Geld von den Eltern, Jobben oder BAföG: Mit diesen Mitteln finanzieren laut 19. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) die meisten Studierenden ihr Studium. Brigitte Förster (23), die im ersten Semester den Master Mikro- und Nanotechnik an der FH München studiert, greift noch auf eine weitere Finanzierungsquelle zurück: Neben ihrem Job als Werkstudentin bekommt sie bereits seit 2009 – als sie noch den Bachelor Maschinenbau an der FH Regensburg absolviert hat – ein Stipendium der Stiftung der Deutschen Wirtschaft (sdw) in Höhe von 150 Euro. „Mehr als über das Geld freue ich mich allerdings über die ideelle Förderung: Die Stiftung der Deutschen Wirtschaft hat ein sehr großes Angebot an Workshops und Akademien, an denen ich teilnehmen kann.“ Für die Bewerbung war wichtig, dass Brigitte Förster Jugendlichen ehrenamtlich Schwimmstunden gegeben hat und beim heimischen Stadttheater ebenfalls ehrenamtlich half. Ein weiterer Vorteil ihres Stipendiums: „Auf den Veranstaltungen der sdw kann ich mich mit anderen Stipendiaten zu verschiedenen Themen austauschen und Kontakte fürs Leben knüpfen.“
Brigitte Förster ist Stipendiatin bei einem der zwölf großen Begabtenförderungswerke in Deutschland, die sich zur „Arbeitsgemeinschaft der Begabtenförderungswerke in der Bundesrepublik Deutschland“ zusammengeschlossen haben und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanziell unterstützt werden. Darunter gibt es Werke, die einer Partei oder Kirche nahe stehen, die gewerkschafts- oder wirtschaftsnah sind sowie die politisch und konfessionell unabhängige Studienstiftung des deutschen Volkes (Übersicht über die zwölf Begabtenförderungswerke siehe Kasten).
Welche Stiftung am besten zu einem passt, muss man herausfinden. „Man muss recherchieren, was die Profile und Anforderungen der einzelnen Stipendiengeber sind, und sich dann gezielt bewerben“, sagt Ingrid Reul, Sprecherin des Cusanuswerks in Bonn. Sich wahllos bei mehreren zu bewerben, sei keine gute Idee: „Dann müsste man sich hinsichtlich der Anforderungen und Ideale verbiegen und das ist nicht gut.“ Im Jahr 2011 erhalten rund 24.400 Studierende ein Stipendium von einem der Begabtenförderwerke, wie das BMBF mitteilt. Das entspricht einem Anteil von 1,1 Prozent an allen Studierenden. Zum Vergleich: 2005 waren es nur 13.400 (0,7 Prozent). Gefördert werden vor allem besonders begabte Studierende, „unabhängig an welcher Hochschule sie sind“, sagt Ingrid Reul. „Das gibt jedem einzelnen nicht nur die Freiheit zu entscheiden, wo er was studieren möchte, sondern man hofft natürlich auch, dass die Stipendiaten an ihren Hochschulen eine gewisse Strahlkraft auf die anderen Studierenden haben und zu mehr Engagement und Leistung anspornen.“
Die zwölf Begabtenförderungswerke sind allerdings nicht die einzigen Einrichtungen, die Stipendien an Studierende vergeben. Dazu kommen noch andere Stiftungen, Hochschulen und Unternehmen, wie Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks (DSW) in Berlin, betont. „Die Zahl aller Studierenden mit einem Stipendium ist bei unserer jüngsten Studierendenbefragung aus dem Jahr 2009 von zwei auf drei Prozent gestiegen.“ 305 Euro standen den Geförderten durchschnittlich zur Verfügung. Mit diesen Zahlen ist der DSW-Generalsekretär nicht wirklich zufrieden: „Von einem wirklich ausgebauten Stipendiensystem, wie es etwa die USA kennen, sind wir in Deutschland noch entfernt.“ Durch ein neues Stipendium komme jedoch Bewegung in die Stipendienlandschaft: das Deutschlandstipendium.
Das neue Deutschlandstipendium
Das Deutschlandstipendium ist im Sommersemester 2011 angelaufen. Inzwischen beteiligen sich circa drei Viertel der deutschen Universitäten und Fachhochschulen und haben seit Beginn des Sommersemesters Fördermittel für rund 4.800 Deutschlandstipendien eingeworben (Stand: Oktober 2011). Wer sich bei seiner Hochschule erfolgreich für eines der Stipendien beworben hat, erhält mindestens für zwei Semester, maximal über die gesamte Regelstudienzeit hinweg, 300 Euro monatlich. Davon kommen 150 Euro vom Bund, 150 Euro zahlen die Hochschulen über private Förderer – vor allem Unternehmen, aber auch Alumni – ein. „Mit dem Deutschlandstipendium sollen langfristig acht Prozent der Studierenden erreicht werden“, äußert sich das BMBF. Das Deutschlandstipendium soll über die Begabtenförderungswerke hinaus jeder Hochschule die Möglichkeit geben, begabte junge Menschen zu fördern, und gleichzeitig private Stipendiengeber mit in die Verantwortung für die Ausbildung der Fachkräfte von morgen nehmen. Über die Vergabekriterien entscheiden die Hochschulen selbst. Außerdem können Stipendien an bestimmte Fachrichtungen geknüpft sein.
