Wie viel Psychologie steckt drin?
Ein Wirtschaftspsychologe bittet seine Kunden nicht auf die Coach zu einer Reise in die Kindheit. Er analysiert vielmehr Bewerber oder verbessert das Verkaufsverhalten seiner Klientel - er sieht den "Faktor Mensch" nicht den Menschen.
Wirtschaftspsychologen beraten Unternehmen bei Personalentscheidungen
Foto: Blank
Emilia:
Ich war mir schon seit längerer Zeit sicher, Wirtschaftspsychologie studieren zu wollen. Doch je mehr ich mich darüber informiere, desto mehr bekomme ich das Gefühl, das Wirtschaftspsychologen im Endeffekt nichts anderes machen als BWLer. Da mich Psychologie doch mehr als Wirtschaft reizt, nicht einen anderen Studiengang wählen sollte.
Brigitta Hügel:
Liebe Emilia, eins der großen Themen der Wirtschaftspsychologie ist das Verhalten von Menschen im ökonomischen Umfeld: ob als Mitarbeiter, Führungskraft oder Kunde. Personalauswahl und Personalentwicklung, Teamentwicklung, Unternehmensberatung, Change Management, Werbung, Marktforschung - all dies sind Tätigkeitsfelder, in denen wir Wirtschaftspsychologen antreffen. Und Sie haben recht: In diesem ökonomischen Umfeld wird der Mensch nicht an erster Stelle als Individuum gesehen, sondern - und hier ist die Sprache sehr genau - als „menschlicher Faktor", der für Erfolg oder Misserfolg der Wirtschaft eine Rolle spielt.
Sie werden Einstellungstests ausführen, Bewerber im Assessmentcenter beurteilen; versuchen, schwierige Mitarbeiter ins Team einzufügen; vermitteln, wie man sein Verkaufsverhalten durch Stimme, Haltung, Blickkontakt verbessern kann oder herausfinden, wie man den Konsumenten notfalls ein schlechtes Gewissen vermittelt, falls sie ein bestimmtes Produkt nicht benutzen. Sie werden nicht versuchen, den Störer des Teams - oder die Ursachen für sein Verhalten, die vielleicht weit in der Vergangenheit liegen, herauszufinden. Sie haben also mit dem menschlichen Verhalten nur unter einem ganz speziellen Blickwinkel zu tun.
Keine Klinische Psychologie
Wirtschaftspsychologie wird als eigenständiger sechssemestriger Bachelorstudiengang außer an der Ruhr-Universität Bochum an acht Fachhochschulen angeboten. Wenn Sie beispielsweise die Anforderungen in Bochum mit einem „normalen" Psychologiestudium vergleichen, sehen Sie die andere Gewichtung: Sie finden keine klinische Psychologie. Die 180 Creditpoints (KP), die Sie im Studium erwerben müssen, verteilen sich auf Psychologisches Grundlagenwissen - das sind Psychologische Methoden wie Statistik, allgemeine und biologische Psychologie oder Motivation und Handlungssteuerung - plus Wirtschaftspsychologie, zum Beispiel Arbeits- und Organisationspsychologie und Eignungsdiagnostik. Dazu kommen noch Nachbarfächer aus den Wirtschafts-, Arbeits-, Rechtswissenschaften und Pädagogik.
Die Fachhochschule Potsdam schreibt über ihren dreijährigen grundständigen Bachelorstudiengang, er sei „nicht ‚Psychologie plus Wirtschaft', sondern eine Psychologie für die Wirtschaft" - bei den Downloads finden Sie dann so faszinierende Themen wie „Moderne Marken-Mythen und Marketing-Irrtümer" oder „Fehlzeiten im Betrieb - wie Seelisches sich dünne macht".
Gewissensentscheidung
Wenn Sie die Zeitschrift „Psychologie heute" mit viel mehr Interesse lesen als das Pendant „Wirtschaftspsychologie aktuell", wenn Worte wie „Auswahl", „Leistung", „Effizienz" nicht nur gut in Ihren Ohren klingen, sondern Sie darüber grübeln, wie der arme Mensch vor Ihnen zu dem wurde, was er jetzt ist - dann sollten Sie an einer Uni doch noch einmal in das Studienfach Psychologie (Bachelor oder Diplom) reinhören.
Wirtschaftspsychologie als Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie findet sich als Schwerpunkt auch im „normalen" Psychologiestudium an vielen Universitäten, zum Beispiel an den Universitäten in Aachen, Münster, München oder Hohenheim. Dann hätten Sie nach dem Studium, in dem Sie sich durch verschiedene Praktika über Ihr späteres Tätigkeitsfeld klarer werden können, zwei Standbeine.
Selbsttest im Internet
Wenn Sie sich für das Studium der Wirtschaftspsychologie entscheiden, brauchen Sie Interesse an wirtschaftlichen Themen, gute Problemlösefähigkeiten, und kommunikative Fähigkeiten. Ein Selbsttest der Ruhr-Universität Bochum kann Ihnen dabei einen Schritt zur Selbsteinschätzung weiterhelfen. Und wenn sich in den Studiengängen der Fachhochschulen auch viele Grundlagen gleichen, gibt es doch bei der Schwerpunktsetzung deutliche Unterschiede- also gehen Sie auf die entsprechenden Hochschulseiten, und informieren Sie sich auch vor Ort - dabei nicht vergessend, dass alle Hochschulen auch Unternehmen sind, die sich auf dem Markt positionieren - mit Hilfe der Wirtschaftspsychologen.

