Talent statt Klischee
BWL, Maschinenbau, Informatik - so heißen die drei meistgewählten Studiengänge bei den jungen Männern. BWL steht zwar auch bei Frauen hoch im Kurs, daneben bevorzugen sie aber Germanistik und Medizin. Nach wie vor gibt es viele Studiengänge und Berufe, in denen ein Geschlecht deutlich in der Minderheit ist. Es lohnt sich aber, bei der Berufs- und Studienwahl Klischees zu überdenken.
Haben nur Männer ein Talent für Informatik und nur Frauen für Germanistik? Von wegen!
Foto: WillmyCC
Christina Maul arbeitet seit vier Jahren als Maschinenbauingenieurin bei der Firma VIBTEC im baden-württembergischen Zuzenhausen. Das mittelständische Unternehmen führt hauptsächlich Umweltsimulationen im Auftrag von Automobilzulieferern durch. „Mithilfe von Vibrations- und Temperaturtests wird die Belastbarkeit verschiedenster Bauteile geprüft, schließlich sollen die Komponenten viele tausend Kilometer aushalten“, erklärt die Diplom-Ingenieurin, die 2005 an der Fachhochschule Darmstadt ihr Maschinenbaustudium abgeschlossen hat. Zu den Aufgaben der 30-Jährigen gehört es, den gesamten Kundenauftrag abzuwickeln, die Tests im Prüflabor durchzuführen und anschließend Berichte zu verfassen. „In meinem Job komme ich mit den neuesten Techniken in Kontakt. Denn immer wenn neue Bauteile und Materialien entwickelt worden sind, müssen sie zunächst getestet werden“, sagt Christina Maul.
Umweg zum Wunschfach
Zum Fach Maschinenbau ist sie über einen kleinen Umweg gekommen. „Technisches Interesse hatte ich schon immer. Zunächst wollte ich Industriedesign studieren, weil das Fach Technik und Kreativität verbindet. Weil ich nicht sofort einen Studienplatz bekam, wollte ich die Zeit mit einem Semester Maschinenbau überbrücken. Doch es hat so viel Spaß gemacht, dass gleich im ersten Semester für mich feststand: Das ziehe ich jetzt durch“, erinnert sie sich.
Damit ist Christina Maul ihrem technischen Interesse gefolgt, hat den Blick aber auch auf Alternativen gerichtet und damit genau das gemacht, was die Berufsberatung rät: Denn Basis für die Studien- und Berufswahl sollten immer die eigenen Talente und Fähigkeiten sein. Und wer noch unsicher ist und sich zum Beispiel für einen MINT-Beruf (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) interessiert, kann bei der Berufsberatung der Agenturen für Arbeit an einem kostenlosen Studienfeldbezogenen Beratungstest (SFBT) teilnehmen und so seine Fähigkeiten in diesem Bereich testen. „Die Testfragen bestehen aus Inhalten und Problemstellungen, wie sie Studierende in der Regel in den Anfangssemestern des jeweiligen Bereichs bearbeiten“, erklärt Jürgen Krause, Berufsberater für akademische Berufe bei der Arbeitsagentur in Hannover. Die Tests gibt es für Natur-, Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften, sowie für Informatik/Mathematik, aber auch für philologische Studiengänge und Rechtswissenschaften.
Ein Problem sei auch, dass Abiturienten, Eltern und auch einige Lehrkräfte das breite Spektrum der Berufs- und Studienmöglichkeiten häufig nicht kennen. Von den derzeit mehr als 9.000 grundständigen Studiengängen entfällt fast die Hälfte auf technische und naturwissenschaftliche Fächer. „Viele dieser Studiengänge sind relativ unbekannt, dabei eröffnen diese Fächer vielfach gute Berufsaussichten“, meint der Berufsberater. Anstatt sich vorschnell festzulegen, sollte man sich deshalb zunächst mit dieser Vielfalt auseinandersetzen.
Foto: Statistisches Bundesamt
Aber genau das scheinen viele Studierende nicht zu tun. Unter den Studienanfängern im Wintersemester 2009/10 waren zwar knapp 50 Prozent weiblich, aber nur neun Prozent der jungen Frauen entschieden sich für ein ingenieurwissenschaftliches Fach. Ganz vorne in der Beliebtheitsskala rangierten dagegen die Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, für die sich rund 37 Prozent der Studienanfängerinnen einschrieben. Bei den männlichen Studienanfängern dagegen entschieden sich knapp ein Drittel für ein ingenieurwissenschaftliches Fach.
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Die beliebtesten Studiengänge (WS 2009/2010) |
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Männer |
Frauen |
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1. Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftswissenschaften |
1. Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftswissenschaften |
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2. Maschinenbau/-wesen |
2. Germanistik/Deutsch |
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3. Informatik |
3. Medizin (Allgemein-Medizin) |
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4. Elektrotechnik/Elektronik |
4. Rechtswissenschaft |
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5. Rechtswissenschaft |
5. Erziehungswissenschaft (Pädagogik) |
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6. Wirtschaftsingenieurwesen mit wirtschaftswiss. Schwerpunkt |
6. Anglistik/Englisch |
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7. Medizin (Allgemein-Medizin) |
7. Biologie |
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8. Wirtschaftsinformatik |
8. Psychologie |
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9. Physik |
9. Mathematik |
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10. Bauingenieurwesen/Ingenieurbau |
10. Soziale Arbeit |
Quelle: Statistisches Bundesamt
Und was für viele Studienfächer gilt, trifft auch auf Ausbildungsberufe zu. „Leider sind unser Arbeitsmarkt und unsere Berufswelt weiter stark geschlechtsbezogen strukturiert. Ein direkter Spiegel ist die Besetzung von Ausbildungsstellen in der dualen Berufsausbildung“, sagt Angelika Puhlmann vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). Obwohl es in Deutschland 349 duale Ausbildungsberufe gibt, wählen laut Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) drei von vier Schulabgängern einen von 44 Berufen. Bei den junger Frauen ist die Zahl der gewählten Berufe sogar noch geringer: Drei Viertel der Ausbildungsverträge entfallen hier auf 23 Berufe. „In vielen dualen Ausbildungsberufen gibt es maximal zwanzig Prozent Frauen“, sagt Angelika Puhlmann. Dafür sind Frauen in der vollzeitschulischen Berufsausbildung fast überall stärker vertreten, bei den Berufen des Gesundheitswesens ebenso wie bei den Medien- und den Büroberufen. Lediglich in einigen wenigen dualen Ausbildungsgängen sei das Geschlechterverhältnis nahezu ausgeglichen.
Immerhin: Die geschlechtsbezogene Berufswahl hat in einigen Bereichen angefangen zu bröckeln. „Dass sich Frauen auch für IT-Berufe sowie für Medien und Naturwissenschaften interessieren und dort erfolgreich sind, tritt bei der Diskussion um Männer- und Frauenberufe zu oft in den Hintergrund. Frauen sind beispielsweise bei den Vermessungstechnikern mit einem Anteil von etwa einem Drittel vertreten, bei den Film- und Videolaboranten mit fast 40 Prozent und bei den Mikrotechnologen mit knapp 20 Prozent“, weiß die BIBB-Mitarbeiterin.





