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Frauenstudiengänge

Von wegen "Kochlöffelinformatik"

Mehr Frauen für MINT-Berufe gewinnen: Das ist das Ziel sogenannter Frauenstudiengänge. Der erste Frauenstudiengang in Deutschland wurde im Wintersemester 1997/98 an der heutigen Jade Hochschule in Wilhelmshaven gegründet. Derzeit gibt es fünf solcher Angebote, alle an Fachhochschulen.

Auf dem Bild sind zwei Frauen mit Schutzbrillen vor einer Diamantbeschichtungsanlage zu sehen.

Rund 540 Frauen studieren bundesweit in Frauenstudiengängen.

Foto: Riese

Neben Wirtschaftsingenieurwesen in Wilhelmshaven sind das Wirtschaftsingenieurwesen an der Fachhochschule Stralsund, der Internationale Frauenstudiengang Informatik an der Hochschule Bremen, WirtschaftsNetze (eBusiness) an der Hochschule Furtwangen University (HFU) sowie Informatik und Wirtschaft an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin (siehe Übersicht Frauenstudiengänge). Kleine Kursgruppen, hohe Praxisnähe und monoedukative Veranstaltungen – also nur für Frauen – ist allen Frauenstudiengängen gemeinsam, es gibt aber auch Unterschiede: In Bremen ist beispielsweise ein Auslandssemester Pflicht, in Stralsund ein Vorpraktikum. Berlin bietet die Möglichkeit, auf e-Learning-Angebote zurückzugreifen, Studentinnen an der HFU werden von Mentoren aus der Wirtschaft begleitet und in Wilhelmshaven ist es jederzeit möglich, auch an Veranstaltungen des gemischten Studiengangs teilzunehmen. Über fehlende Bewerberinnen können sich die Hochschulen nicht beklagen: In der Regel werden die verfügbaren Studienplätze – zwischen 30 und 70 –besetzt.

Eine der Studentinnen im Internationalen Frauenstudiengang Informatik (IFI) in Bremen ist Konstanze Steinhausen. In der Schule war Mathe eines ihrer Lieblingsfächer, für Technik hat sich die 23-Jährige schon als Jugendliche interessiert. „Allerdings habe ich nie einen Rechner auseinander- und wieder zusammengebaut“, erzählt sie. Das hat sie zum ersten Mal im Studium gemacht, im Modul „Rechnerarchitektur“. „Das ist das Schöne am Frauenstudiengang: Es sind keine Vorkenntnisse nötig.“ Die Studentinnen fangen im ersten Semester bei Null an, holen dann aber im Stoff schnell auf, um nach einem Jahr auf demselben Niveau wie die Studierenden der anderen Informatikstudiengänge an der Hochschule zu sein. „In den ersten zwei Semestern sind die Frauen in allen Lehrveranstaltungen unter sich“, erklärt die angehende Informatikerin. Dort werden ihnen die Grundlagen der Informatik wie auch die Programmiersprache Java und HTML beigebracht.

Auf dem Bild ist eine junge Frau mit blonden Haaren zu sehen.

Konstanze Steinhausen

Foto: Privat

Ab dem dritten Semester belegen die Studentinnen auch Kurse mit den anderen Studierenden. „Sicher kommen mal Kommentare wie: Im Frauenstudiengang machen sie ‚Kochlöffelinformatik’, aber wir wissen, was wir können und werden sehr gut ausgebildet.“ Immerhin hat sie während ihres Pflichtsemesters im Ausland an der Blekinge Tekniska Högskola in Schweden ausschließlich Kurse für Masterstudierende besucht – und war mit ihrem Bachelorwissen bestens dafür gerüstet.

Inzwischen ist Konstanze Steinhausen im siebten Semester und Programmieren ist ihre Leidenschaft. „Informatik ist genau mein Ding. Außerdem bin ich durch das Auslandssemester viel selbstständiger geworden. Ich würde mich immer wieder für IFI entscheiden“, sagt sie. Auf die Arbeitswelt fühlt sie sich gut vorbereitet, etwa durch praxisbezogene Fächer wie Softwaretechnik oder Entwicklungsprojekte. „Nach dem Bachelor möchte ich erst mal in der Softwareentwicklung arbeiten, später aber unbedingt ein Masterstudium machen und vielleicht sogar promovieren.“

Die Stärken von Frauen bedienen

Konstanze Steinhausen ist eine von über 140 Frauen, die momentan in IFI eingeschrieben sind. Bundesweit studieren aktuell rund 540 Frauen in Frauenstudiengängen. „Der Anteil der Frauen in den naturwissenschaftlich-technischen Studiengängen ist nach wie vor gering“, erläutert Heide-Rose Vatterrott, Professorin in IFI an der Hochschule Bremen. Das Statistische Bundesamt bestätigt: Im Wintersemester 2009/10 lag der Frauenanteil in der Fächergruppe Ingenieurwissenschaften bei 20,5 Prozent, im Studienbereich Informatik gerade mal bei 15,7 Prozent. Die Professorin ergänzt: „Durch den Frauenstudiengang konnten wir den Anteil der Studentinnen in unseren Informatikstudiengängen auf 20 Prozent steigern. Und wir haben den anderen Informatikstudiengängen die Frauen nicht abgeworben, sondern zusätzliche Studentinnen für den Fachbereich gewonnen.“ Diese Erfahrung macht auch Juliane Siegeris, Sprecherin des noch jungen Frauenstudiengangs Informatik und Wirtschaft an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin: „Wir gewinnen Frauen, die sich nur für Informatik entscheiden, weil sie die Möglichkeit haben, bei uns den Frauenstudiengang zu wählen.“

