Anstoß für ein neues Leben

Auf dem Foto ist der Schreibtisch eines Sachbearbeiters in einer Agentur für Arbeit zu sehen.
Fachangestellte für Arbeitsmarktdienstleistungen geben Auskunft zu Themen wie Arbeitslosigkeit und Kindergeld.
Foto: Leitao

Ausbildung zum Fachangestellten für Arbeitsmarktdienstleistungen

Anstoß für ein neues Leben

Zu Hause in Aleppo hatte Mohammad Zaghnoon (23) nicht nur BWL studiert, sondern war auch Fußballprofi. Auf der Flucht vor dem Krieg landete seine Familie schließlich in Koblenz, wo er sehr schnell Deutsch lernte und bald seine Ausbildung zum Fachangestellten für Arbeitsmarktdienstleistungen beginnt.

Derzeit bereitet sich Mohammad Zaghnoon auf seine Ausbildung im öffentlichen Dienst vor: Anfang 2016 begann er bei der Agentur für Arbeit in Koblenz eine sogenannte Einstiegsqualifizierung. Das ist eine Art Praktikum mit Unterrichtseinheiten, wo er seine Deutschkenntnisse weiter verbessert, aber auch das deutsche Arbeitsrecht kennenlernt und die Arbeit am Computer übt. „Ich hatte erst vorgehabt, in Deutschland zu studieren“, erzählt der 23-Jährige. „Aber als ich von der Ausbildung hörte, dachte ich: Das ist eine große Chance. Für den Ausbildungsplatz bin ich sehr dankbar.“

Ein Foto von Mohammad Zaghnoon

Mohammad Zaghnoon

Foto: privat

Wenn die dreijährige Ausbildung im Herbst richtig losgeht, wird Mohammad Zaghnoon noch sicherer in der deutschen Sprache werden, da er dann Kontakt zu Kunden haben wird. Fachangestellte für Arbeitsmarktdienstleistungen sind meist der Erstkontakt für Ratsuchende in den Agenturen für Arbeit. Sie geben persönlich oder telefonisch Auskunft, nehmen Arbeitslosmeldungen oder Anträge auf Leistungen wie Arbeitslosen- oder Kindergeld entgegen und helfen beim Ausfüllen der Anträge. Dafür müssen sie sich gut mit den geltenden Sozialgesetzen auskennen. Je nach Anliegen entscheiden sie, an welche Kollegen sie die Kunden für die weitere Betreuung vermitteln.

BWL-Studium nach dem Abitur

Mohammad Zaghnoon wuchs in Aleppo auf, besuchte dort die Grundschule und das Gymnasium. „Ich habe den literarischen Zweig absolviert, mit Geschichte, Philosophie und Sprachen“, erzählt er. „Die Schulbücher habe ich oft zum Training mitgenommen.“ Nebenbei war er nämlich Fußballprofi. Er spielte im Erstligaverein Ittihad („Eintracht“) Aleppo und nahm für die syrische Nationalmannschaft am Asia Cup teil.

Nach dem Abitur fing er 2010 an einer privaten Hochschule ein BWL-Studium an. Bald danach begann der Bürgerkrieg, Aleppo geriet zwischen die Fronten. Die Familie traute sich kaum noch aus dem Haus. Eine Granate verletzte Mohammad Zaghnoon an der rechten Hand. Zweimal musste er operiert werden. „Auch darum hatte mein Vater beschlossen, dass wir Syrien verlassen“, berichtet er. „Seine Fabrik und seine Karriere als Fußballtrainer gab er auf.“

Deutsch lernen auf dem Fußballplatz

Vom Libanon fuhr die Familie mit dem Schiff in die Türkei, alle hatten ein Visum. Dann ging es mit dem Bus durch Bulgarien, Rumänien und Ungarn bis nach Deutschland. In Trier beantragte die Familie Anfang 2014 schließlich Asyl.

