Nachhaltig tätig werden
Hungersnöte, Erdbeben, Starkregen und Überschwemmungen: Das Wetter schlägt immer größere Kapriolen und diese Veränderungen im Klima sind auch menschengemacht. Ein Zusammenhang, den viele Schüler erkennen und bei der Berufswahl darauf reagieren. "Ich will etwas Sinnvolles machen", ist ein Satz, den Karl-Heinz Finger, Berater für akademische Berufe bei der Arbeitsagentur Oldenburg, immer öfter hört.
Die Ingenieurwissenschaften sind die zentrale Disziplin, wenn es darum geht, Herausforderungen wie dem Klimawandel, zukünftige Mobilität und dem demografischen Wandel zu begegnen.
Foto: Andreas Lander
„Während früher die jungen Leute zu mir in die Beratung kamen und sagten, ich will etwas machen, mit dem ich viel Geld verdienen kann, wollen inzwischen immer mehr junge Menschen wissen, mit welchen Berufen sie etwas Sinnvolles tun und wie sie die Lebensbedingungen der Menschen in der dritten Welt, aber auch in Deutschland verbessern können“, berichtet Berufsberater Finger. Eine einzige Antwort gibt es dann nicht. Beispiel Klimawandel: „Wenn es darum geht, den Klimawandel und seine Folgen zu erforschen, sind vor allem Geowissenschaftler oder Meteorologen gefragt“, sagt Karl-Heinz Finger.
Auswirkungen des Klimawandels
Der Klimawandel verursacht aber auch Überschwemmungen und Dürrekatastrophen, die wiederum Hungersnöte und Epidemien zur Folge haben können. „So werden etwa Biologen, Chemiker und Agraringenieure gebraucht, die salzwasserresistente Pflanzen entwickeln können. Der Hintergrund: Der ansteigende Meeresspiegel sorgt zum Beispiel dafür, dass Meereswasser in Flüsse eindringt, die Flächen versalzen und das Wasser auch nicht mehr zur Bewässerung genutzt werden kann.“ In anderen Regionen gehe es darum, Reissorten zu züchten, denen Schädlinge nichts anhaben können.
Darüber hinaus wird Berufsberater Finger auch immer wieder die Frage gestellt, welche Möglichkeiten es gibt, sich in der Entwicklungshilfe zu engagieren. „Das sind meist Schülerinnen. Jungs wollen dann eher in Bereiche wie Umwelttechnik, erneuerbare Energien oder umweltverträgliche Fahrzeugtechnik – Stichwort Elektroautos – gehen.“ (siehe Beitrag "Studieren für den Klimaschutz")
Wer in der Entwicklungszusammenarbeit arbeiten will, kann in entsprechenden Organisationen tätig werden, etwa der neuen Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die aus der Fusion der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), dem Deutschen Entwicklungsdienst (DED) und der Bildungsorganisation InWEnt hervorgegangen ist, oder auch in kirchlichen Entwicklungswerken. „In der Entwicklungszusammenarbeit sind viele Sozialwissenschaftler beziehungsweise Soziologen tätig“, weiß Berufsberater Finger. Aber auch Geistes- und Sprachwissenschaftler haben hier Jobchancen. Wer sich erst einmal in der Entwicklungszusammenarbeit ausprobieren möchte, kann beispielsweise mit weltwärts, dem Freiwilligendienst des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), an Projekten in Entwicklungsgebieten teilnehmen. Eines muss Interessenten nämlich klar sein: Für Entwicklungszusammenarbeit braucht man starke Nerven.
Wer sich generell in der Friedenspolitik engagieren möchte, hat verschiedene Studienmöglichkeiten: „Zum Beispiel Politikwissenschaften. Daneben gibt es aber auch spezielle Masterstudiengänge zur Friedens- und Konfliktforschung, etwa an den Universitäten in Darmstadt, Frankfurt am Main, Madgeburg, Marburg oder Tübingen“, weiß der Berufsberater. Allerdings ist es schwer, einen Job bei den großen NGOs, (Non-Governmental Organizations) wie etwa der UNO, oder in den Einrichtungen der Europäischen Union zu bekommen, weiß der Berufsexperte. Anlaufstelle für alle, die sich für Tätigkeiten bei internationalen Organisationen interessieren, ist etwa das Büro Führungskräfte zu Internationalen Organisationen (BFIO) der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit. Das BFIO führt zum Beispiel das Programm „Beigeordnete Sachverständige“ für die Bundesregierung durch, das darauf abzielt, die Zahl deutscher Mitarbeiter bei internationalen Organisationen zu erhöhen. Außerdem stellt es Informationen bereit oder unterstützt in Sachen Bewerbung.
