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Medizinstudium in Österreich

Studieren ohne Top-Abitur?

Tilman Hickethier studiert im vierten Semester an der Medizinischen Universität Innsbruck. Sein Abitur hat der Würzburger mit einem Notendurchschnitt von 2,7 gemacht. Auf eine lange Zeit der Ungewissheit, wann er in Deutschland einen Studienplatz bekommen würde, wollte er sich nicht einlassen.

TIlman Hickethier steht mit verschränkten Armen vor einem Fenster.

In Deutschland hätte Tilman Hickethier lange auf einen Medizinstudienplatz warten müssen. Jetzt studiert er in Österreich.

Foto: Privat

Der Ausweg: ein Studium in Österreich. Hier gibt es keinen Numerus clausus - ob man einen Studienplatz in Medizin bekommt, hängt vom Ergebnis eines Eignungstests ab. Im Februar 2006 meldete sich Tilman Hickethier deshalb via Internet für die Teilnahme am Eignungstest an der österreichischen Uni an. Einen Monat später fuhr er nach Innsbruck, um seine Bewerbungsunterlagen persönlich in der Zulassungsstelle abzugeben. Im Juli war es dann soweit: Weil kein Hörsaal groß genug war, nahm Tilman Hickethier gemeinsam mit über 2000 Bewerbern in den Messehallen der Stadt am EMS-Test (Eignungstest für das Medizinstudium) teil.

Eignung in zwei Phasen getest

Insgesamt sechs Stunden lang, aufgeteilt in zwei Testphasen, mussten die Kandidaten Aufgaben lösen. „Es soll festgestellt werden, ob man über bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten verfügt, die für das Studium wichtig sind", erklärt Tilman Hickethier. Die Blätter des Testheftes waren verschiedenfarbig und enthielten mehrere Untertests, etwa „Medizinisch naturwissenschaftliches Grundverständnis" oder „Konzentriertes und sorgfältiges Arbeiten". „Ein Teil der Aufgaben musste unter Zeitdruck bearbeitet werden", erinnert sich der 24-Jährige. Nach Ablauf der Frist musste umgeblättert werden. Durch die unterschiedlich farbigen Blätter konnte man so leicht kontrollieren, ob alle Bewerber tatsächlich weitergeblättert hatten.

Das Vorstellungsvermögen etwa wurde anhand verschiedener Schlauchfiguren getestet. „Das ist sinnvoll", meint der Student, „denn im Fach Anatomie lernt man viel aus Büchern und muss das Wissen auf den menschlichen Körper übertragen können." Die Teilnahme am Test sei zwar anstrengend gewesen, resümiert er rückblickend, zu viele Sorgen deswegen seien aber unnötig.

Drei Hochschulen, großer Andrang

Seit Tilman Hickethier im Wintersemester 2006/07 das Studium begonnen hat, stehen vormittags Vorlesungen auf seinem Plan, am Nachmittag finden meist Praktika statt. Weil die Vorlesungen von allen Studierenden eines Jahrgangs besucht werden, sind es meist an die 400 angehenden Mediziner, die im Hörsaal den Ausführungen lauschen. „In Österreich gibt es nur drei staatliche Hochschulen für Medizin, in Deutschland sind es hingegen über dreißig", erklärt Tilman Hickethier den Andrang. Die Praktika finden hingegen in Kleingruppen statt. So konnte der Student bereits die üblichen Untersuchungsmethoden des Arztes kennen lernen - Blutdruckmessen, Herz- und Lungengeräusche mit dem Stethoskop überprüfen, Muskelreflexe testen, EKG schreiben. „Wir haben das in zweier Gruppen und nach Geschlechtern getrennt, gegenseitig an uns selbst ausprobiert", sagt er.

Bereits im ersten Semester befasste sich Tilman Hickethier aber nicht nur mit den Naturwissenschaften, sondern lernte typische Krankheitsbilder wie Herzinfarkt, Diabetes und Bluthochdruck kennen. Im Fach Anatomie wurden konservierte Leichen seziert. „Anfangs ist es ungewohnt und man muss sich überwinden." Ab dem vierten Semester erfolgt die Lehre nicht mehr getrennt nach Fächern, sondern Inhalte werden thematisch zusammengefasst. „Beim Modul Atmung etwa nähern wir uns sowohl in den Fachpraktika als auch in den Vorlesungen aus unterschiedlichen Perspektiven dieser Körperfunktion und ihren möglichen Erkrankungen an", erklärt er.

Lebensqualität hat ihren Preis

Seine Erfahrungen im Nachbarland sind positiv. „Viele Lehrende kommen aus Deutschland, und auch die deutschen Studierenden werden akzeptiert." Allerdings hat sich der Würzbürger erst etwas an den Tiroler Dialekt gewöhnen müssen. Von der Stadt Innsbruck ist er, wie fast alle Studierenden, begeistert: Zwei Skigebiete und Bella Italia liegen quasi vor der Haustür, hinzu kommt ein reiches kulturelles Angebot. Die hohe Lebensqualität schlägt sich allerdings auch in den Kosten nieder: „Innsbruck ist teurer als vergleichbare deutsche Städte", sagt Tilman Hickethier, der für seine dreißig Quadratmeter große Wohnung 400 Euro Miete zahlt.

Wo er nach dem Studium arbeiten möchte, steht für ihn noch nicht fest. „Es ist durchaus eine Option für mich, in Österreich zu bleiben. Medizin ist eine universelle Wissenschaft. Ich kann mir auch vorstellen, noch einmal in ein anderes Land zu gehen, um es intensiv kennenzulernen", sagt er.

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