Als die Anträge im Juni bewilligt wurden, halfen ihnen ein Onkel, der schon seit 20 Jahren in Deutschland lebt, sowie neu gewonnene Freunde eine Wohnung in Koblenz zu finden. Und schon im Oktober begann Mohammad Zaghnoon einen Jugendintegrationskurs der Benedict-Akademie. Dort lernte er nicht nur Deutsch, sondern befasste sich auch mit Themen wie Berufsorientierung, Bewerbung und dem Grundgesetz. „Ein bisschen Deutsch hatte ich mir schon selbst beigebracht“, erzählt er. „Wenn man ein Ziel hat und etwas will, kann man auch mehr dafür arbeiten“, findet er.
Seine Deutschkenntnisse verbesserte er außerdem an der Volkshochschule, an der Rezeption eines Hotels am Bahnhof, wo er neben den Kursen jobbte – und auf dem Fußballplatz, denn dass ein syrischer Profispieler jetzt in Koblenz wohnte, sprach sich bei den Vereinen schnell herum. „Die Sprache lernt man ja nicht, wenn man in seinem Zimmer bleibt“, sagt er. „Man muss rausgehen und mit Leuten sprechen.“ Inzwischen spielt er für den Verein Cosmos Koblenz in der Bezirksliga, und sein Deutsch hat Niveau B2 erreicht.
Auf den Beginn der Ausbildung und die Zukunft in Deutschland freut er sich. „Ich habe von Anfang an hilfsbereite und nette Leute kennengelernt. Ich hoffe, dass ich etwas davon zurückgeben kann.“

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Schritt 1

Ausbildung und Studium in Deutschland

Wie funktioniert eigentlich das Bildungssystem in Deutschland? Wie läuft eine Ausbildung ab, was kannst du studieren? Hier bekommst du einen Überblick, welche Möglichkeiten du hast und welche Voraussetzungen du erfüllen musst.

In Deutschland herrscht Schulpflicht. Sie beginnt ungefähr mit dem sechsten Lebensjahr und dauert – je nach Bundesland – meistens neun bis zehn Jahre. Gute Leistungen vorausgesetzt, kannst du aber noch weiter zur Schule gehen und nach insgesamt zwölf oder dreizehn Jahren das Abitur machen – zum Beispiel auf einem Gymnasium oder einer Gesamt- oder Gemeinschaftsschule mit Oberstufe. Damit hast du die allgemeine Hochschulreife erreicht, die dich für den Besuch aller Hochschulen qualifiziert. 

Mit dem Abitur kannst du aber nicht nur studieren, sondern auch eine Ausbildung machen. Für die meisten Ausbildungen wird kein bestimmter Schulabschluss vorausgesetzt. Jedoch hat man mit dem Abitur einen Abschluss vorzuweisen, mit dem man bei Unternehmen in der Regel sehr gute Chancen hat.

Ausbildung

Grundsätzlich dauert eine qualifizierte Ausbildung durchschnittlich drei Jahre. Es gibt zwei Arten von Ausbildungen in Deutschland:
In einer dualen Ausbildung lernst du einerseits im Unternehmen das praktische Arbeiten. Wenn du zum Beispiel eine handwerkliche Ausbildung machst, erfährst du dort, wie du mit welchen Werkzeugen umgehen musst. In einer kaufmännischen Ausbildung lernst du etwa den Umgang mit bestimmten Computerprogrammen oder wie du dich gegenüber Kunden verhältst. Das ist aber nur die eine Hälfte, die andere ist die Berufsschule. Dort lernst du die Theorie zu deinem Beruf – zum Beispiel Mathematik, Englisch, Wirtschaft oder Recht, immer bezogen auf deinen Beruf.

In manchen Ausbildungen arbeitest du drei Tage in der Woche im Unternehmen, an den anderen beiden Tagen gehst du in die Berufsschule. Bei anderen Ausbildungen bist du abwechselnd für mehrere Wochen im Unternehmen und an der Berufsschule. Weil du im Unternehmen mitarbeitest, erhältst du eine Ausbildungsvergütung, die mit jedem Ausbildungsjahr steigt.

