. Inzwischen interessiert er sich mehr für die wissenschaftliche Erforschung der Politik. „Zu diesem Sinneswandel ist es zwar vor allem durch meine Praktika gekommen“, sagt der frischgebackene Absolvent, „aber die spannenden Begegnungen mit Politikern im Studium generale haben mich sicher darin bestärkt.“ Nach dem ersten Staatsexamen und dem Magister steht nun die Doktorarbeit zum Thema Sicherheitspolitik auf dem Programm.

Vorteile beim Berufseinstieg

Günther Kapust fasst die Vorteile des Studiums generale noch einmal aus Sicht des Berufsberaters zusammen: „Im Studium generale lernt man, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, differenziert zu analysieren, intensiv und kreativ an Problemstellungen heranzugehen. Diese so genannten Soft Skills der Teilnehmer werden trainiert, und auch andere wie beispielsweise soziale Sensibilität, Kritik- und Konfliktfähigkeit. Und das kommt ihnen später bei der Stellensuche und am Arbeitsplatz zugute. Denn zunehmend suchen Arbeitgeber Bewerber mit Kreativpotenzial, analytischem Verstand und der Fähigkeit, die eigene Arbeit in größere Zusammenhänge einordnen zu können.“

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