Rechengenies und versteckte Talente
Wer gerne Schach spielt, Knobelaufgaben löst und ein abstraktes Denkvermögen besitzt, für den kommt vielleicht ein mathematisches Studium in Frage. Es gibt aber auch Ausbildungsberufe, bei denen fundierte Mathekenntnisse gefordert sind. Doch nicht bei jedem liegt das Talent auf der Hand, weiß Berufsberaterin Christine Schramm-Spehrer.
Viele junge Menschen wissen gar nicht, wie gut ihre Mathe-Kenntnisse tatsächlich sind.
Foto: Limbach
Mathematik war schon immer so ein Fall für sich. Das Schulfach zumindest wird nicht von allen gleichermaßen geliebt. So ist auch das Grüppchen der Menschen überschaubar, die darin von vornherein ihre berufliche Zukunft sehen. Dabei gibt es heute kaum einen Bereich in Industrie, Handel oder Dienstleistung, der ohne diese Wissenschaft auskommt. „Man braucht Mathe heute in mehr Berufen als man denkt“, stellt Christine Schramm-Spehrer vom Hochschulteam der Arbeitsagentur Gießen klar.
Allerdings gibt es Unterschiede, was die Anforderungen angeht. „Wer ein Mathestudium aufnimmt, muss natürlich alle Teilgebiete beherrschen, egal ob er später als Mathematiker oder als Lehrer arbeiten will“, sagt die Berufsberaterin. Doch nicht nur beim Klassiker ist Mathematik Kernkompetenz: „Auch bei Studiengängen wie Technomathematik, Wirtschaftsmathematik oder Statistik sind umfassende Mathekenntnisse zentral.“ Technomathematiker können später zum Beispiel in Entwicklungsabteilungen von Unternehmen arbeiten. In Banken, Versicherungsgesellschaften oder Logistikfirmen etwa können Wirtschaftsmathematiker tätig werden, und Statistiker sind beispielsweise in der Markt- und Meinungsforschung oder in der Sozialforschung zu finden. In eher anwendungsorientierten Studienfächern wie zum Beispiel Informatik, Elektrotechnik, Bauingenieurwesen oder Medizintechnik werden fundierte mathematische Grundlagen vermittelt. „Im späteren Berufsleben geht es für Absolventen dieser Studiengänge dann darum, mit Hilfe mathematischer Methoden die täglichen Herausforderungen im Berufsalltag zu lösen“, erläutert Christine Schramm-Spehrer.
Es gebe auch Berufe, bei denen Schülerinnen und Schüler den Matheanteil durchaus unterschätzten, weiß die Berufsberaterin: „Psychologen oder Soziologen müssen sich schon während des Studiums intensiv mit Statistik auseinandersetzen. Lineare Algebra und Wahrscheinlichkeitsrechnung sind hier gefragt. Interessierte, die meinen, in Psychologie etwa gehe es nur um Gesprächsführung, können dabei eine Bauchlandung machen.“ Auch Betriebs- und Volkswirte kämen im Studium nicht um Mathematik herum. „Viele sind ganz erstaunt, dass sogar für Touristikbetriebswirte während des Studiums in Statistik, Finanzwirtschaft und Kosten- und Leistungsrechnung fundierte Mathematikkenntnisse erforderlich sind.“
Aha-Effekt beim Mathetest
Die Berufsberaterin rät Abiturienten daher, sich vorher genau zu informieren, welche mathematischen Teilbereiche in welchem Beruf gefordert werden. „Diese Infos finden die Jugendlichen im BERUFENET, auf das ich in Beratungsgesprächen immer verweise. Unter dem Punkt ‚Ausbildung’ gibt es für jeden Beruf den Unterpunkt ‚Wichtige Schulfächer’, wo man sehen kann, welche mathematischen Kenntnisse gefordert werden.“ Und wer sich nicht ganz sicher ist, ob er die benötigten Kompetenzen mitbringt? „Der muss sich ganz genau überlegen, ob er im Studium Mathematik in Kauf nimmt, um im späteren Arbeitsleben beispielsweise als Psychologe in der Beratung oder Erwachsenenbildung, als Betriebswirt in der Kundenbetreuung, als Manager bei einem Reiseunternehmen oder einem Freizeitpark zu arbeiten.“
