„Als Abiturientin stieß ich zufällig auf den Studiengang und informierte mich dann ausführlich“, erinnert sich Adriana-Victoria Dreyer. Dabei erfuhr die junge Frau auch, dass die Universität Bielefeld bislang die einzige deutsche Hochschule ist, die den Studiengang „Kognitive Informatik“ anbietet. An anderen Hochschulen wird das Fachgebiet etwa als Schwerpunkt „Kognitive Systeme“ im Rahmen von grundständigen Studiengängen der Angewandten Informatik vermittelt. An den Unis Bamberg und Osnabrück gibt es aufbauend die beiden Masterstudiengänge „Computing in the Humanities“ und „Cognitive Science“. Franz Kummert, Informatik-Professor in Bielefeld, sagt: „Der Begriff ‚Kognitive Informatik’ ist also nicht so eingebürgert wie Bioinformatik, wo es mehr eigenständige Studiengänge gibt. Ich bin mir aber sicher, dass die ‚Kognitive Informatik’ eine ähnliche Entwicklung nimmt und es zukünftig mehr eigenständige Studiengänge unter diesem Label geben wird.“
Adriana-Victoria Dreyer, die an der Bielefelder Uni im zweiten von insgesamt sechs Semestern studiert, ist mit ihrer Wahl zufrieden: Erste Grundlagen legten Informatikkurse an der Schule und die Tatsache, dass sie schon als Siebtklässlerin mit ihrem Vater zusammen kleine Spiele programmierte. „Die Mathe-Seminare an der Uni sind sehr anstrengend. Aber das Schöne an meinem Studium ist: Die Fächer sind alle auf ‚Kognitive Informatik’ zugeschnitten. Ich weiß also genau, wofür ich Algebra und Algorithmen brauche. Und dann macht das Lernen Spaß.“ Mit bestimmten Vektorrechnungen beispielsweise kann sie später berechnen, wie sich ein Roboter von einem Platz zum anderen bewegt. „Da spielen natürlich auch noch physikalische Faktoren eine Rolle, deshalb ist Physik ebenfalls ein Fach, das wir im Grundstudium belegen müssen.“
Die Komplexität des Seins
Genauso gehören verhaltensbiologische Seminare zur Grundausbildung von Kognitiven Informatikern. Um Robotern später künstliche Intelligenz beizubringen, muss man erstmal wissen, wie Denkprozesse bei Tier und Mensch ablaufen. Allein das Augenmaß auf Maschinen zu übertragen, sei schon eine Herausforderung, wie die 20-Jährige bestätigt: „Wie bringe ich einem Roboter bei, einzuschätzen, wie viel Kraft er aufbringen muss, um ein Marmeladenglas zu öffnen? Das ist eine große Aufgabe, mit der sich ganze Forschungsprojekte beschäftigen.“
Sie selbst ist von der Praxis allerdings noch ein paar Semester entfernt. Zurzeit sitzt die Studentin viel im Hörsaal, um die Theorie zu lernen. Sie muss sich Programmiersprachen aneignen, Datenstrukturen, Betriebssysteme, Rechnerarchitektur, die Grundlagen theoretischer Informatik sowie neurobiologische Grundlagen. Hinzu kommen Vertiefungsmodule, die speziell für die Kognitive Informatik von Bedeutung sind: Künstliche Intelligenz, Robotik, Mensch-Maschine-Interaktion, Mustererkennung oder Sprachsignalverarbeitung. An die praktische Umsetzung des Gelernten geht es später in Projektarbeiten.
Um ihre berufliche Zukunft macht sich Adriana-Victoria Dreyer keine Sorgen: „Der Roboter für Pflegebedürftige ist schon in der Diskussion. Die Entwicklung von Maschinen, die Einkäufe tätigen, steckt zwar noch in den Kinderschuhen, der Bedarf ist aber da. Dabei wird auch die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine immer wichtiger. Roboter müssen leicht zu bedienen sein, damit sie Einzug in den Alltag der Menschen halten können.“ Mögliche Berufsfelder von Kognitiven Informatikern sind Entwicklungsabteilungen des Maschinen- und Anlagenbaus oder der Automobilindustrie. Außerdem können sie etwa in der Entwicklung von Computerspielen oder virtuellen Agenten – dazu gehören beispielsweise anpassungs- oder lernfähige Computerprogramme – tätig sein.





