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Studieren mit Kind

"Es gibt keinen Grund zu verzweifeln"

Ein Studium mit Kind ist nicht zu schaffen — ist der erste Gedanke vieler Studierender, die mit einer Schwangerschaft konfrontiert werden. Das ist aber gar nicht so. Mit der richtigen Beratung und Planung lassen sich Studium und Kind sehr gut vereinbaren. abi>> gibt einen Überblick über die verschiedenen Möglichkeiten, die studierende Eltern haben.

Legosteine

Doppelbelastung: Für's Studium lernen und Zeit mit dem Kind verbringen.

Foto: Xavier Ballester

„Nein – ich bin wirklich nicht verzweifelt“, versichert Benjamin Deinert. Der 29-Jährige studiert „Soziale Arbeit“ an der Georg-Simon-Ohm-Hochschule in Nürnberg und schreibt gerade seine Bachelorarbeit. Es ist nachmittags, 15 Uhr, Benjamin sitzt daheim am Schreibtisch, Tochter Mia ist im Kindergarten und Mias Mutter arbeitet als Erzieherin in Teilzeit. Wenn Benjamin Deinert an der Hochschule lernen muss, passt seine Freundin auf die gemeinsame Tochter auf. Oder einer der vielen Babysitter, die das Paar in den vergangenen Jahren aus dem Bekanntenkreis rekrutiert hat. Mia ist fünf Jahre alt, in der Zeit von ihrer Geburt bis heute konnte Benjamin sehr viel Zeit mit ihr verbringen. „Hätte ich nicht studiert, sondern stattdessen eine 40-Stunden-Arbeitswoche gehabt, wäre das nie möglich gewesen“, sagt er.

Bessere Bedingungen

Benjamin Deinert gehört zu denjenigen Studierenden, die in Deutschland mit Kind studieren. Die neueste Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (2009) hat ergeben, dass es bundesweit 123.000 Studentinnen und Studenten mit eigener Familie gibt. Gemessen an der Gesamtzahl der Studierenden entspricht das einem Anteil von fünf Prozent. Im Vergleich zu den vergangenen Jahren ist der Anteil damit leicht zurückgegangen, im Jahr 2006 lag er noch bei sieben Prozent.

Und das, obwohl sich die Bedingungen für studierende Eltern in Deutschland im Vergleich zu vergangenen Jahren deutlich verbessert haben: Die meisten Hochschulen verfügen über Institutionen wie einen Familienservice oder ein Studentenwerk, die werdende Eltern, oder solche, die es schon sind, beraten. Vielen Hochschulen angegliedert sind auch eigene Kinderkrippen für den Nachwuchs von Studierenden und Mitarbeitern. Die Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim, Holzminden, Göttingen (HAWK) zum Beispiel verfügt seit fünf Jahren über eine Kinderkrippe. Sie ist das ganze Jahr über bis auf Weihnachten und Silvester geöffnet, damit studierende Eltern für Seminare oder zum Lernen praktisch immer an der Hochschule sein können. „Vor die Entscheidung, was breche ich ab: das Studium oder die Schwangerschaft, soll bei uns keine Frau gestellt werden“, sagt Hannah Brandenburg vom Gleichstellungsbüro der HAWK.

In den Gebäuden der HAWK gibt es Stillräume und Wickelecken, in der Mensa stehen Hochstühle für Babys. „Familienfreundlichkeit gehört bei uns zum Konzept“, sagt Hannah Brandenburg. Die HAWK war im Jahr 2002 unter den ersten vier Hochschulen, die mit dem Zertifikat „Audit familiengerechte Hochschule“ ausgezeichnet wurden. Das Audit ist ein Zertifikat, das an Hochschulen vergeben wird, die Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie umsetzen. Die Schaffung von Betreuungsplätzen für Kinder zum Beispiel gehört dazu, eine familiengerechte Gestaltung der Hochschule, flexible Studien- und Prüfungsordnungen und finanzielle Unterstützungen.