Hinweise auf die Studieneignung können zum Beispiel die studienfeldbezogenen Tests im Bereich Mathematik und Informatik geben, die der Psychologische Dienst in den Arbeitsagenturen durchführt. „Vor allem die weiblichen Testpersonen erzielen dabei immer wieder Ergebnisse, die weit über den eigenen Erwartungen liegen“, berichtet Christine Schramm-Spehrer. Sie ist zugleich Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt und weiß, welche Folgen Fehleinschätzungen haben können. „Schülerinnen sind sich ihrer Kompetenzen im Rechnen und Logischen Denken oft gar nicht bewusst. Das führt dazu, dass junge Frauen Berufe mit Mathematik, Informationstechnologien oder Naturwissenschaften außen vor lassen. Das ist in zweierlei Hinsicht schade: Arbeitgebern geht vielleicht eine gute Technikerin verloren, der Schülerin Spaß und Erfolg in ihrem Traumberuf.“ Bei der Besprechung des Tests folge oft der Aha-Effekt. „Auch viele männliche Teilnehmer fallen aus allen Wolken, wie gut ihre Mathekenntnisse tatsächlich sind. Manch einer entscheidet sich dann doch für einen Beruf mit Mathe.“
Und sollte es Nachholbedarf geben, weist Christine Schramm-Spehrer auf spezielle Angebote der Hochschulen hin: „Einige bieten Mathe-Brückenkurse zwischen Abitur und Studienbeginn an, die Studienanfänger in wenigen Wochen auf die Anforderungen vorbereiten.“
Mathe in Ausbildungsberufen
Mathematische Kompetenzen werden jedoch nicht nur in akademischen Berufen gefordert. Es gibt auch eine Vielzahl an Ausbildungsmöglichkeiten, in denen Mathematik eine große Rolle spielt, angefangen bei kaufmännischen Berufen wie Bankkaufleuten oder Kaufleuten für Versicherungen und Finanzen, über mathematisch-technische Berufe, zum Beispiel mathematisch-technische Software-Entwickler, bis hin zu Berufen im IT-Bereich, wie etwa Fachinformatiker. Auch dort geht es um mehr als das kleine Einmaleins. „Es lohnt sich, im Vorfeld genauer hinzusehen, denn der mathematische Anspruch kann auch in Ausbildungsberufen hoch sein", bestätigt Christine Schramm-Spehrer.
Neue Chancen am Arbeitsmarkt
Und wie sieht es für Mathe-Profis auf dem Arbeitsmarkt aus? Die Jobsuche gestaltet sich wieder etwas schwieriger, denn der seit 2004 kontinuierlich zu verzeichnende Rückgang der Zahl arbeitsloser Mathematiker wurde durch die Wirtschaftskrise 2009 vorerst gestoppt. „Dies trifft insbesondere die Berufseinsteiger. Sie bekommen die Zurückhaltung der Unternehmen bei Neueinstellungen zu spüren“, sagt Ralf Beckmann vom Team für Arbeitsmarktberichterstattung der Bundesagentur für Arbeit.
So seien in der Arbeitslosenstatistik ein Drittel mehr Mathematiker unter 30 Jahren zu verzeichnen als im Vorjahr. Insgesamt sei die Arbeitslosigkeit mit 1,7 Pozent jedoch nur unterdurchschnittlich gestiegen und bewege sich weiterhin auf geringem Niveau. Wer sich jetzt für ein Studium oder eine Ausbildung in dem Bereich entscheide, brauche sich über seine Chancen am Arbeitsmarkt keine Sorgen machen. „Bei wieder ansteigender Konjunktur wird die Arbeitslosenzahl voraussichtlich wieder sinken, denn grundsätzlich sind Mathematiker sehr stark gesuchte Fachleute.“






