Anamnese auf Ungarisch
Durch einen Umzug nach Budapest konnte sich Dominik Lechner doch noch seinen Traum vom Medizinstudium erfüllen. Der 26-Jährige aus Rheinberg bei Duisburg studiert inzwischen bereits im achten Semester Humanmedizin an der Semmelweis-Universität in Budapest.
Dominik Lechner schätzt die Praxisnähe des Medizinstudiums in Budapest.
Foto: Privat
Während seines Zivildienstes im Rettungsdienst nach dem Abitur reifte sein Entschluss, Arzt zu werden. „Leider reichte mein Abi-Schnitt von 2,0 nicht zum Medizinstudium in Deutschland“, sagt er. So studierte er zunächst drei Semester lang Maschinenbau in Karlsruhe – bis er eine verlockende Alternative fand: ein deutschsprachiges Medizinstudium in Ungarn ohne Zulassungsbeschränkungen. „Ich bewarb mich sofort an der Semmelweis-Universität und bekam zum Glück einen Studienplatz.“
Hohe Studiengebühren
Für die Bewerbung musste Dominik Lechner lediglich ein Anmeldeformular ausfüllen, einen ausführlichen Lebenslauf, das Abiturzeugnis und ein Gesundheitsattest einreichen. Auch die Wohnungssuche lief unkompliziert. Er fand eine komplett möblierte Wohnung, die monatlich 280 Euro kostet. Der Numerus Clausus stellt für die Studierenden keine Hürde dar, allerdings kann nicht jeder die hohen Studiengebühren von 5.900 Euro pro Semester zahlen. Dominik Lechner hat das Glück, dass seine Eltern das sechsjährige Studium finanzieren.
Durch die Einteilung in Gruppen von je 20 deutschen Studierenden knüpfte er gleich zu Beginn Kontakt zu seinen Studienkollegen. „Mit dieser Gruppe mache ich alle Praktika bis zum Physikum.“ Zu den Pflichtfächern zählen unter anderem Chemie, Biologie, Biophysik, Medizinische Physik und Statistik. Als Wahlpflichtfach belegte er unter anderem Pathobiochemie und natürlich Ungarische medizinische Fachsprache. Pathobiochemie ist als Ableger der Biochemie die Wissenschaft, die sich mit der Veränderung der biochemischen Vorgänge im menschlichen Körper während der Krankheit befasst. Der Unterricht ist straff organisiert und beinhaltet mehrere kleine Zwischenprüfungen während des Semesters. Die vorwiegend mündlichen Prüfungen waren für den deutschen Studenten schwierig und ungewohnt. „Im Vergleich zu den ungarischen Studierenden bringen wir eine schlechtere naturwissenschaftliche Schulausbildung mit, so dass wir im ersten Semester entsprechend viel nachholen mussten.“
Sehr positiv dagegen findet er die Praxisnähe. „Im Anatomie-Unterricht stehen wir mehrere Stunden in der Woche im Seziersaal und präparieren selbstständig. Während der Pathologie-Ausbildung habe ich sicher an mindestens 28 Sektionen teilgenommen.“ In der Klinik werden im wöchentlichen Praktikum acht Studierende von einem Arzt betreut, und man geht jeweils zu zweit zum Krankenbett, um den Patienten zu befragen beziehungsweise zu untersuchen. Danach werden die Fälle gemeinsam besprochen. Im Anschluss an das sechste Semester sieht das Studium einen vierwöchigen Einsatz in einer internistischen Abteilung eines Krankenhauses vor. Diese sogenannte Famulatur absolvierte Dominik Lechner in einer Klinik für Innere Medizin in Budapest.
Patienten persönlich betreuen
Durch die sehr enge Zusammenarbeit mit den Ärzten und die Befragung der Patienten, die sogenannte Anamnese, auf Ungarisch konnte er nicht nur fachlich viel lernen, sondern auch seine Sprachkenntnisse verbessern. „Ungarisch ist eine der schwierigsten Sprachen der Welt und eine große Barriere für eine gute Integration. Am Anfang hatte ich Schwierigkeiten, ein Paket auf der Post aufzugeben oder mich um einen Strafzettel fürs Auto zu kümmern. Doch es gab immer Leute, die englisch oder sogar deutsch sprachen und mir behilflich waren.“
Begeistert ist der Student vom vielfältigen kulturellen Angebot der ungarischen Hauptstadt. „Vom Opernbesuch bis zum Rockkonzert kleiner Budapester Bands habe ich schon alles ausprobiert. Auch das Nachtleben, zum Beispiel in den alternativen Künstlerkneipen und Cafés, ist nicht zu unterschätzen.“ Am Anfang fühlte sich der angehende Arzt fremd in der Stadt, doch sehr schnell lernte er die Vorzüge wie die geringen Lebenshaltungskosten, das kulturelle Angebot und die enge Gemeinschaft der Studierenden zu schätzen. Inzwischen fühlt er sich in Ungarn zu Hause. „Meine Erwartungen an das Studium und an das Land haben sich mehr als erfüllt. Ich habe Freundschaften fürs Leben geschlossen, genieße eine gute medizinische Ausbildung und verbringe eine aufregende Zeit in einem aufstrebenden osteuropäischen Land.“ Nach dem Studium schwebt ihm eine Facharztausbildung in der Endokrinologie vor – einem Teilgebiet der Inneren Medizin, das sich mit Hormonen beschäftigt –, allerdings nicht mehr in Ungarn, sondern in Deutschland.





