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Interview

Von Anfang an mit Vollgas studieren

Informatik pur oder doch lieber mit Wirtschaft? Und wie sind überhaupt die Arbeitsmarktaussichten? abi>> im Gespräch mit Professor Manfred Broy von der Technischen Universität München (TUM).

abi>>: Die Bindestrich-Informatik ist in aller Munde. Kann man hier tatsächlich von einem Trend sprechen?

Manfred Broy: Für die Bachelorstudiengänge trifft das sicher nicht zu. Hier gibt es nach wie vor wenige spezielle Angebote. Bei den Masterstudiengängen sieht es anders aus, hier ist ein Trend zu speziellen oder, wie wir sagen, interdisziplinären Studiengängen zu beobachten.

abi>>: Worauf führen Sie diesen Trend zurück?

Manfred Broy hat kurze weiße Haare und trägt einen Braunen Anzug.

Manfred Broy

Foto: Privat

Manfred Broy: Der Master ist kürzer und er kann auch spezialisiert angeboten werden. Da ist es einfacher, einen interdisziplinären Studienplan zu erstellen. Im Bachelorstudium hingegen sollen die Studierenden auf ein bestimmtes wissenschaftliches Niveau gebracht werden. Hier geht es darum, eine breite Grundlage zu schaffen.

abi>>: Warum gelingt es den neuen spezialisierten Studiengängen, Frauen zu gewinnen, während die Zahl der weiblichen Studierenden in den klassischen Studiengängen bestenfalls stagniert?

Manfred Broy: Diese Frage kann ich nur für unsere eigenen Studiengänge beantworten. Es gibt ein tief verwurzeltes Vorurteil gegenüber vielen technischen Studiengängen. Es ist eine Imagefrage, die nur schwer greifbar ist, und wir haben es leider noch nicht geschafft, dieses Vorurteil zu revidieren. Ich denke, es beginnt schon in der Schule, dass das Fach Informatik sehr stark eingeengt und nur mit Programmierung verbunden wird. Unsere Beobachtung ist, dass Frauen sich im Mischstudiengang mit dem zweiten Fach identifizieren können und sich einschreiben. Anhand der Studienergebnisse wird allerdings deutlich, dass die Studentinnen auch einen klassischen Informatikstudiengang sehr gut abschließen können.

abi>>: Aber an der TUM werden doch nun auch Bindestrich-Studiengänge im Bachelor angeboten. Ist das nicht ein Widerspruch?

Manfred Broy: Nein. Wir bieten spezialisierte Bachelorstudiengänge in der Wirtschaftsinformatik, Bioinformatik und im Gaming an. Für diese drei Studiengänge sehen wir ein eigenes Berufsfeld und die Studierenden lernen alles, was sie brauchen, um in diesem Bereich zu arbeiten. Vor allem der Bereich Gaming ist stark nachgefragt. Die Spielindustrie boomt und die ernsthafte Informatik hat diesen Bereich bisher fast ignoriert. Hier starten wir ein Experiment. Beispielsweise führt die Bilderzeugung zu spannenden Fragen in der Informatik. Die Umsetzung einer Story in eine Bildsequenz erfordert es, den Ablauf in seiner Bedeutung im Kern zu erfassen und dann in bewegte Bilder umzusetzen. Dabei gibt es viele Zusammenhänge etwa zur Robotik oder zur Prozessmodellierung.

abi>>: Wie kommen die hohen Abbrecherquoten in der Informatik zustande?

Manfred Broy: Erfreulicherweise gehen die Abbrecherquoten ein Stück weit zurück. Aber man muss unterstreichen: Informatik ist ein anspruchsvolles Studium. Zu Problemen kommt es häufig, wenn die Abiturienten mit falschen Vorstellungen starten. Es gibt viele junge Menschen mit praktischer Programmiererfahrung, die aber mit der wissenschaftlichen Informatik, also mit der systematischen Durchdringung der Inhalte nicht zurechtkommen. Ein anderer Teil schafft die Prüfungen nicht und muss aufgeben.

abi>>: Wie haben Sie die Abbruchrate senken können?

Manfred Broy: Mit der Einführung des Eignungsfeststellungsverfahrens können wir in den Gesprächen mit den Bewerbern prüfen, ob die Vorstellungen vom Studium passen und ob die intellektuellen Fähigkeiten ausreichend sind, um das Studium zu bewältigen. Wenn wir begründete Zweifel haben, lehnen wir den Bewerber ab.

abi>>: Ist es angesichts des großen Erfolgs der neuen Studiengänge nicht sinnvoll, die Studieninhalte der reinen Informatikstudiengänge zu reformieren?

Manfred Broy: Das ist natürlich sinnvoll und wir tun es auch andauernd. So beschäftigen sich die Studierenden heute schon in den ersten Semestern mit der Kommunikation für das Internet, mit Datenbanken und dem Software Engineering. Das sind Inhalte, die im früheren Diplomstudiengang erst für das Hauptstudium vorgesehen waren.

abi>>: Was empfehlen Sie Abiturienten, die Informatik studieren wollen?

Manfred Broy: Bevor sie das Studium aufnehmen, ist empfehlenswert, sich in der Berufspraxis umzuschauen und etwa ein Praktikum in der Informatikindustrie zu absolvieren. Daneben ist es wichtig, von Anfang an mit Vollgas zu studieren. In der Schule wird meist behütet gearbeitet, an der Uni ist das nicht mehr der Fall. Bei uns wird keiner mehr darauf hingewiesen, dass er mehr tun muss. Viele Studierende berichten mir, dass sie sehr gute Erfahrungen haben, wenn sie sich zu Lerngruppen zusammentun.

abi>>: Gibt es gute Tests, die bei der Feststellung der Eignung helfen?

Manfred Broy: Tests gibt es viele. Aber wir sind nicht so ganz überzeugt davon. Wie schwierig es ist, die Eignung der Bewerber zu erkennen, merke ich immer wieder in den Auswahlgesprächen. Klar gibt es eindeutige Fälle, da sieht man schon in den schriftlichen Unterlagen, dass die Noten stimmen und das Interesse an Informatik nachvollziehbar ist. Aber bei 50 Prozent der Fälle entscheiden wir erst nach dem Gespräch, ob wir den jungen Menschen zulassen. Vor allem bei Bewerbern mit unterdurchschnittlichem Abitur und einem eher intuitiven Zugang zum Computer ist es schwierig abzuschätzen, ob sie die Voraussetzungen mitbringen, das Studium erfolgreich abzuschließen. Darüber verschaffen wir uns in einem persönlichen Gespräch Klarheit.

abi>>: Wie sind die Arbeitsmarktchancen für Informatiker und Bindestrichinformatiker?

Manfred Broy: Da reicht ein Wort: hervorragend! Die Unternehmen suchen händeringend Fachleute. Dementsprechend gut sind die Verdienstmöglichkeiten und die Karrierechancen. Viele unserer Studierenden schreiben ihre Abschlussarbeit bei Unternehmen und werden dann gleich engagiert. Diese günstige Prognose gilt für Absolventen allgemeiner Informatikstudiengänge gleichermaßen wie für spezielle Studiengänge. Der Arbeitsmarkt ist sehr breit gefächert. Medieninformatiker haben in den Medien alle Chancen. Aber ein Medieninformatiker kann sicher auch in einer anderen Sparte eine Stelle finden. Die Chancen hängen immer von der aktuellen Situation ab. Wenn das Unternehmen den gesuchten Spezialisten am Arbeitsmarkt nicht findet, kommt eben der zum Zug, der  am besten geeignet scheint und dem das Unternehmen zutraut, dass er sich einarbeitet.

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