Finanzkrise und Kapitalismustheorie
Gut, dass Yasemin Yilmaz damals in der zwölften Klasse zum Infotag der Friedrich-Alexander-Uni in Erlangen gegangen ist. Sonst hätte die Nürnbergerin nie erfahren, dass es ein Studienfach gibt, das ihren Interessen zu 100 Prozent entspricht: die Soziologie.
Yasemin Yilmaz studiert Soziologie an der Uni Erlangen-Nürnberg.
Foto: Privat
Gesellschaftliche Themen hätten sie schon immer interessiert, blickt die 20-Jährige zurück, aber sie habe gar nicht gewusst, dass es eine eigene Wissenschaft über die Gesellschaft gibt. Und so sollte eigentlich Englisch ihr Hauptfach werden - bis Yasemin Yilmaz auf besagtem Infotag mit Fragen konfrontiert wurde wie, „Auf welche Weise beeinflusst die Gesellschaft den Einzelnen?" oder aber: „Aus welchen Individuen setzt sich die Gesellschaft zusammen?". „Das ist es", dachte sich Yasemin Yilmaz, „das will ich studieren." Und so wurde Soziologie zum Erstfach ihres Zweifach-Bachelors und Englisch rückte eben auf Platz Zwei.
Meinungsforschung oder Medien?
„Meine Wahl war richtig! Das Studium ist sogar noch besser, als ich gedacht hatte", sagt Yasemin Yilmaz - inzwischen im dritten Semester - heute. Oft genug habe sie sich vorher Abschätziges anhören müssen nach dem Motto: „Was willst du denn mit Soziologie? Da kriegt man doch eh keinen Job."
Wie falsch die Kritiker mit dieser Einschätzung liegen, weiß Matthias Klemm, Studienfachberater und selbst Soziologe, genau. Nur vier Monate bräuchten die Soziologie-Absolventen der Erlanger Uni, bis sie ihren ersten Job bekämen. „Soziologie studiert man nicht für ein bestimmtes Berufsfeld wie etwa die Sozialarbeit", erklärt Matthias Klemm, „dafür steht den Absolventen ein breites Spektrum an Möglichkeiten offen." Und das reicht in der Tat von Jobs im Personalwesen, Werbung oder PR über eine Tätigkeit in den Medien, bei Meinungsforschungsinstituten, in der Weiterbildung bis zum Kulturmanagement sowie in der privaten oder universitären Forschung. Darauf, dass auf sie spannende Tätigkeiten warten, hoffen an der Friedrich-Alexander-Uni 848 Studierende, die im laufenden Wintersemester für Soziologie eingeschrieben sind - in den Studiengängen Magister, Bachelor oder Promotion.
Master ist geplant
Auch Yasemin Yilmaz schätzt ihre Berufschancen positiv ein. Im Moment tendiere sie dazu, später in die Forschung zu gehen, weshalb sie sich auch gerade um ein Praktikum bei der Gesellschaft für Konsumforschung in Nürnberg bemüht. Das Praktikum ist Pflicht im Soziologie-Bachelor in Erlangen.
Doch steht für die Deutsch-Türkin noch nicht so sehr der spätere Beruf im Vordergrund. Vielleicht kann sie ja sogar noch einen Master dranhängen. Der weiterführende Soziologiestudiengang ist in Erlangen jedenfalls in Planung.
Im Moment konzentriert sich Yasemin Yilmaz auf ihre Vorlesungen und Proseminare. Von denen ist sie ganz begeistert. Wie sehr, sieht man daran, dass sie mehr Seminare belegt hat, als ihr das Bachelorstudium vorschreibt. „Aber ich muss ja auch nicht arbeiten wie die meisten meiner Kommilitonen", sagt Yasemin Yilmaz fast entschuldigend. Ihr Abischnitt von 1,1 wurde mit einem Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes belohnt. Der Studiengang Soziologie ist an der Uni Erlangen-Nürnberg allerdings zulassungsfrei.
Ohne Statistik läuft nix
Also beschäftigt sich Yasemin Yilmaz intensiv damit, wieso Marx die Arbeit als Ware bezeichnet hat, wie der Theoretiker Anthony Giddens das individuelle Handeln und die sozialen Strukturen in Beziehung setzt, aber auch wie sich die aktuelle Finanzkrise mit der Kapitalismustheorie erklärten lässt.
In Erlangen gibt es verschiedene Qualifikationsprofile, auf die sich die Studenten ab dem dritten Semester spezialisieren können, darunter „Bildung und Biographie", „Kultur und Kommunikation", „Arbeit und Organisation". Welches Themenfeld Yasemin Yilmaz am spannendsten findet, kann sie gar nicht sagen. Aber eins ist klar: Statistik spielt in der Soziologie eine große Rolle, „ganz egal, ob man in der Sozialstrukturanalyse untersucht, wie sich die Demographie entwickelt oder ob man wissen will, wie sich Bildung und Sozialisation bedingen", weiß Yasemin Yilmaz.

