Von der Kunst der Stoffe
Aus welchem Kunststoff werden Geodreiecke hergestellt? Besteht das Armaturenbrett im Auto aus Kunstleder oder Spritzguss? Ist der Lack der Traktormotorhaube glatt oder verbeult? Solche Fragen faszinieren Christina Schwarze (29) jeden Tag aufs Neue. Viele kann sie sich dank ihres Studiums selbst beantworten. An der Hochschule Osnabrück studiert sie im vierten Semester den Masterstudiengang Angewandte Werkstoffwissenschaften.
"Es ist faszinierend, wie viele Materialien es gibt und wie sie in der Industrie eingesetzt werden." Christina Schwarze studiert Angewandte Werkstoffwissenschaften an der Hochschule Osnabrück.
Foto: Privat
Seit Beginn ihres Studiums hat Christina Schwarze einen anderen Blick auf die Dinge. Beim Kauf eines Wasserkochers beispielsweise interessiert sie zunächst das Material, aus dem er gefertigt ist – und dann erst die Leistung. „Es ist faszinierend, wie viele Materialien es gibt und wie sie in der Industrie eingesetzt werden“, schwärmt sie.
Schon in der Schule kam Christina Schwarze in den naturwissenschaftlichen Fächern besser zurecht als in Deutsch und Englisch. Ihre Leidenschaft für Chemie und Physik entwickelte sie aber erst während ihrer Ausbildung zur Pharmazeutisch-technischen Assistentin (PTA). „Mir machte es Spaß, Stoffe zu analysieren, mehr über sie zu erfahren“, erzählt sie. Nach der Ausbildung entschloss sie sich deshalb dazu, ihr Wissen zu vertiefen – mit einem Bachelorstudium in Kunststoff- und Werkstofftechnik an der Hochschule Osnabrück. Nach ihrem Abschluss als Werkstoffingenieurin war klar, dass sie den Master of Science in Angewandte Werkstoffwissenschaften draufsatteln würde. „Alles andere wäre schade gewesen. Mit meinem Notenschnitt von 1,5 hatte ich das Potenzial dazu.“ Der Numerus Clausus lag damals an der Hochschule Osnabrück bei 2,5.
Die Qual der Wahl
Worauf das Masterstudium der Werkstoffwissenschaften genau vorbereitet? Die Studiengangsbeauftragte Professorin Claudia Kummerlöwe bringt es auf den Punkt: „Unser Ziel ist es, Werkstoff-Experten auszubilden, die in Führungspositionen in Industrie und Forschung Projekte zur Entwicklung, Produktion und Anwendung moderner Werkstoffe leiten und bearbeiten.“ Der viersemestrige Studiengang richte sich vorwiegend an Absolventen werkstofforientierter Bachelorstudiengänge und biete die Möglichkeit zur Spezialisierung. Das Niveau sei im Masterstudium natürlich deutlich höher, sagt Professorin Kummerlöwe und nennt ein Beispiel: „Lernen die Studierenden im Bachelorstudiengang, wie sich ein Gummireifen im Ruhezustand verhält, berechnen sie im Master-Studiengang, wie ein rollender Reifen reagiert.“
Dabei können die Studierenden zwischen drei Schwerpunkten wählen. Zur Auswahl stehen Polymere (Kunststoffe), metallische und zahnmedizinische Werkstoffe. Für alle Studierenden ist das Kerncurriculum obligatorisch, das höhere Mathematik, Festkörperphysik, Festigkeitslehre und Chemie beinhaltet. Aus drei Wahlpflichtkatalogen (moderne Werkstoffe, Analytik und Prüfung von Werkstoffen, Verarbeitung und Anwendung von Werkstoffen) und einem fächerübergreifenden Modul stellen die Studierenden ihr individuelles Profil zusammen. Außerdem wird Wert darauf gelegt, dass die Studierenden lernen, selbstständig und wissenschaftlich zu arbeiten.
Zusätzliche Praxiserfahrung
Nein, ein einfaches Studium sei Angewandte Werkstoffwissenschaften nicht, sagt Christina Schwarze und fügt hinzu: „Man muss viel lernen und sollte Freude an Teamarbeit mitbringen.“ Die 29-Jährige spezialisiert sich auf Polymerwerkstoffe. Sie absolviert außerdem den Flexiblen Master. Das bedeutet, dass sie zusätzlich zu ihrem Studium in Teilzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an einem Forschungsprojekt der Hochschule arbeitet. „Für mich ist das optimal. Ich kann mir so einen Teil meines Studiums finanzieren und gleichzeitig Theorie und Praxis vor Ort miteinander verbinden“, sagt die Studentin. Im Auftrag eines Unternehmens beschäftigt sie sich gerade mit der Alterung von Gummi.
Die Zeit, die sie für die Projektarbeit aufwendet, kann sie sich flexibel einteilen und an ihren Stundenplan anpassen. Trotz der Doppelbelastung wird Christina Schwarze ihren Master in der Regelstudienzeit abschließen. „Ich hatte den Ehrgeiz, das zu schaffen.“ Grundsätzlich kann der Studienverlauf aber entsprechend der zeitlichen Belastung durch eine Teilzeitbeschäftigung flexibel gestreckt werden. Voraussetzungen, die Studierende für den flexiblen Master mitbringen müssen, sind Eignung, gute Noten und Spaß an der Erforschung neuer Werkstoffe. Außerdem muss natürlich eine Stelle für einen wissenschaftlichen Mitarbeiter frei sein.
Nach ihrem Abschluss hat Christina Schwarze gute Chancen auf eine wissenschaftliche Karriere. Aber sie will sich noch nicht festlegen. „Ich kann mir gut vorstellen, noch zu promovieren. Aber auch die Automobilindustrie reizt mich. Mal sehen, welche Möglichkeiten sich bieten.“
Spezialisten werden gebraucht
Ihre Chancen in der freien Wirtschaft stehen laut ihrer Professorin Claudia Kummerlöwe gut. „Alle unsere Absolventen haben bisher eine Stelle gefunden“, betont die Professorin. „Die meisten konnten zwischen mehreren Jobs wählen. Die Entwicklung und Anwendung moderner Werkstoffe ist schließlich Grundlage für neue Technologien in allen Bereichen – ob nun im Gesundheitswesen, im Freizeit- und Sportbereich oder in der Medizin. Spezialisten werden deshalb immer benötigt.“