Die schulische Ausbildung findet vor allem an einer Berufsfachschule statt. Typische Berufe mit schulischer Ausbildung sind zum Beispiel Gesundheits- und Krankenpfleger, Ergotherapeut, Erzieher, Medizinisch-technischer Assistent oder Fremdsprachenkorrespondent. Berufserfahrung sammelst du hier vor allem in Praktika. Du bekommst meist kein Geld für deine Ausbildung. Um sie zu finanzieren, kannst du nebenbei arbeiten oder deine Familie unterstützt dich. Oder du prüfst, ob der Staat dich fördern kann, zum Beispiel über Schüler-BAföG

Nebras Nassar (25) macht eine Ausbildung zum Tourismuskaufmann für Privat- und Geschäftsreisen.
>> zur Reportage
Mohammad Zaghnoon (23) wird gerade auf die Ausbildung zum Fachangestellten für Arbeitsmarktdienstleistungen vorbereitet. >> zur Reportage

Studium

Willst du studieren, musst du dich zuerst an der gewünschten Hochschule für den gewünschten Studiengang bewerben – das kannst du meist über die Homepage tun. Das ist zweimal im Jahr möglich, zum Wintersemester (Oktober bis März) und zum Teil auch zum Sommersemester (April bis September).

Viele Studienfächer sind sehr beliebt, das heißt, es gibt mehr Bewerber als Studienplätze. In diesem Fall müssen die Hochschulen auswählen, wen sie zum Studium zulassen. Es gibt Studiengänge, die an jeder Hochschule zulassungsbeschränkt sind (bundesweit). Das heißt, für die Studiengänge steht nur eine bestimmte Zahl von Studienplätzen zur Verfügung, zum Beispiel bei Medizin und Pharmazie. Andere Studiengänge sind nur an manchen Hochschulen zulassungsbeschränkt (örtlich), an anderen zulassungsfrei. Je nachdem gelten verschiedene Fristen, zu denen du dich bewerben musst. Auch musst du je nach Studiengang und Hochschule unterschiedliche Voraussetzungen erfüllen, um zugelassen zu werden.

Die meisten Studiengänge, die man direkt nach dem Abitur aufnehmen kann, schließen mit einem Bachelor ab. Daneben gibt es Studiengänge mit Staatsexamen (zum Beispiel Medizin und Jura) und selten Studiengänge, in denen man einen Diplom- oder Magisterabschluss erwirbt. Bachelorstudiengänge dauern in der Regel sechs bis acht Semester (drei bis vier Jahre). Viele Studierende machen danach noch den Master, der noch einmal zwei bis vier Semester dauert (ein bis zwei Jahre).

Das Studium ist in Deutschland kostenlos – außer du besuchst eine private Hochschule. An staatlichen Hochschulen musst du nur einmal im Semester einen Beitrag für die Verwaltung und gegebenenfalls eine Fahrkarte bezahlen. Wie viel das ist, bestimmt die Hochschule. Manche verlangen 50 Euro, andere 300 Euro.

Damit sie Miete und Essen bezahlen können, arbeiten viele Studierende nebenbei, zum Beispiel in der Gastronomie oder in Callcentern. Außerdem kannst du die staatlich geförderte Finanzierungshilfe BAföG beantragen. Das ist ein monatlicher Zuschuss, den du unter bestimmten Umständen bekommen kannst – zum Beispiel, wenn deine Familie dich nicht finanzieren kann. Die Hälfte dieses Geldes musst du nach dem Studium zurückzahlen. Die andere Hälfte bekommst du geschenkt. (Mehr zum Thema Studienfinanzierung gibt es unter finanzen.abi.de.)

Ayat Alkadri (28) studiert International Management an der Technischen Hochschule Deggendorf. >> zur Reportage

... und was noch?

Es gibt auch noch eine besondere Ausbildungsform: das duale Studium. Dabei absolvierst du eine Ausbildung oder Praxisphasen in einem Unternehmen und studierst parallel. Es gibt zwei Formen: die eine kombiniert Ausbildung und Studium, hierbei erhalten Absolventen zwei Abschlüsse. Die andere sieht Studium und Praxisphasen in einem Unternehmen vor, am Ende gibt es einen Hochschulabschluss. Duale Studiengänge dauern zwischen drei und viereinhalb Jahren. (Mehr zum Thema duales Studium liest du unter duales-studium.abi.de.)

Sara Manzari (33) beginnt bald ihr duales Studium an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. >> zur Reportage

 

Wenn du die Schulzeugnisse aus deinem Heimatland mitgebracht hast, kannst du sie in Deutschland anerkennen lassen (Mehr zur Anerkennung in Schritt 4: Was ist mein Zeugnis wert?). Wenn sich dabei herausstellt, dass du hier noch nicht studieren darfst, kannst du das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachholen. Das kannst du auf Abendgymnasien oder Kollegs machen. (Mehr zum Thema „Abitur auf dem zweiten Bildungsweg“ gibt es im Beitrag „Mit Beharrlichkeit und langem Atem“.)

