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„Ich bin eine große Verfechterin gemischter Teams“

Ein Porträt-Foto von Valerie Holsboer
Valerie Holsboer
Foto: Matthias Merz

Frauen in Führungspositionen

„Ich bin eine große Verfechterin gemischter Teams“

Im dreiköpfigen Vorstand der Bundesagentur für Arbeit ist Valerie Holsboer (41) verantwortlich für die Geschäftsbereiche Controlling und Finanzen sowie Personal. Die Nürnberger Behörde hat deutschlandweit 115.000 Mitarbeiter. Mit abi» sprach die Juristin darüber, was man braucht, um in eine solche Führungsposition zu gelangen, was Frauen anders machen als Männer und wie man eine solche Funktion mit seinem Familienleben in Einklang bringen kann.

abi>> Frau Holsboer, wie wird man eigentlich Vorstandsmitglied bei der Bundesagentur für Arbeit? Wahrscheinlich schickt man da nicht einfach eine klassische Bewerbung hin, oder?

Valerie Holsboer: Das stimmt. Das sind Positionen, für die man direkt angesprochen wird. Ich war schon seit 2010 im Verwaltungsrat der Bundesagentur für Arbeit (BA) und dadurch hatte ich bereits eine gewisse Nähe zur BA.

abi>> Muss eine Frau, die in eine Führungsposition möchte, eigentlich besser sein als ein Mann in der gleichen Situation?

Valerie Holsboer: Ich hoffe immer, dass das nicht so ist. Im Idealfall zählt das Geschlecht nicht. Ich vermute aber, dass Frauen sich schon auf dem Weg zur Führungsposition mehr beweisen müssen. Das zieht sich durch die ganze Laufbahn und beginnt teilweise bereits im Studium, etwa wenn man sich als Frau für einen technischen Studiengang entscheidet und sich gegen die männlichen Kommilitonen behaupten muss.

abi>> Führen Frauen anders als Männer?

Valerie Holsboer: Ich glaube schon, dass es Unterschiede gibt. Frauen fällt meines Erachtens der Perspektivwechsel zwischen Führungsposition und Mitarbeiter leichter, sie haben eher eine Vorstellung davon, was die Mitarbeiter brauchen. Ich nehme Frauen in Führungspositionen als sehr sach- und ergebnisorientiert wahr. Gesichtswahrendes Verhandeln, Mitnehmen statt nur reine Ansagen zu machen sowie Win-win-Situationen erleichtern und stabilisieren die Ergebnisse. Das beobachte ich bei vielen Frauen als Stärke.

abi>> Welche Eigenschaften braucht man also, um beruflich so erfolgreich zu sein?

Valerie Holsboer: Auf jeden Fall eine hohe Resilienz, also psychische Widerstandsfähigkeit, große Disziplin, aber auch Fachlichkeit. Führung kann meines Erachtens nicht von den Fachkenntnissen entkoppelt werden. Außerdem muss man das, was man macht, gerne machen. Sonst fehlt die Energie, denn der Zeitaufwand für die Arbeit in einer Führungsposition ist enorm.

abi>> Das sind alles Punkte, die Frauen ebenfalls erfüllen können. Aber warum gibt es immer noch so wenige Frauen in Führungspositionen?

Valerie Holsboer: Ein großer Aspekt ist das Zeitvolumen, gerade in Bezug auf die Familie. Will man seine Zeit lieber mit seinen Kindern verbringen oder mit der Arbeit? Da gibt es eine gefühlte Zerrissenheit zwischen der beruflichen Verwirklichung und dem Wunsch, der Familie gerecht zu werden. Dann ist da noch der gesellschaftliche Aspekt, der aber ein deutsches Phänomen ist: Das Wort „Rabenmutter“ gibt es meines Wissens nach in anderen Sprachen gar nicht. Und die Betreuung der Kinder ist natürlich auch teuer. So viel muss man erst mal verdienen, damit man nicht nur für die Betreuung arbeitet.

abi>> Sie haben selbst ja auch eine kleine Tochter. Wie klappt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei Ihnen?