Grundsätzlich werden die Deutschlandstipendien nach Begabung und Leistung vergeben, also an junge Menschen, deren bisheriger Werdegang herausragende Studienleistungen erwarten lässt und die sich gesellschaftlich engagieren, zum Beispiel in kirchlichen oder sozialen Organisationen. Dass dabei jedoch nicht nur Akademikerkinder, sondern auch Kinder eher bildungsferner Familien gefördert werden, zeigt etwa das Beispiel der Universität Duisburg-Essen: „Mehr als die Hälfte unserer Studenten sind Bildungsaufsteiger, 35 Prozent sind in Einwandererfamilien aufgewachsen. Diese Zusammensetzung findet sich eins zu eins in unserer Stipendienverteilung wieder“, sagt Rektor Ulrich Radtke. „Trotz allem muss ich aber betonen, dass es sich um ein Exzellenz- und kein Sozialprogramm handelt.“
Finanzielle und ideelle Förderung
Doch bis man Stipendiat ist, steht immer erst eines an: die Bewerbung um ein Stipendium. Entweder wird man als Stipendiat vorgeschlagen, beispielsweise von Schulleitern oder Hochschullehrern, oder man bewirbt sich selbst. Die Bewerbungsfristen bei den verschiedenen Stipendiengebern sind unterschiedlich – genauso wie die Auswahlverfahren. „Einige fördern vom ersten Semester an, andere erst danach; einige fördern Studierende, die mindestens eine bestimmte Abiturnote haben, andere legen mehr Wert auf Leistungen aus dem Studium“, sagt Ingrid Reul. Meist reichen auch nicht nur gute Noten, häufig müsse man zudem zeigen, dass man sich gesellschaftlich engagiert. Cusanuswerk-Generalsekretärin
Claudia Lücking weist darauf hin: „Bei der Bewerbung gilt: Authentisch bleiben und nicht versuchen, sich zu verbiegen. Natürlich versucht man, sein Bestes zu geben und sich als besonders gut darzustellen. Wer aber denkt, seine Persönlichkeit oder seinen Lebenslauf auf irgendwelche Erwartungen hinfrisieren zu müssen, dem kann ich nur davon abraten. Meistens ist man nicht erfolgreich damit – und wenn doch, dann würde man sich nicht wohlfühlen. Auf jeden Fall sollte man sich etwas zutrauen und nicht glauben, dass die Begabten immer die anderen sind.“
Nach der schriftlichen Bewerbung folgen meist ein oder mehrere Auswahlgespräche, in denen man seine Gründe für die Bewerbung und die eigenen Stärken noch einmal hervorheben kann. „Am besten informiert man sich individuell, welche Kriterien jeweils erfüllt werden müssen“, führt Ingrid Reul an.
Wurde das Stipendium dann bewilligt, wird ermittelt, wie viel Geld man erhält. „Alle Stipendiaten der zwölf großen Begabtenförderungswerke erhalten 150 Euro Büchergeld“, berichtet Ingrid Reul. Ob es darüber hinaus noch mehr gibt, wird ähnlich berechnet wie für das BAföG, ist also unter anderem vom Einkommen der Eltern abhängig. Der Höchstsatz liegt derzeit bei 597 Euro. Ein Stipendium plus BAföG ist in der Regel allerdings nicht möglich. Eine Ausnahme ist das Deutschlandstipendium: Dort gibt es 300 Euro für alle Stipendiaten – unabhängig vom Einkommen der Eltern und parallel zum BAföG, ohne also Kürzungen bei einer der beiden Fördermöglichkeiten zu riskieren.
Stipendiaten erhalten aber nicht nur Geld. Wichtig ist auch die sogenannte ideelle Förderung. Die zwölf Begabtenförderungswerke bieten etwa Seminare und Tagungen an, bei denen sich die Stipendiaten fächerunabhängig fortbilden können. Und auch nach Abschluss des Studiums können ehemalige Stipendiaten den Kontakt zu ihrer Stiftung aufrechterhalten und sich etwa in Alumni-Netzwerken engagieren. „Da jede Stiftung mit ihren Stipendiaten in einer bestimmten Weise ins Gespräch kommen möchte, werden auch Bildungsprogramme angeboten, die teilweise Pflicht sind“, erklärt Ingrid Reul. Beim Cusanuswerk zum Beispiel müssen die Stipendiaten einmal jährlich in den Semesterferien an einer zweiwöchigen Akademie teilnehmen, während deren bestimmte Themen behandelt werden. Das können politische Fragen, wie der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan, sein oder auch philosophische Themen. Hinzu kommen kürzere Veranstaltungen, in denen man zum Beispiel rhetorische Fähigkeiten erlernen kann. „Außerdem möchten wir, dass sich unsere Stipendiaten an den einzelnen Hochschulen zu Hochschulgruppen zusammenfinden und nicht nur gemeinsam frühstücken, sondern auch inhaltlich verschiedene Themen diskutieren.“ Darüber hinaus wird von den Stipendiaten erwartet, dass sie in regelmäßigen Abständen einen Bericht über die Fortschritte ihres Studiums vorlegen. Wer nicht bereit ist, seinen Verpflichtungen nachzukommen, oder einen deutlichen Leistungsabfall im Studium erkennen lässt, kann sein Stipendium auch wieder verlieren.
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