Aber wie konzipiert man überhaupt einen technischen Studiengang, der „frauengerecht“ ist? „Uns war klar, dass sich Frauen mehr für praxisbezogene Inhalte einer angewandten Informatik interessieren – darum auch der Schwerpunkt Softwareentwicklung“, erklärt Axel Viereck, Gründungsprofessor von IFI in Bremen. „Zudem wollten wir die Stärken von Frauen bedienen: Organisationstalent und Kommunikationsstärke – beides enorm wichtig in Softwareentwicklungsprojekten. Darum haben wir neben den technischen Modulen auch Veranstaltungen zu Projektmanagement und Kommunikationstraining in das Curriculum integriert.“

Auch im Frauenstudiengang Wirtschaftsingenieurwesen an der FH Stralsund spielen die Soft Skills eine große Rolle, wie Professorin Petra Jordanov erklärt: „Aus diesem Grund haben wir den Schwerpunkt Kommunikation/Information/Management herausgebildet.“ Dennoch sollte man sich nicht dazu verleiten lassen, anzunehmen, dass das Stoffniveau in den Frauenstudiengängen niedriger wäre. „Ein Frauenstudiengang ist keine ‚Light-Version’“, betont Helga Urban von der Zentralen Studienberatung der Jade Hochschule in Wilhelmshaven. „Die Anforderungen und Ansprüche sind die gleichen wie in anderen technischen Fächern.“

Es klappt nicht immer

Ob Frauenstudiengänge zugelassen und gar gefördert werden, wird in den einzelnen Bundesländern rechtlich unterschiedlich gesehen. So wurde der Studiengang Technologiemanagement und -marketing an der FH Kiel, ursprünglich für Frauen geplant, im Wintersemester 2000/01 vom Wissenschaftsministerium nur in der Form genehmigt, die beiden Geschlechtern das Studienfeld eröffnete: nämlich in jeweils monoedukativen Basisveranstaltungen. „Zu Beginn hatte unser Studiengang auch einen Frauenanteil von rund 60 Prozent und wir konnten beispielsweise eigene Laborgruppen für die Studentinnen einrichten“, erklärt Professor Gerhard Waller von der FH Kiel. „Das ist mittlerweile leider nicht mehr möglich, da der Frauenanteil auf etwa 20 Prozent zurückgegangen ist, was für einen Fachbereich Informatik und Elektrotechnik dennoch sehr gut ist.“ Der Frauenstudiengang Energieberatung und -marketing an der FH Bielefeld wurde nach einigen Jahren sogar wieder ganz eingestellt. Henning Rockmann, Referent bei der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) weiß: „Grundsätzlich ist es kein Problem, einen Frauenstudiengang einzurichten, wenn die hochschul- und verfassungsrechtlichen Vorgaben bei der Konzeption berücksichtigt werden.“ Das heißt: Frauenstudiengänge können in der Regel dann problemlos starten, wenn es an den Hochschulen ähnliche Angebote für Männer gibt.

Zwei Studentinnen, eine davon mit Kopftuch, arbeiten gemeinsam an einer technischen Schaltung.

Aktuell sind 140 Frauen in IFI eingeschrieben.

Foto: IFI

Frauenstudiengänge sind aber nur eine von vielen Maßnahmen, um Frauen für MINT-Fächer zu begeistern – setzen allerdings auch erst sehr spät an. „Lehrkräfte sollten die Mädchen bereits in der Schule ganz selbstverständlich an technische und naturwissenschaftliche Aufgaben heranführen“, sagt Heide-Rose Vatterrott von der Hochschule Bremen. Hier setzen zahlreiche MINT-Angebote für Mädchen an: Angefangen beim Girls’Day bis hin zu den Schnuppertagen an Hochschulen und anderen Einrichtungen. „Doch so lange es nicht selbstverständlich ist, dass mehr Frauen Ingenieurinnen sind, wird es Frauenstudiengänge geben“, ist sich Petra Jordanov von der FH Stralsund sicher.

Übergang in die Arbeitswelt

Aufs Berufsleben werden die Absolventinnen der Frauenstudiengänge gut vorbereitet: „Dadurch, dass wir während des Studiums Exkursionen zu Unternehmen in der Region machen, knüpfen unsere Studentinnen oft schon früh Kontakte – nicht nur fürs spätere Praxissemester, sondern auch für den Berufseinstieg“, weiß Marianne Andres, Professorin an der Hochschule Furtwangen. Überhaupt finden viele der Absolventinnen sehr schnell einen guten Job.

Doch ob Frauenstudiengang oder nicht: Die Arbeitsmarktchancen für MINT-Absolventen sind generell gut. „Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in MINT-Berufen ist im Jahr 2009 trotz Wirtschaftskrise deutlich gewachsen“, weiß Ralf Beckmann vom Team Arbeitsmarktberichterstattung der Bundesagentur für Arbeit. „Zwar stieg in den letzten Jahren auch die Zahl der Frauen in MINT-Berufen, beispielsweise um 28 Prozent bei Ingenieurinnen. Trotzdem sind Frauen in technischen Berufen nach wie vor noch deutlich in der Minderzahl.“ Das Fazit: Egal, ob sich technikbegeisterte Frauen für einen Frauenstudiengang entscheiden oder nicht: Fachkräfte werden in diesem Bereich dringend gesucht und ein Studium lohnt sich allemal. Alles andere ist Geschmackssache.

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