Valerie Holsboer: Ich habe gelernt, zu delegieren. Man muss akzeptieren, dass man zuhause entbehrlich ist. Das geht aber nur, wenn man guten Gewissens andere damit beauftragen kann, sich etwa um das kranke Kind zu kümmern oder sich die Schulaufführung anzusehen. Es ist eine Sache des Wollens – wobei ich auch verstehe, wenn man das nicht möchte.

abi>> Ist es für eine Gesellschaft von Vorteil, wenn es mehr Frauen in Führungspositionen gibt?

Valerie Holsboer: Ich bin eine große Verfechterin gemischter Teams. Das gilt natürlich auch für Führungsetagen. Wir haben in der Gesellschaft einen Frauenanteil von 50 Prozent und es wäre natürlich schön, wenn sich das in allen Lebensbereichen widerspiegeln würde.

abi>> Nach dem Abitur haben Sie Rechtswissenschaften studiert. Mit welchem beruflichen Ziel?

Valerie Holsboer: Ich hatte damals tatsächlich nur die klassischen juristischen Berufe im Kopf und wollte entweder Anwältin, Richterin oder Staatsanwältin werden. Ich fand die strukturierte Denkweise im Jurastudium toll. Die Bandbreite der Berufe, die sich nach einem solchen Studium eröffnen, war mir zu Beginn meines Studiums noch gar nicht bewusst. Daher kann ich nur jedem empfehlen, die Informationsangebote zu Studiengängen und Berufsmöglichkeiten der Bundesagentur für Arbeit zu nutzen, um sich einen Überblick zu verschaffen und zu sondieren. Außerdem sollte man rechtzeitig Praktika machen und in die Berufswelt hineinschnuppern. Das kann man nicht oft genug betonen!

abi>> Was raten Sie jungen Frauen, die jetzt vor dem Abitur stehen und später mal Karriere machen wollen, außerdem? Kann man hierfür schon früh die Weichen stellen und wenn ja, wie?

Valerie Holsboer: Ich rate dazu, dass man den Fokus immer auf das legt, was man aktuell gerade macht, um es sehr gut zu machen. Wer kurz vor dem Abitur steht, sollte sich darauf konzentrieren, ein sehr gutes Abitur zu machen. Wer bereits studiert, sollte Semester für Semester Top-Leistungen bringen. Es ist wichtig, immer einen Schritt nach dem anderen zu machen. Hat man das Richtige gefunden, ist es wichtig, sich zu fokussieren, Angefangenes durchzuziehen und sich nicht zu verirren oder zu verlieren. Ein allgemeines Rezept gibt es aber nicht. Da hängt auch sehr viel von den persönlichen Umständen ab.

abi>> Und zum Schluss. Haben Sie einen Vorschlag, was jede und jeder Einzelne dazu beitragen kann, dass es mehr Geschlechtergerechtigkeit im Berufsleben gibt?

Valerie Holsboer: Ach, wir sind doch schon viel weiter als wir glauben. Es ist schließlich noch nicht lange her, dass eine Frau ohne Unterschrift ihres Mannes keine Arbeit aufnehmen durfte. Ansonsten braucht es auch im Berufsleben Zivilcourage. Es ist die Entscheidung jedes Einzelnen, über welche Witze er lacht und ob er etwas sagt, wenn beispielsweise jemand offensichtlich wegen seines Geschlechts diskriminiert wird. Man muss nicht alles mitmachen.

Über Valerie Holsboer

Seit April 2017 ist die 41-Jährige Vorstand Ressourcen der Bundesagentur für Arbeit. Nach ihrem Studium der Rechtswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München arbeitete sie in der Rechtsabteilung des Arbeitgeberverbands der Versicherungsunternehmen in Deutschland. Von dort wechselte sie 2007 als Hauptgeschäftsführerin zum Bundesverband der Systemgastronomie. Ab 2012 war sie zusätzlich noch als Hauptgeschäftsführerin der Arbeitgervereinigung Nahrung und Genuss e.V. tätig. Von 2010 bis 2016 war sie außerdem Mitglied im Verwaltungsrat der Bundesagentur für Arbeit. Valerie Holsboer ist verheiratet und hat eine achtjährige Tochter.

abi>> 17.04.2018