Und auch wenn du qualifiziert bist, musst du natürlich trotzdem erst die deutsche Sprache lernen. Das kannst du zum Beispiel in einem Sprachkurs, den dir die Agentur für Arbeit oder das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) vermittelt. Auch viele Hochschulen bieten Sprachkurse an und haben außerdem zusätzliche Plätze in ihren Studienkollegs und anderen Vorbereitungskursen geschaffen. Je nach Hochschule dauert ein Studienkolleg zwischen sechs und zwölf Monaten.

Mehr Info

Anlaufstellen und wichtige Links

 abi>> Portal

Rubrik "Studim": studium.abi.de

- Was studieren?

- Wo studieren?

- Wie studieren?

Rubrik "Ausbildung": ausbildung.abi.de

 

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Studium International Management

Angekommen

Die Syrerin Ayat Alkadri (28) kam 2015 mit einem Studentenvisum aus Ägypten nach Deutschland und studiert jetzt International Management an der Technischen Hochschule Deggendorf.

Der englischsprachige Bachelorstudiengang ist international ausgerichtet. Die Studierenden eignen sich im Laufe der sieben Semester umfassendes betriebswirtschaftliches Know-how an, werden aber auch in interkultureller Kompetenz geschult. Ayat Alkadri bekommt derzeit sowohl die Grundlagen in Marketing, Logistik und Rechnungswesen vermittelt, als auch verschiedene Präsentationstechniken und Business English. Sie ist im zweiten Semester, aber noch immer ist vieles ungewohnt für sie. „Ich weiß noch nicht, wie ich mit alldem umgehen soll“, sagt die 28-Jährige. „Bei uns in Syrien galt zum Beispiel eher das Prinzip des Open Learning. Man musste nicht so oft zu Veranstaltungen in die Hochschule.“

Ein Foto von Ayat Alkadri

Ayat Alkadri

Foto: privat

Ayat Alkadri stammt aus einem kleinen Ort außerhalb von Damaskus. 2007 hatte sie einen Abschluss in einem medizinischen Institut gemacht und seitdem in einem Kindergarten gearbeitet. 2011 brach der Bürgerkrieg aus. Auch in ihrem Heimatort kam es zu Gefechten. 2013 floh sie mit ihren Eltern, drei Brüdern, ihrer Schwester und ihrem Schwager nach Ägypten. Doch nach dem Militärputsch in Ägypten wurde die Lage für Syrer dort schwieriger. Von Alexandria aus wagten der Vater und die Brüder schließlich die Überfahrt nach Europa, irgendwie schlugen sie sich über Italien bis nach München durch. Sie kamen in eine Erstaufnahmeeinrichtung im niederbayerischen Deggendorf.
Ayat Alkadri und ihre Mutter beantragten bei der deutschen Botschaft in Kairo die Familienzusammenführung. Die Mutter durfte nachkommen, sie flog Anfang 2015 nach München. Ayat Alkadri blieb zurück, da sie über 18 war. Volljährige Kinder dürfen nicht nachziehen. „Ich wäre alleine in Ägypten geblieben“, erzählt sie. „Meine ganze Familie war in Deutschland.“

Am Dienstag angekommen, am Mittwoch auf dem Campus

Sie überlegte, in die Türkei zu ziehen, stellte auch einen Einreiseantrag für die USA, da ein Onkel von ihr in Florida lebt, jedoch vergeblich. In Deggendorf brachte ein Student ihren Vater auf eine andere Idee: Sie sollte sich für ein Studium an der Hochschule bewerben.

Mit seiner Hilfe reichte ihr Vater alle Dokumente ein, die die Hochschule von Studienbewerbern verlangt. Ihr Onkel eröffnete von Florida aus in Deggendorf ein Bankkonto für sie und hinterlegte 8.500 Euro. Ayat Alkadri selbst paukte in Ägypten Englisch und legte den IELTS-Test ab, der sie – zusammen mit ihren Abschlusszeugnissen aus Syrien – für das Bachelorstudium qualifizierte.