Der Klimawandel mit seinen Folgen löst aber auch Migrationsbewegungen aus. „Menschen, die in Folge von Klimakatastrophen, politischer Verfolgung oder schlechter Lebensbedingungen auswandern, gilt es zu integrieren.“ Darum sei es wichtig, Einwanderung und Integration aktiv mitzugestalten – und hierbei schon früh anzusetzen: „Es gibt inzwischen Bachelorstudiengänge wie ‚Frühkindliche Bildung und Erziehung’, die Absolventen fit machen, auch Kinder mit Migrationshintergrund bereits in der Kindergarten- und Grundschulzeit richtig zu fördern. Hochqualifizierte Fachkräfte, die die Arbeit von Lehrern und Erziehern ergänzen, werden hier immer wichtiger“, erläutert Karl-Heinz Finger. In Bildungs- oder Jugendzentren würden hingegen vor allem Pädagogen, Sozialpädagogen oder Psychologen gebraucht.
Herausforderung demografischer Wandel
Sozialpädagogen braucht es auch, wenn es um die Betreuung älterer Menschen geht. Der Bereich Pflege und Therapie ist ein weiterer Bereich, der – verursacht durch den demografischen Wandel – großes Potenzial zum Helfen bietet. Im Bereich medizinische Versorgung und Pflege kommen Ärzte, Pflegemanager, Gesundheitswissenschaftler und -wirte oder Altenpfleger zum Einsatz – aber auch Medizintechnikinformatiker oder -ingenieure.
„Da die Pflege aber bezahlbar bleiben muss, ist es im Interesse der Gesellschaft, dass betagte Menschen möglichst lange selbstständig zu Hause leben können“, sagt Johanna Knüppel vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK). Schon heute gibt es Seniorenwohngemeinschaften oder Mehrgenerationenhäuser. Unter dem Schlagwort „Assisted Living“ suchen etwa Ingenieure, Informatiker und Architekten nach intelligenten technischen Lösungen. Dabei geht es um die Planung altersgerechter Häuser, in denen die Bewohner daran erinnert werden, wann Medikamente eingenommen werden müssen und die etwa mit Sensoren im Boden ausgestattet sind, die registrieren, wenn jemand hinfällt und dann ein Signal senden, etwa an das Rote Kreuz. Ein neuer Studiengang in diesem Bereich ist zum Beispiel „Assistive Technologien“ an der Jade Hochschule in Oldenburg.
„Die Ingenieurwissenschaften sind die zentrale Disziplin, wenn es darum geht, Herausforderungen wie dem Klimawandel, zukünftige Mobilität und dem demografischen Wandel zu begegnen“, sagt Dr. Volker Brennecke. Er ist beim Verein Deutscher Ingenieure (VDI) zuständig für den Bereich Bildung. Beispiele gibt es viele: Angefangen bei der Entwicklung altersgerechter technologischer Hilfsmittel bis hin zu energiesparenden Bauweisen und innovativer Gebäudetechnik. Von zu engen Studiengängen rät der VDI-Experte allerdings ab: „Es ist besser, sich zunächst breit aufzustellen, statt sich bereits sehr früh zu spezialisieren.“
Ob Ingenieur oder nicht: Wer sich im späteren Berufsleben mit Themen wie Klimaforschung und demografischer Wandel auseinandersetzen will, hat auf jeden Fall gute Chancen. „Sektoren wie Klima- und Umwelttechnologien oder regenerative Energien wachsen seit Jahren. Hoch qualifizierte Fachkräfte wie Ingenieure oder Informatiker sind hier stark gefragt“, bestätigt Judith Wüllerich vom Team Arbeitsmarktberichterstattung der Bundesagentur für Arbeit, und ergänzt: „Und auch im Gesundheits- und Pflegesektor besteht großer Bedarf. Wer in diesem Bereich arbeiten will, hat auch die nächsten Jahre sehr gute Aussichten.“




