Vom Generalisten bis zum Spezialisten
Ob nun in Handys, Navigationsgeräten oder in Omas Blutdruckmesser: Mittlerweile steckt nahezu in allen technischen Geräten eine komplizierte Software, die von Fachleuten programmiert wird. Das spiegelt sich auch in der Vielfalt der Informatikstudiengänge wider: Gab es vor 40 Jahren lediglich den klassischen Informatikstudiengang, werden heute viele spezielle "Bindestrich-Studiengänge" wie Medien-, Bio-, Medizin- und Wirtschaftsinformatik angeboten. 101 solcher Spezialisierungen finden sich unter den 1.376 Informatikstudiengängen an deutschen Hochschulen. Doch welches Angebot passt zu dir? abi>> hat recherchiert.
Es gibt viele spannende Studiengänge mit Informatik. Wer sich im Bachelorstudium fundierte Grundlagen aneignet, kann sich etwa im Master auf ein Lieblingsgebiet spezialisieren.
Foto: WillmyCC
Silvia Graumann (27) wollte nach dem Abitur eigentlich die Kunsthochschule besuchen. Aber dann stieß sie auf den Studiengang Medieninformatik und entschied sich um. Nun studiert sie im achten Semester an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Dresden auf Diplom. „Mein Vater hat mich früh an Informatik herangeführt, meinen ersten eigenen Computer hatte ich schon als Zwölfjährige.“ In der Medieninformatik sah sie nun die Chance, ihre Computeraffinität und Leidenschaft für Gestaltung und Design zu verknüpfen.
Frauen auf dem Vormarsch
Wie sie denken viele junge Frauen. „Unser Studiengang wird oft auch ,Mädcheninformatik‘ statt ,Medieninformatik‘ genannt, weil 30 Prozent unserer Studenten weiblich sind“, sagt Professor Kai Bruns, Studiengangsbeauftragter an
der HTW Dresden. Ähnliche Erfahrungen machte sein Kollege Professor Friedhelm Mündemann, der an der Fachhochschule Brandenburg den Informatik-Fachbereich leitet. Als die Hochschule 1992 mit dem klassischen Informatikstudiengang startete, betrug der Frauenanteil in der Spitze acht Prozent. Als vier Jahre später Studienangebote mit den Bezeichnungen „Medieninformatik“ und „Digitale Medien“ hinzukamen, verdoppelte er sich und schnellte sogar hoch auf über 40 Prozent beim Master „Digitale Medien“. Auch bei dem Studiengang Medizininformatik, der seit 2007 in Brandenburg besteht, verhält es sich so (46 Prozent Frauenanteil). „Die klassische Informatik war mit Klischees behaftet, mit dem Bild vom Programmierer beispielsweise, der Tag und Nacht im Keller vor seinem Computer sitzt. Die Zusatzbezeichnungen ,Medien‘ und ,Medizin‘ sprechen viele Frauen an und lassen die Informatik scheinbar in den Hintergrund treten“, weiß Friedhelm Mündemann.
Heißt das, Bindestrich-Studiengänge wie Medieninformatik haben nur noch wenig mit dem klassischen Informatikstudiengang zu tun? „Nein“, sagt Professor Mündemann. Die grundlegende Informatikausbildung ist ein wichtiger Bestandteil der Bindestrich-Studiengänge. Die Studierenden lernen zunächst, in formalen Systemen zu arbeiten, Programmiersprachen wie C++ und Java zu beherrschen, Strukturen zu erkennen und anzuwenden. „Das ist seit 40 Jahren Standard. Erst dann lernen sie, die Sprache des Anwendungsgebietes sauber zu sprechen. Ein Medizininformatiker muss die Aufgabe, die ihm ein Onkologe stellt, verstehen und in eine Programmiersprache umsetzen können. Erst dann kann er sie lösen“, sagt Professor Mündemann.
Das klingt, als müsse ein Studierender dieser Fächer weit mehr lernen als ein reiner Informatiker. Dazu Professor Bruns: „Das ist ein Trugschluss. Wir vermitteln den Medieninformatik-Studenten, was sie brauchen, um Trickfilme zu programmieren, Webseiten zu entwickeln und Flash-Animationen zu erstellen. Dafür lassen wir vertiefende Fächer der reinen Informatik weg, beispielsweise in der Systemprogrammierung oder in künstlicher Intelligenz.“
Zu dem Fächerkanon in der allgemeinen Informatik gehören außerdem Kerninhalte wie Algorithmik, Programmierung, Datenstrukturen, Softwareingenieurwesen, Datenbanken, Rechnertechnik und technische Informatik. „Die Studierenden befassen sich auch stärker mit theoretischen Inhalten wie ,Was heißt Berechenbarkeit?‘ oder ,Was heißt Komplexität?‘“, erklärt Professor Manfred Broy von der Technischen Universität München (TUM). Er rät Interessenten, sich für einen allgemeinen Bachelor zu entscheiden und dann im Masterstudium je nach Interesse einen Schwerpunkt zu setzen. Aber natürlich gibt es auch hier Ausnahmen von der Regel: „Wer sich ganz sicher ist, dass er etwa in der Bioinformatik arbeiten will, kann natürlich auch schon im Bachelor sein Wunschstudium wählen." Er sollte dann aber sicher gehen, dass seine Erwartungen mit der Realität übereinstimmen. Ein Beispiel: Wer als Bioinformatiker in der Zoologie arbeiten will, sollte den Praxistest machen, denn ein realistisches Einsatzgebiet ist die Genforschung. Zu empfehlen ist ein spezialisierter Bachelorstudiengang beispielsweise für Studierende, die sich nicht sicher sind, ob sie Informatik oder BWL studieren sollen. Dann ist die Wirtschaftsinformatik eine gute Lösung, die beide Optionen für einen Masterstudiengang eröffnet.
