Gute Chancen, hohe Ansprüche
In einigen Ausbildungsberufen ist der Abiturientenanteil besonders hoch. Das gilt vor allem für kaufmännische, aber auch für einige technische Berufe. Außerdem gibt es Ausbildungen, die sich speziell an Bewerber mit Hochschulreife richten. abi>> erklärt, was einen für Abiturienten besonders interessanten Beruf auszeichnet, und gibt Tipps für die Bewerbung.
Abiturienten entscheiden sich oftmals für eine Ausbildung bei der Bank.
Foto: WillmyCC Studios
Noch mehr Theorie – das kam für den Abiturienten Christopher Thees nach der Schule zunächst nicht in Frage. Er wollte etwas Praktisches machen und entschied sich für eine Ausbildung zum Bankkaufmann. „Der Beruf ist vielseitig“, begründet der 21-Jährige seine Wahl. Mittlerweile ist er im zweiten Ausbildungsjahr bei der Hamburger Sparkasse. Aufgrund guter Leistungen ist Christopher Thees in das „Top-Azubi-Modell“ seines Ausbildungsbetriebs gerückt. Damit hat er nicht nur eine Zusage erhalten, nach der Ausbildung zu verbesserten finanziellen Konditionen übernommen zu werden, sondern wird durch ergänzende Bildungsangebote und individuelle Betreuung zusätzlich gefördert. So kann er etwa in verschiedenen Abteilungen der Sparkasse hospitieren und hat einen speziellen Ansprechpartner für Fragen in Bereichen, in denen er noch fachliche Defizite ausmacht. Für die Zeit nach der Lehre schmiedet der Hamburger bereits weitere Pläne: „Nach der Ausbildung würde ich mich gern zum Bankfachwirt oder Bankbetriebswirt weiterbilden.“ Ob er sich dabei für eine IHK-Weiterbildung oder für ein berufsbegleitendes BWL-Studium entscheiden wird, weiß Christopher Thees noch nicht.
Kaufmännische Berufe sind beliebt
Ein kaufmännischer Beruf, wie ihn der Azubi aus der Hansestadt gewählt hat, ist auch bei vielen anderen Abiturienten beliebt. Laut aktuellem Datenreport zum Berufsbildungsbericht des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) lag 2009 der Anteil der Azubis mit Studienberechtigung unter den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen für Bankkaufleute bei 68 Prozent. Auch in anderen kaufmännischen Berufen ist der Abiturientenanteil hoch: Bei den Industriekaufleuten sowie Kaufleuten für Versicherung und Finanzen lag er bei jeweils 61 Prozent, bei den Steuerfachangestellten bei 57 Prozent. Gründe nennt Fin Mohaupt, Leiter der Aus- und Weiterbildungsberatung der Handelskammer in Hamburg: „Die Ausbildungsvergütungen in diesen Berufen sind ansprechend. Außerdem eignen sich diese Ausbildungen gut, um später noch ein Studium anzuschließen.“ Auffallend viele Abiturienten tummeln sich außerdem unter den Servicekaufleuten im Luftverkehr. Das Portal BERUFENET der Bundesagentur für Arbeit weist einen Anteil von 85 Prozent aus. Bei den Luftverkehrskaufleuten liegt die Quote gar bei 92 Prozent.
Auch einige technische und naturwissenschaftliche Berufe, zum Beispiel Fachinformatiker, stehen bei Abiturienten hoch im Kurs. Von den Azubis, die 2009 einen neuen Ausbildungsvertrag für diesen Beruf unterschrieben haben, hatten laut BIBB 55 Prozent eine Studienberechtigung. Noch höher ist der Anteil der Auszubildenden mit Hochschulreife beispielsweise unter den Biologielaboranten (68 Prozent). Bei den Mathematisch-technischen Software-Entwicklern lag er sogar bei 96 Prozent. Unter den Chemielaboranten und Informatikkaufleuten finden sich immerhin 53, unter den Physiklaboranten 48 Prozent. „Die Aufgaben und Tätigkeiten sind hier so kompliziert geworden und stellen so hohe Anforderungen, dass sie ohne Abitur kaum bewältigt werden können“, sagt Fin Mohaupt.
Das gilt nicht nur für Ausbildungsberufe im dualen System, sondern auch für einige schulische Ausbildungen: Wer zum Beispiel Fluglotse werden möchte, braucht Abitur. Gefragt sind auch Ausbildungen zum Industrietechnologen. Sie können in Berufsfachschulen oder Unternehmen wie Siemens absolviert werden. Einige Lehrstellen im Bereich der Pflege und Therapie üben auf Abiturienten ebenfalls eine große Anziehungskraft aus. Dazu zählen etwa die Berufe des Ergotherapeuten oder Logopäden. Aufgrund ihres anspruchsvollen Niveaus werden sie an einigen Hochschulen sogar als eigenständige Studiengänge angeboten. Im naturwissenschaftlichen Bereich sind einige Assistenzberufe zu nennen: Zahlreiche chemisch-technische, biologisch-technische, pharmazeutisch-technische und medizinisch-technische Assistenten haben Abitur – obwohl der Zugang in der Regel bereits mit mittlerer Reife möglich ist. Viele Abiturienten schließen nach dieser Ausbildung auch ein Fachstudium an.
