Dank Berufserfahrung fit für die Hochschule

Ein junger Mann liest etwas in einem Buch in der Bibliothek
Immer mehr Studieninteressierte ohne Abitur oder Fachhochschulreife wagen den Sprung an die Hochschule. Berufliche Qualifikation oder auch besondere Begabung können Turöffner sein.
Foto: Ann-Kathrin Hörrlein

Wege ins Studium ohne Abitur

Dank Berufserfahrung fit für die Hochschule

Die Möglichkeit, auch ohne Abitur oder Fachhochschulreife zu studieren, wird langsam bekannter. Mit insgesamt rund 51.000 solchen Studierenden hat sich die Anzahl zwischen 2010 und 2015 nahezu verdoppelt. Interessierten stehen mehrere Wege offen.

„Die Möglichkeiten, über den Weg einer beruflichen Qualifikation zu studieren, werden immer mehr genutzt“, betont Dr. Sigrun Nickel, Leiterin der Hochschulforschung am gemeinnützigen Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh. Sie unterscheidet zwei hauptsächliche Zugangsmöglichkeiten, um auch ohne Abitur oder Fachhochschulreife studieren zu können.
Der Meister oder ein vergleichbarer Abschluss ist der allgemeinen Hochschulreife gleichwertig. „Jemand mit einem beruflich hochqualifizierten Fortbildungsabschluss kann sowohl die Hochschule als auch das Studienfach frei wählen, muss allerdings die gleichen Hürden nehmen wie Personen mit Abitur, zum Beispiel Zulassungsbeschränkungen durch den Numerus clausus, für den die Abschlussnote entscheidend ist“, erklärt Sigrun Nickel.

Aber auch Studieninteressierte mit Berufsausbildung und mehrjähriger Berufspraxis können sich an einer Hochschule einschreiben. In diesem Fall ist die Zulassung beschränkt auf Studiengänge, die inhaltlich an die Berufsausbildung und -tätigkeit anknüpfen. Je nach Bundesland und Hochschule sind Zugangstests zu bestehen und Detailregelungen zu beachten, auch die geforderte Dauer der Berufserfahrung kann variieren. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit eines zwei- bis viersemestrigen Probestudiums oder den Hochschulzugang durch eine Begabtenprüfung.
Es gibt auch Ausnahmeregelungen oder Modellprojekte: Teils kann man mit nur einem Jahr Berufspraxis studieren. In Rheinland-Pfalz kann man mit dem Meister gleich ins Masterstudium einsteigen, wofür normalerweise der erste qualifizierende Hochschulabschluss, also der Bachelor, Voraussetzung ist. Bei den entsprechenden Masterstudiengängen handelt es sich um weiterbildende, in der Regel kostenpflichtige Angebote, die meist in Teilzeit oder als Fernstudium stattfinden. Bewerber müssen eine von der Hochschule durchgeführte Eignungsprüfung bestehen.

Zugang je nach Bundesland unterschiedlich

Wer ohne Abitur ein Studium aufnehmen möchte, dem rät Sigrun Nickel: „Informieren Sie sich unbedingt über die entsprechenden Regelungen in den einzelnen Bundesländern.“ Erst danach sollte man die gewünschte Hochschule kontaktieren. Denn obwohl sich bildungspolitische Vertreter aller Bundesländer in der Kultusministerkonferenz bereits 2009 geeinigt und beruflich Qualifizierten den Weg an die Hochschule erleichtert haben, sind die Bestimmungen von Bundesland zu Bundesland noch immer sehr verschieden. „Es kann sein, dass ich in einem Bundesland drei Jahre Berufspraxis vorweisen muss, in einem anderen nur eins“, erklärt die Expertin.

Um Interessierten mehr Orientierung zu bieten, hat Sigrun Nickel mit ihren Kollegen vom Centrum für Hochschulentwicklung den umfassenden Onlinestudienführer www.studieren-ohne-abitur.de entwickelt. Auf der Homepage finden sich beispielsweise Tipps zu Studienmöglichkeiten nach dem bisherigen individuellen Berufsweg, Adressen von Weiterbildungsberatern der jeweiligen Industrie- und Handelskammern sowie eine Datenbank mit mehr als 7.000 Studienangeboten für Studieninteressierte ohne Abitur und Fachhochschulreife.