Deutsch und Mathe als Leistungskurs
Welche Voraussetzungen sollten junge Menschen neben der Hochschulreife mitbringen, um diese Fächer zu studieren? Die Professoren sind sich einig: Sie sollten unbedingt abstrakt denken können und eine Affinität zu Computern und Mathematik mitbringen. „Wer nur gern zeichnet und deshalb Medieninformatik studiert, wird bei uns nicht glücklich“, sagt Professor Bruns. Professor Broy ergänzt: „Ein guter Informatiker sollte Offenheit mitbringen und ein Interesse an Problemlösungen." Wichtig seien auch ein sauberer Umgang mit Sprache und auch gute Englischkenntnisse, denn die Fachliteratur sei größtenteils in englischer Sprache. „Matheleistungskurs im Abitur ist nützlich, optimal finde ich die Kombination Mathe und Deutsch als Leistungskurse“, meint Manfred Broy.
Und was du bei der Auswahl des passenden Studiums auch bedenken solltest: Manche Hochschulen fordern einen bestimmten Notendurchschnitt oder du musst wie an der Technischen Universität München ein Eignungs-feststellungsverfahren mit Auswahlgespräch bestehen.
Die Dauer des Studiums bis zum Bachelorabschluss beträgt in der Regel drei bis vier Jahre. Damit ist häufig ein direkter Berufseinstieg möglich. Führungspositionen oder Tätigkeiten in Wissenschaft und Forschung erfordern im Anschluss oftmals ein Masterstudium, das bis zu zwei Jahre dauert. „Ich denke, die Studierenden sollen das selbst regeln. Ehrgeizige junge Menschen, die Karriere machen wollen, werden sich in der Regel für den Master entscheiden“, schätzt Manfred Broy von der TUM. Angeboten wird die Informatik in ihren Spielrichtungen sowohl an Fachhochschulen und Universitäten als auch an Berufsakademien. Und: Wer sich im Bachelorstudium lieber breit aufstellen will, der hat in der Regel die Möglichkeit, auch in der allgemeinen Informatik einen Schwerpunkt wie etwa Medizin zu wählen.
Darauf weist auch Stefan Jähnichen, Präsident der Gesellschaft für Informatik (GI), Leiter des Fraunhofer-Instituts für Rechnerarchitektur und Softwaretechnik (FIRST) und Professor an der TU Berlin, hin: „Spezialisierung muss natürlich sein. Aber das können Studenten auch innerhalb eines klassischen Informatikstudiengangs tun.“ Er plädiert dafür, im Bachelorbereich Wert auf eine solide Grundausbildung zu legen und im klassischen Informatik-Masterstudiengang ein breites Spektrum an Vertiefungen anzubieten. Ein weiteres Argument dafür, sich grundständig breit aufzustellen: Die Auswahl ist groß. Die Studiengangsuchmaschine Hochschulkompass listet zurzeit 1.376 verschiedene grundständige und weiterführende Angebote in der Informatik. „Im Bachelorbereich finde ich das schwierig, denn wie soll ein Schüler sich da entscheiden?“, fragt Stefan Jähnichen. Auch Werner Brendli, Berater für akademische Berufe der Agentur für Arbeit München, rät davon ab, sich zu früh festzulegen: „Im Laufe des Studium ändern sich manchmal noch die Interessen. Wer nach dem Abitur noch in den Medien arbeiten wollte, entscheidet sich im Studium vielleicht nochmals um und will im Bereich Gesundheit tätig werden. Da ist es gut, wenn man ein allgemeines Informatikstudium begonnen hat und sich dann im Master spezialisiert“, weiß der Berufsberater.
Aber die Experten sind sich auch hier einig: Wer sich sicher ist, dass er den richtigen Bindestrich-Studiengang für sich gefunden hat, der soll sich trauen. So wie Silvia Graumann, die ihre Entscheidung nicht bereut. Sie studiert inzwischen im achten Semester und schreibt ihre Diplomarbeit über die systemübergreifende Entwicklung von Anwendungsprogrammen für Handys, kurz „Apps“ genannt.
Querschnitts- und Expertenwissen nötig
Das Thema liegt genauso im Trend wie das Berufsbild des Informatikers. Denn dass es mittlerweile so viele verschiedene Bindestrich-Studiengänge gibt, führt Professor Mündemann von der Fachhochschule Brandenburg etwa darauf zurück, dass Informatik in immer mehr Bereiche des (Arbeits)lebens eindringt. „Informatik hat sich einerseits zu einer eigenständigen Disziplin entwickelt, andererseits ist sie für spezielle Bereiche Dienstleister. Das setzt voraus, dass ein reiner Informatiker Querschnitts- und auch Expertenwissen hat.“ Dieses Spezialwissen wird in Bindestrich-Studiengängen mit der reinen Informatik verknüpft.
Nach Informationen der Bundesagentur für Arbeit (BA) geht das Vordringen der Informatik in immer mehr Arbeits- und Lebensbereiche einher mit einem überdurchschnittlichen Zuwachs an Arbeitsplätzen für Computerspezialisten. 2010 waren rund 120.000 IT-Experten mehr als noch vor zehn Jahren in Deutschland beschäftigt und damit gut ein Viertel mehr als zur Hochphase der „New Economy“ um die Jahrtausendwende. Und egal, ob Bindestrich- oder allgemeine Informatik: „Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind zurzeit sehr gut“, weiß Berufsberater Brendli. Auch nach Professor Mündemanns Erfahrungen haben sowohl angewandte Informatiker als auch Spezialisten gute Jobchancen. „In der Praxisphase geben viele Unternehmen unseren Studierenden bereits einen Arbeitsvertrag."