Erfreulicherweise führen auch die doppelten Abiturientenjahrgänge und die Aussetzung des Wehr- und Zivildienstes nicht zwangsläufig zu einer Verschärfung der Ausbildungsmarktlage. „Für Jugendliche mit guten Schulabschlüssen ist es in den letzten Jahren sogar einfacher geworden, einen Ausbildungsplatz in einem Betrieb zu finden. Denn demografisch bedingt gibt es immer weniger Schulabsolventen, die eine Berufsausbildung machen wollen. Angesichts der guten Wirtschaftslage suchen viele Betriebe aber Nachwuchskräfte. Da haben Abiturienten dann besonders gute Karten“, erklärt Andreas Krewerth. Regional kann es aufgrund der doppelten Abiturjahrgänge allerdings zu Nachfragesteigerungen kommen, die den Zuwachs an Ausbildungsplätzen übertreffen, prognostizieren die BIBB-Experten.
Ausbildungen mit Zusatzqualifikation
Zudem gibt es Sonderausbildungen, die Zusatzqualifikationen vermitteln und sich speziell an Auszubildende mit Hochschulreife richten. Dazu zählt beispielsweise der Handelsassistent im Einzelhandel. „Das ist mittlerweile ein reiner Abiturientenberuf. Die Ausbildung umfasst drei Jahre und schließt eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann ein“, erläutert Carmen Gutierrez Gnam, Berufsberaterin bei der Arbeitsagentur in Stuttgart. Und fährt fort: „In der Regel wird die duale Ausbildung durch eine schulische Weiterbildung im Bereich Betriebswirtschaft und Warenkunde ergänzt, die mit einer Prüfung vor der Industrie- und Handelskammer abschließt. Danach können sich Karrieremöglichkeiten auf der mittleren Führungsebene, zum Beispiel als Filialleiter bei einer Modekette, ergeben.“ Über 5.000 Auszubildende hatten sich laut „AusbildungPlus“, der Ausbildungsdatenbank des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), 2010 für diesen zusätzlichen Weg entschieden.
Ähnlich ist die Ausbildung bei den Betriebsassistenten im Handwerk geregelt. Dabei handelt es sich ebenfalls um eine Zusatzqualifikation, die parallel zum Berufsabschluss in einem anerkannten Ausbildungsberuf oder im Anschluss daran erworben wird. Am Ende müssen zwei Prüfungen absolviert werden: die Gesellenprüfung im jeweiligen Handwerksberuf, zum Beispiel zum Kfz-Mechaniker, Augenoptiker oder Zahntechniker, und die Fortbildungsprüfung zum Betriebsassistenten. Erfolgreiche Absolventen können sich dafür später von Teilen der Meisterprüfung befreien lassen. Die Zahl der Azubis, die sich 2010 zum Betriebsassistenten qualifizierten, lag bei gut 2.000.
Auch Zusatzqualifikationen, die parallel zum Ausbildungsberuf erworben werden, können für Abiturienten interessant sein. „Das Angebot ist äußerst vielfältig“, erklärt Andreas Krewerth vom BIBB. „Teilweise können die Auszubildenden bereits während ihrer Berufsausbildung an Fortbildungen teilnehmen, die über das Berufsbildungsgesetz oder die Handwerksordnung geregelt sind. Darüber hinaus gibt es aber auch sehr viele Zusatzqualifikationen, für die es keine gesetzliche Regelung gibt. Die Unternehmen haben ein Interesse an Bewerbern mit einer guten schulischen Vorbildung. Häufig werden Zusatzqualifikationen angeboten, um die Attraktivität der Ausbildung zu erhöhen und um zu verhindern, dass leistungsstarke Abiturienten an Hochschulen abwandern.“
Frühzeitig orientieren und vorbereiten
Wer sich für einen Beruf interessiert, der für viele Abiturienten attraktiv ist, sollte sich frühzeitig über geeignete Bewerbungsstrategien Gedanken machen. „Hilfreich ist es, wenn mindestens ein Schulpraktikum in dem Bereich absolviert wurde, in dem man gern eine Ausbildung machen würde“, rät Carmen Gutierrez Gnam. Gute Noten erhöhen die Chancen ebenso wie ein individuelles Bewerbungsprofil, aus dem zum Beispiel besondere sprachliche oder soziale Kompetenzen hervorgehen. Und: „Bewerber sollten die Gelegenheit nutzen, vorab an einem simulierten Assessment-Center teilzunehmen, und sich auf Einstellungstests vorbereiten. Entsprechende Trainings bieten unter anderem die Arbeitsagenturen an“, empfiehlt die Berufsberaterin.