Inzwischen ist ein Großteil der deutschen Hochschulen mit dem Audit-Zertifikat ausgezeichnet. „Die Hochschulen bemühen sich inzwischen sehr um studierende Eltern. Eine Hochschule ist ja so etwas wie ein Dienstleister – sie muss den Studierenden etwas bieten, damit sie ein Interesse haben, dort zu studieren“, sagt Hannah Brandenburg. 

Teilzeitstudium möglich?

Um als Studienstandort attraktiv zu sein, bieten einige Hochschulen auch Teilzeitstudiengänge an. Wer ein Kind hat oder noch einen Beruf ausübt, kann zum Teilzeitstudium zugelassen werden. Der Vorteil des Teilzeitmodells: Die Studierenden haben weniger Semesterwochenstunden, Vorlesungen und Seminare jeder Studienrichtung werden bei diesem Modell in Blöcken zusammengelegt, der Unterricht ist auf zwei bis drei Tage in der Woche begrenzt.

Und die Bemühungen der Hochschulen tragen Früchte: Zu diesem Ergebnis kam die Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) 2009 in der bundesweiten Befragung von Exmatrikulierten des Studienjahres 2007/08. In der Studie „Ursachen des Studienabbruchs in Bachelor- und in herkömmlichen Studiengängen“ gaben sieben Prozent der Studienabbrecher familiäre Probleme als ausschlaggebenden Grund für den Abgang von der Hochschule an. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 gaben noch elf Prozent der befragten Studienabbrecher an, dass familiäre Probleme ausschlagebend für die Entscheidung waren.

Unterstützung gibt es auch finanziell: Studierende können Kindergeld und Elterngeld beantragen. Das Kindergeld beläuft sich momentan auf 184 Euro monatlich, der Mindestsatz von 300 Euro Elterngeld kann auch bewilligt werden, wenn der Antragsteller zuvor keinen eigenen Verdienst hatte. Weitere Finanzierungsmöglichkeiten sind zum Beispiel der Kinderbetreuungszuschlag für BAföG-berechtigte Studierende. Alleinerziehende haben unter bestimmten Umständen auch Anspruch auf Unterhalt vom getrennt lebenden Partner und auf Unterhalt für das gemeinsame Kind. Die Ansprüche müssen allerdings im Einzelfall geklärt werden. Und natürlich können sich Studierende mit Kind auch mit einem Stipendium finanziell entlasten, siehe http://www.stipendiumplus.de. Beim Thema Finanzen ist eine Botschaft ganz wichtig: sich gut informieren und beraten lassen! Hier ist das Engagement der Eltern gefragt. Ansprechpartner sind etwa die Studentenwerke, die Elterngeldstellen der Bundesländer und die Familienkasse der örtlichen Agenturen für Arbeit.

Vier Semester mehr

Und trotz aller Unterstützungsmöglichkeiten zieht sich das Studium mit Kind häufig in die Länge: Die 19. Sozialerhebung des deutschen Studentenwerkes hat ergeben, dass Eltern im Schnitt vier Semester länger bis zum Abschluss brauchen. Auch Benjamin Deinert hat seine Regelstudienzeit bereits um zwei Semester überzogen. Darüber, dass er deshalb nach dem Studium keinen Job bekommt, macht er sich aber keine Sorgen. Nur einen klaren Nachteil glaubt er durch seine Vaterschaft zu haben: „Eigentlich sollte man als Student heutzutage unbedingt ein Auslandssemester dranhängen, die potentiellen Arbeitgeber schätzen das sehr. Mit Mia habe ich das aber leider zeitlich nicht hinbekommen“, bedauert er.

Hannah Brandenburg von der HAWK hingegen sieht es als Vorteil, wenn in der Bewerbung steht, das man sein Studium mit Kind geschafft hat. „Wenn so jemand bei uns ein Vorstellungsgespräch hat, wissen wir: Diese Person hält eine Doppelbelastung aus, sie ist flexibel und stressresistent.“

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