Immer mehr Absolventen ohne Abitur

„Sich beruflich weiter zu qualifizieren, nennen die meisten als Grund dafür, auch ohne Abitur oder Fachhochschulreife ein Studium aufnehmen zu wollen“, erklärt Sigrun Nickel. Aber auch die Suche nach etwas Neuem oder der Wunsch, sich einen Traum zu erfüllen, treibe die Ratsuchenden an. „Die Leute sehen Chancen und ergreifen sie“, sagt Sigrun Nickel.

Besonders gefragt für ein Studium ohne Abitur ist der Bereich „Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften“: Laut CHE wählte im Jahr 2015 mehr als die Hälfte der 12.500 Studienanfänger ohne Abitur eines der dazugehörigen Fächer. Bemerkenswert sei zudem der Zuwachs im Bereich „Humanmedizin/Gesundheitswissenschaften“, mit einem Anstieg von noch 0,7 Prozent im Jahr 2002 auf über zehn Prozent im Jahr 2015. Bei der Wahl der Hochschulart geht die Tendenz in Richtung Fachhochschulen, an denen der Anteil der Studierenden ohne Abitur etwa 3,5 Prozent beträgt; an Universitäten sind es etwa 1,7 Prozent. Außerdem sind Fernstudiengänge oder Hochschulen mit ausgeprägtem E-Learning-Angebot beliebt, da sie es wohl erleichtern, berufsbegleitend zu studieren.

Seit 1997 entscheiden sich kontinuierlich mehr Menschen ohne Abitur für den Weg an die Hochschule. Mit Erfolg, so Sigrun Nickel: „2015 haben 6.300 Absolventen ohne Abitur ihr Studium abgeschlossen, das sind 1,3 Prozent aller Hochschulabsolventen“, schildert die Expertin und ergänzt: „Die Leute sind im Studium oft genauso erfolgreich wie Personen mit schulischer Hochschulzugangsberechtigung.“

Aufgrund dieser positiven Entwicklung empfiehlt Sigrun Nickel Menschen, die bisher wenig Berührung mit der akademischen Welt und deshalb vielleicht Vorbehalte haben: „Seien Sie mutig und werden Sie aktiv!“

Weitere Informationen

Studieren ohne Abitur

Studienführer für beruflich Qualifizierte ohne Abitur/Fachhochschulreife, Datenbank mit mehr als 7.000 Studienangeboten
www.studieren-ohne-abitur.de

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „Finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen.
www.studienwahl.de

Centrum für Hochschulentwicklung (CHE)

Das gemeinnützige CHE versteht sich als Projektpartner von Ministerien und Hochschulen und veröffentlicht unter anderem in regelmäßigen Abständen Hochschulrankings.
www.che.de

CHE- Arbeitspapier

„Update 2017: Studieren ohne Abitur in Deutschland“ gibt einen Überblick über die aktuelle Entwicklung
www.che.de/downloads/CHE_AP_195_Studieren_ohne_Abitur_2017.pdf 

Stiftung für Hochschulzulassung – hochschulstart.de

Portal für die Vergabe von bundesweit zulassungsbeschränkten Studiengängen
www.hochschulstart.de 

Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)

Das BMBF stellt Informationen rund um Bildungsthemen zur Verfügung, unter anderem auch für Studium und Weiterbildung. Für eine persönliche Beratung zum Thema Weiterbildung gibt es ein Infotelefon.
www.bmbf.de/de/weiterbildung-71.html

 

Wege ins Studium ohne Abitur: Reportage

„Es war mein Traum, meine Kreativität weiterzuentwickeln“

Nach seiner Ausbildung zum Holzbildhauer wollte Martin Pöll (26) unbedingt Bildhauerei studieren – auch ohne Abitur. Jetzt steht er kurz vor seinem Abschluss. Für das Berufsleben als selbstständiger Künstler fühlt er sich bereit.

„Ich bin eher der praktische Typ“, beschreibt Martin Pöll sich selbst. So begann er nach der mittleren Reife eine Ausbildung zum Holzbildhauer. Als er diese 2011 abschloss, wollte der gebürtige Südtiroler den Meisterabschluss erwerben. Dafür hätte er zwei Jahre Berufspraxis benötigt, doch sein Ausbildungsbetrieb meldete Konkurs an – sein Ziel geriet ins Wanken.

