Gut zum Leben
Spannende Karrieren im Dienst des Menschen - das bieten die Life Sciences. Zu den sogenannten "Lebenswissenschaften" gehört die Biotechnologie, einer der stärksten Wirtschaftszweige in Deutschland, sowie im Grunde alle Studienfächer, die an und mit Lebewesen forschen.
Stäbchen, wie sie beispielsweise im Ohr vorkommen.
Foto: Kaulitzki
Computerchips, die helfen Prothesen zu bewegen, Bakterien, die verseuchte Böden reinigen, geklonte Schweine, die doppelt so schnell, doppelt so schwer die Schlachtreife erreichen, oder einfach ein Fenster, das man nicht mehr putzen muss: Keine andere Branche, keine andere Forschungsrichtung vermag derzeit bei den Menschen mehr Hoffnung und Wünsche zu wecken als die sogenannten „Lebenswissenschaften“ oder „Life Sciences“, wie der ursprüngliche englische Begriff heißt.
Dabei gibt es sie bei genauem Hinsehen eigentlich gar nicht – zumindest hat der Begriff „Lebenswissenschaften“ derart viele Facetten, dass diese oft schwer vereinbar scheinen. „Bei Life Sciences geht es um Gesundheitsvorsorge/Wellness, Diagnose und individualisierte Therapie von Krankheiten sowie Mikrochirurgie und intelligente Implantate“, beschreibt etwa das Bundesministerium für Bildung und Forschung das Phänomen. Ein sehr enges Verständnis, rechnen sich doch auch fast all jene Studienfächer zu den „Life Sciences“, die an und mit Lebewesen forschen, um aus den Erkenntnissen Anwendungen und Produkte zur Verbesserung der Lebensqualität und Umwelt des Menschen zu entwickeln. Dazu gehören nicht nur die klassischen Wissenschaften wie Medizin, Biologie oder Pharmazie, sondern auch Teilbereiche der Ingenieurwissenschaften. Sie alle tragen heute ganz erheblich zum Erfolg der „Life Sciences“ bei, beispielsweise mit verwertbaren Patenten für die Biotech-Industrie, mit neuen Produktionsverfahren oder indem sie Forschungswege vereinfachen oder simulieren.
Von Rot bis Grün
Die wirtschaftlich bedeutendste Sparte der „Life Sciences“, die stark von der Politik in sogenannten „Clustern – regional vernetzte Standorte – gefördert wird, ist die Biotechnologie. Sie lässt sich grob in die drei Bereiche weiße, grüne und rote Biotechnologie einteilen. Die weiße ist dabei für die Verbesserung industrieller Techniken verantwortlich, grüne Biotechnologie nutzt die Agrarwissenschaften und Biochemie, um Pflanzen gentechnisch anpassen zu können, und die rote Biotechnologie beschäftigt sich mit der Entwicklung neuer therapeutischer und diagnostischer Verfahren.
„Der gegenwärtige Erfolg der Life Sciences in Deutschland“, sagt der Sozialwissenschafter Dr. Rainer Paslack von der International Academy of Life Sciences – einer der ersten und ältesten deutschen Interessengruppen für Wissenschaftler und Unternehmer aus diesem Bereich – „ruht auf drei Säulen: dem Boom der biotechnologischen Wirtschaft, dem Hochschulreformprozess, der eine praxisnahe Ausbildung der Studierenden fördert und als Drittes auf einer Neuorientierung innerhalb der Grundlagenforschung.“ Hatte nämlich bisher jedes Fach, von Physik über Biologie und Chemie bis zu Medizin seine eigenen Forschungsmethoden, so nähern sich diese Bereiche immer weiter an – Biochemie, Biophysik, Zellchemie und -biologie, das sind nur einige wenige Bereiche, in denen sich die Methoden der einst getrennten Fakultäten vermischen. „Dazu kommt, dass zum Beispiel die Entschlüsselung des menschlichen Genoms gar nicht möglich wäre, ohne die Unterstützung hochkomplexer Informatik“, stellt Dr. Rainer Paslack fest. „Damit braucht es auch eine ganz neue Art von Spezialisten – also jemand, der als Ingenieur Informatik beherrscht und als Molekularbiologe die Anforderungen der Wissenschaftler an die Programme verstehen kann.“
Boomende Branche
Auf diese Anforderungen haben die Hochschulen reagiert: Eine ganze Reihe von Fachhochschulen und Universitäten bieten inzwischen Studiengänge an, die explizit den Namen „Life Sciences“ oder „Lebenswissenschaften“ im Titel führen, von „Life Science Engineering“ über „Molekulare Lebenswissenschaft“ bis zu „Applied Life Sciences“. Die Fachhochschule Kaiserslautern etwa ergänzt in ihrem Bachelor- und Master-Studiengang Applied Life Sciences Kurse in Medizin, Biologie und Chemie mit entsprechenden Ingenieurdisziplinen, insbesondere der Mikrosystemtechnik. Sie bietet Ausbildung und Forschung an der Schnittstelle zwischen Lebewesen und Computertechnik. An der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin wurde mit der Umstellung des Diplom-Studienganges „Verfahrenstechnik“ auf den Bachelor- und Masterstudiengang „Life Science Engineering“ das klassische Ingenieurfach um naturwissenschaftliche Fächer wie Physik, Biologie und Chemie erweitert (siehe Interview mit Professor Claudia Baldauf).
„Ganz abgesehen davon, dass Absolventen im Bereich der Life Sciences heute ohnehin exzellente Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, sehe ich in der Zukunft einen besonderen Bedarf an Absolventen, die sich intensiv mit Computern und Software für die Biotechnologiebranche beschäftigt haben“, rät Dr. Heike Seitz vom Verein Deutscher Ingenieure e.V. (VDI), „Es gibt auch spannende, junge Studienrichtungen, wie etwa Bionik, die künftig an Bedeutung gewinnen werden.“ Bionik wird derzeit in Deutschland als eigener Studiengang nur an der Fachhochschule Bremen angeboten. Sie versucht anhand von Vorbildern aus der Natur, Lösungen für technische Entwicklungen zu finden. Material und Ressourcen schonende Bauweisen etwa oder eben den Lotuseffekt, der Schmutz von Fassaden und Fenstern einfach abperlen lässt, denn wer putzt schon gerne Fenster.

