Heiner Stöckle (18) aus München hat vor wenigen Monaten sein Abitur gemacht. Wie die meisten in seinem Jahrgang hatte er keine konkrete Vorstellung davon, was er studieren soll beziehungsweise, ob nicht auch eine Berufsausbildung Sinn macht. „Ich wollte mir etwas Zeit für diese wichtige Entscheidung lassen und mich nicht einfach für irgendeinen Studiengang einschreiben.“ Um die Orientierungszeit sinnvoll zu nutzen, hat er sich für ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) bei einem Sportverein entschieden. Anderen etwas beizubringen, macht ihm Spaß, obwohl er nicht unbedingt Lehrer oder Erzieher werden möchte.
So hilft die Berufsberatung
„Erste Hilfe“ holte sich der 18-Jährige bei Brigitte Späth, Berufsberaterin bei der Agentur für Arbeit München. „Wer denkt, man redet in der Beratung ein bisschen über seine Schulfächer und bekommt dann eine Liste mit passenden Studiengängen präsentiert, der irrt“, erzählt Heiner Stöckle. „Es war mehr wie ein Workshop, in dem ich zum Beispiel herausarbeiten musste, was ich gut kann und was mich interessiert.“ So kam er auf die Themen Social Media und neue technische Geräte wie das iPad. „Mir macht es Spaß, Leuten den Nutzen und die Funktionen solcher Tools nahezubringen.“ Über diese Schiene ist er gemeinsam mit der Beraterin auf das Thema Marketing gekommen und auf die auf Abiturienten zugeschnittene Ausbildung zum Kaufmann für Marketingkommunikation, die er zum Beispiel in einer Werbeagentur durchlaufen könnte. Auch die Option eines BWL-Studiums mit Schwerpunkt Neue Medien haben sie diskutiert. „Ich bin zwar nicht mit einem fertigen Karriereplan aus der Beratung gegangen, aber ich habe eine Idee, was zu mir passt“, zieht Heiner Stöckle Bilanz. In der Berufsberatung geht es nicht darum, ein fertiges Rezept zu liefern: „Die Ratsuchenden sollen angeregt werden, über sich und ihre Interessen und Fähigkeiten nachzudenken“, erklärt Brigitte Späth, denn die Studien- und Berufswahl ist eine Entscheidung nach den eigenen Talenten und Stärken.
Tests: Was kann und will ich?
Wer zunächst einmal die eigenen Interessen und Fähigkeiten erkunden möchte, kann Selbsteinschätzungstests absolvieren, von denen es viele im Internet gibt, und so passende Berufe oder Studienfächer für sich herausfiltern. Mithilfe des abi>> powertest zum Beispiel können Schülerinnen und Schüler herausfinden, wo ihre beruflichen Interessen und individuellen Stärken liegen. Sie erhalten so ein realistisches Bild ihres persönlichen Profils und können anschließend per Link vertiefende Informationen zu möglichen Studien- beziehungsweise Ausbildungsberufen recherchieren. Um hingegen zu überprüfen, ob ein bestimmtes Studienfach zu den eigenen Stärken passt, kann man zum Beispiel einen Studienfeldbezogenen Beratungstest (SFBT) beim Psychologischen Dienst der Arbeitsagenturen absolvieren. Das Testangebot umfasst die sechs Bereiche Natur-, Ingenieur-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften, Informatik/Mathematik und philologische Studiengänge. Auch viele Hochschulen bieten inzwischen sogenannte Online-Self-Assessments zur Studienorientierung und Studierfähigkeit an. Das Portal http://www.cct-germany.de beinhaltet zum Beispiel verschiedene Fragebögen und Checklisten für alle, die gerne Lehrer werden möchten. Die Testergebnisse sollten allerdings nicht überbewertet werden, genauso wenig wie Arbeitsmarktprognosen. „Sie können Rückendeckung für eine Entscheidung geben, sollten aber nicht der Auslöser sein“, rät Brigitte Späth.
Den Praxischeck machen
Wer eine Idee von einem Arbeits- oder Berufsfeld hat, sollte seine Vorstellungen von einem Studiengang oder einer Berufsausbildung in einem Praktikum mit der Realität abgleichen, rät Beraterin Späth. „Für Berufe speziell im sozialen Bereich eignen sich darüber hinaus vor allem die zahlreichen Freiwilligendienste, die man zwischen Abitur und Studium oder Ausbildung absolvieren kann“, sagt Brigitte Späth. „Angefangen beim Freiwilligen Ökologischen oder Sozialem Jahr, über den Bundesfreiwilligendienst bis hin zu Freiwilligendiensten im Ausland.“
Man muss aber nicht erst bis nach dem Abitur damit warten, seine Fähigkeiten und Talente zu testen. Schon für Schüler gibt es zahlreiche Optionen, Berufsfelder auszuprobieren. Eine gute Gelegenheit bietet beispielsweise der jährlich bundesweit stattfindende Girls’ und Boys’Day, den das Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit koordiniert. Mädchen und Jungen haben dabei die Chance, sich insbesondere in Berufen auszuprobieren, mit denen sie sich bislang vielleicht eher wenig auseinandergesetzt haben. Schülerinnen können dann Tagespraktika im technisch-naturwissenschaftlichen und handwerklichen Bereich absolvieren, Schüler gewinnen Einblicke in Tätigkeiten in Bildungs-, Gesundheits-, Pflege- und sozialen Einrichtungen.
Wer es zum Beispiel spannend findet, wie man einen LEGO-Mindstorms-Roboter darauf programmiert, aus einem Irrgarten zu finden, kann an solchen Fragen in einem sogenannten MINT-Camp (MINT steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) tüfteln. Der Verein mathematisch-naturwissenschaftlicher Excellence-Center an Schulen e.V. (MINT-EC) zum Beispiel, eine Initiative der Arbeitgeber, führt entsprechende Veranstaltungen in ganz Deutschland durch, etwa in Kooperation mit Hochschulen, Bildungs- und Forschungseinrichtungen. Ziel ist, technikaffine Schüler und vor allem Schülerinnen für MINT-Studiengänge zu begeistern.
Hochschulluft schnuppern
Gerade bei den ingenieur- und naturwissenschaftlichen Studiengängen sind Schüler oft verunsichert, ob ihre Mathematikkenntnisse ausreichen, um durch das Studium zu kommen. Um mehr über Studiengänge zu erfahren, bietet sich zum Beispiel ein Schnupperstudium an. Die Hochschulen stellen dafür in der Regel ein Programm aus Veranstaltungen zusammen, die für Schüler geeignet sind. Diese können dann an Vorlesungen teilnehmen und sich mit Studierenden austauschen. Virtuell am Hochschulalltag teilnehmen kann man beispielsweise auf den Seiten von http://www.unischnuppern.de/, einem Projekt von Studierenden, Doktoranden und jungen Berufstätigen, das über Kurzfilme quer durch alle Fachrichtungen Einblicke in reale Vorlesungen verschiedener Studiengänge an verschiedenen Hochschulen gibt.