Ein Porträtbild von Martin Pöll

Martin Pöll

Foto: Benjamin Pfitscher

„Mein Traum war es, neben der Bildhauerei noch ein weiteres Umfeld kennenzulernen, um meine Kreativität weiterzuentwickeln“, erinnert sich der heute 26-Jährige. Noch während der Ausbildung informierte sich Martin Pöll daher bei Klassenkameraden, Lehrkräften und im Internet über weitere Möglichkeiten. Dabei stieß er darauf, auch ohne Abitur Kunst studieren zu können.

Zugang über eine Zulassungsprüfung

Er entschied sich für eine Bewerbung auf den Diplomstudiengang Freie Kunst, Schwerpunkt Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe. Dort müssen Studieninteressierte entweder eine formelle Hochschulzugangsberechtigung oder eine vergleichbare berufliche Vorbildung nachweisen.

Ohne Abi führt der Weg entweder über die Begabtenprüfung, in der die Hochschule eine besondere künstlerische Begabung und hinreichende Allgemeinbildung beim Bewerber attestiert, oder über eine Zulassungsprüfung. Martin Pöll nahm an der Zulassungsprüfung teil. Dazu musste er – wie auch die Bewerber mit Abitur – eine Kunstmappe und eine kleine praktische Arbeit einreichen, wofür er eine Skulptur anfertigte. Daraufhin wurde er zur mündlichen Prüfung eingeladen – einem Gespräch, bei dem es um künstlerisch-fachliche Fragen ging. Auch diese Hürde nahm er.

Vorteil durch praktische Erfahrung

Doch „der Anfang war nicht einfach“, räumt er ein. Zum Beispiel fehlte ihm manches Mal das Allgemeinwissen, das seine Kommilitonen mit Abitur bereits mitbrachten. Dafür konnte er dank seines handwerklichen Geschicks von Anfang an mit den Maschinen sehr gut umgehen, an denen die Studierenden für ihre Projekte arbeiteten. „Und da ich schon vor dem Studium einige Aufträge privat abgewickelt hatte, war ich kontinuierliches Arbeiten gewohnt und in der Lage, ein Projekt praktisch umzusetzen“, erzählt Martin Pöll.

Das freie Arbeiten als Kunststudierender war für ihn nach dem vorher gewohnten, durchstrukturierten Schulsystem „ein Sprung ins kalte Wasser“. Zu den Inhalten seines Studiums gehörten „einige Kurse und Prüfungen, zum Beispiel am Anfang ein Malkurs“. Ansonsten setzten die Studierenden eigene Projekte um. Im zweiten Semester stand eine Zwischenprüfung an, vom fünften bis zum siebten Semester absolvierte er das Vordiplom. Etwa alle zwei Monate stellte er seinem Professor den aktuellen Stand seiner Arbeiten vor. Der 26-Jährige lernte im Studium außerdem, eine Homepage zu gestalten, mit Programmen für Bildbearbeitung umzugehen und ein eigenes Portfolio zusammenzustellen. Auch ein Auslandssemester in Island brachte ihn fachlich weiter.

Mehr Möglichkeiten dank Studium

Nun hat er sein neuntes und damit letztes Semester erreicht und die mündliche Prüfung bereits erfolgreich gemeistert. Für den praktischen Teil seines Diplomabschlusses wird er eine Einzelausstellung vorbereiten, bei der Jurymitglieder mit ihm über seine Arbeiten diskutieren werden.

Seine Bilanz zum Studium ohne Abitur fällt positiv aus: „Es hat mich sehr weitergebracht. Ich habe gemerkt, wo meine Stärken liegen, weil wir Studierenden frei arbeiten konnten und viele Möglichkeiten hatten, die Werkstätten zu nutzen.“ Außerdem könnte er sich künstlerisch nun besser verständigen, versteht die Fachsprache der Kunstbranche und hat gelernt, sich darin auszudrücken.

Mut gefasst für die Selbstständigkeit

Während seiner Ausbildung hatte Martin Pöll keine Gelegenheit, mit verschiedenen Materialien oder Maschinen zu arbeiten: „Ich habe immer nur Kundenwünsche realisiert.“ Durch das Studium konnte er eigene künstlerische Ziele verfolgen. Das hat ihn in seinem Wunsch bestärkt, sich als Künstler selbstständig zu machen. „Ich habe im Studium an verschiedenen Projekten gearbeitet, bin auf diverse Probleme gestoßen und habe diese eigenständig gelöst. Außerdem habe ich mir durch Auftragsarbeiten das Studium selbst finanziert, kann also mit Geld umgehen.“


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Stand: 17.12.2018