Ausbildung auf dem Ozean
Ihr Berufsziel ist klar: als Nautische Offizierin zur See fahren. Dazu benötigt Svea Harder (22) sowohl Theoriewissen als auch praktische Erfahrung, weshalb sie sich für eine Art doppelte Ausbildung entschieden hat: Die benötigten Seefahrtszeiten erlangt sie über eine fachpraktische Ausbildung zur Nautischen Offiziersassistentin, gleichzeitig hat sie nach ihren ersten Ausbildungstörns ein Studium der Nautik in Bremen begonnen.
Svea Harder will als Nautische Offizierin zur See fahren.
Foto: Privat
„Hast du dir das wirklich gut überlegt?“ Ihre Freunde waren skeptisch, doch Svea Harder brauchte nicht lange zu überlegen. Ihr Vater ist Kapitän, seine Faszination für die Seefahrt wirkte ansteckend. „Schon ein halbes Jahr vor dem Abi habe ich mich bei Hapag Lloyd beworben“, sagt die gebürtige Hamburgerin. Es klappte auf Anhieb, noch im August 2008 konnte sie die einjährige Ausbildung zur Nautischen Offiziersassistentin bei der großen Reederei antreten. Dafür musste sie zunächst das „Basic Safety-Training“ absolvieren, ein zweiwöchiges Pflichtprogramm in Brandbekämpfung, Rettung und Erster Hilfe.
Brücke und Maschinenraum
Dann ging es gleich für zwei Monate auf große Fahrt: Mit dem Ausbildungsschiff bis nach Singapur, China, Taiwan und wieder zurück. „Das war sehr spannend, aber auch noch fast wie in der Schule, mit Hausaufgaben, Klausuren und allem, was dazugehört“, erinnert sich Svea Harder. Im bordeigenen Unterrichtsraum büffelten die insgesamt 13 Azubis, fünf davon weiblich, das Basiswissen der Seefahrt. „Dabei bekamen wir auch Einblicke in alle Bereiche: Maschinenraum, Brücke, und jeder wurde mal zum Wachegehen eingeteilt. Das hat uns gut auf die nächsten Törns vorbereitet.“
Zurück in Hamburg wurden die Azubis auf verschiedene Schiffe der Flotte verteilt. Als Mitglied der Besatzung sammelten sie nun Erfahrungen im Matrosenalltag. Svea Harder war dieses Mal drei Monate lang unterwegs; ihr Schiff legte unter anderem im kanadischen Halifax, in Los Angeles, San Francisco und Hong Kong an. Allerdings: Das sind keine Kreuzfahrten. „Man hat nicht immer Landgang, und viele Häfen liegen weit außerhalb der Städte. Dafür werden wir auf See oft genug entschädigt, zum Beispiel, wenn Wale oder Delfine zu sehen sind.“
Bei Wind und Wetter
Im Vordergrund aber steht die Arbeit; Schichtbeginn um 6 Uhr und eine 70-Stunden-Woche gehören zum Alltag sowie das Deckschrubben. Und manche Taue wiegen schwer. „Man muss schon ordentlich anpacken können, und das bei Wind und Wetter“, sagt Svea Harder. Ihr strahlender Blick verrät, dass ihr das nichts ausmacht. „Ein Schiff ist wie eine kleine Stadt, die wir als Besatzung am Laufen halten. Das macht einen schon stolz, vor allem, wenn man selbst am Steuer steht.“ Zudem erhalten die Azubis nach der anstrengenden Zeit auf See auch Freiwochen als Ausgleich.
Das sogenannte „Rudergehen“ lernte die angehende Nautische Offiziersassistentin bereits bei Manöverfahrten kennen: Wenn sie als Wache eingesetzt wird und das Schiff einen Hafen anläuft, steht sie gemeinsam mit dem Kapitän, dem Ersten Offizier und dem Rudergänger auf der Kommandobrücke. „Je nach Erfahrung dürfen wir dann selbst Kurse fahren und tragen laufend die aktuellen Daten ins Logbuch ein. Außerdem müssen wir regelmäßig Wetterberichte an den Deutschen Wetterdienst senden.“
Kombi aus Studium und Ausbildungstörns
Die anspruchsvollen Aufgaben an Bord setzen viele Fähigkeiten voraus. „Fitness, Motivation, Teamgeist und Multitaskingfähigkeit“, zählt Svea Harder auf. „Man muss schnell reagieren können und darf sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, auch wenn einem fünf Leute zugleich etwas zuschreien. Seeleute sind nicht nachtragend.“ Beleidigt in der Ecke sitzen, das geht auf einem Schiff nicht: Alle sind aufeinander angewiesen.
Insgesamt müssen Offiziersassistenten zwölf Monate Nettofahrtzeit sammeln, damit sie die offizielle Ausbildungsbescheinigung erhalten. Svea Harder hat sich nach den ersten fünfeinhalb Monaten entschlossen, das Studium der Nautik dazwischen zu schieben, um zum Offizier aufsteigen zu können. „Eine gute Lösung, denn schon nach den ersten zwei Semestern Hochschule bin ich dann dank Hintergrundwissen noch besser auf den nächsten Törn vorbereitet.“ Insgesamt dauert das Studium, das viele Offiziersanwärter erst nach der Ausbildung absolvieren, sechs Semester.
Und wie ist es mit der Seekrankheit? „Früher habe ich oft im Urlaub darunter gelitten. Dann habe ich gesagt: Davon lass ich mir doch nicht meinen Traum kaputt machen!“ Einige Tipps von Seeleuten und die Gewöhnung halfen. Bald packt Svea Harder für den nächsten Törn.