Im Oktober 2015 reiste sie mit einem Studentenvisum nach Deutschland aus. „Ich kam an einem Dienstag an, am Mittwoch war ich das erste Mal auf dem Campus“, erinnert sie sich. Ihre Familie war inzwischen ins Stadtzentrum von Deggendorf umgezogen.

„Ich beginne ein neues Leben“

Über ein Willkommensprojekt und einen Workshop an der Hochschule hat sie inzwischen Freunde unter ihren deutschsprachigen Kommilitonen gefunden. Nur ihr Deutsch ist noch nicht so gut, wie sie sich das selbst wünscht. Zweimal die Woche besucht sie einen Deutschkurs, vor kurzem hat sie die Prüfung für das Niveau A1 abgelegt. Immerhin: „Dahoam is dahoam“ kann sie im niederbayerischen Dialekt schon sagen, auch wenn sie dabei lachen muss.

Ihr Visum gilt zunächst für die dreieinhalb Jahre ihres Studiums und noch ein Jahr darüber hinaus. Manchmal fragt sie sich, ob sie auch danach bleiben darf. Sie hofft, in Deutschland zu lernen, wie man ein Land nach einem Krieg wieder aufbauen kann – „vielleicht kann ich eines Tages meinem Land dabei helfen“, erklärt sie. Zurück nach Syrien will sie aber nicht. „Es gibt nichts, was ich dort machen könnte“, sagt sie. „Ich beginne hier gerade ein neues Leben.“

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Duales Studium Informatik

Ein langer Weg

Seit ihrer Flucht aus dem Iran hat Sara Manzari (33) in Deutschland viel gekämpft – um ihre Anerkennung als Asylbewerberin, für ihre Zukunft und die ihrer Tochter. Nun hat sie in Karlsruhe einen Studienplatz in Informatik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg bekommen und sucht noch ein Unternehmen für die Praxisphasen.

Sara Manzari war im Iran eine erfolgreiche Frau. Sie hatte ihr Abitur in Mathematik und Physik gemacht und Mediendesign studiert. Sie arbeitete als Modedesignerin, unternahm Geschäftsreisen nach Europa. Und sie war als Journalistin tätig: Unter anderem traf sie in Frankreich den letzten iranischen Präsidenten vor der islamischen Revolution von 1979 und schrieb über ihre Gespräche mit ihm. Das aber ist im heutigen Iran verboten – und gefährlich. „Ich habe einen Fehler gemacht, der mein Leben zerstört hat“, sagt die 33-Jährige.

Zwei Monate lang saß Sara Manzari im Gefängnis. Sie durfte nicht mehr arbeiten, verlor ihre Versicherung, man nahm ihr den Pass ab und verbot ihr, Teheran zu verlassen. „Meine Familie und meine Freunde hatten Angst, sich mit mir abzugeben“, erzählt sie.

Ein Mann bot ihr schließlich Hilfe an und organisierte ihre Flucht. Mit dem Bus schmuggelte man sie in die Türkei. Am Flughafen Istanbul drückte ihr jemand einen spanischen Reisepass in die Hand und sagte zu ihr: „Wohin willst du? Deutschland? Frankreich? Großbritannien? Entscheide dich jetzt!“ Völlig überrumpelt sagte Sara Manzari: „Deutschland.“ Sie schaffte es durch die Passkontrollen in Istanbul und Hamburg. Dort nahm ihr ein dritter Mann den Pass wieder ab und verschwand. Sara Manzari stellte bei der Polizei einen Asylantrag. Das war im November 2012.

Unterstützung für Geflüchtete

„Das erste Jahr in Deutschland war sehr schwer für mich“, erzählt sie. Seit ihrer Ankunft wurde sie mehrmals verlegt. Heute wohnt sie mit ihrer kleinen Tochter in einer eigenen Wohnung in der Nähe von Karlsruhe. Zwei Jahre dauerte es, bis Sara Manzaris Antrag auf Asyl schließlich anerkannt wurde. „Ich habe immer gekämpft“, sagt sie.

Zweimal pro Woche besucht sie selbst Geflüchtete in einem Wohnheim. „Ich berate schwangere Frauen, helfe bei der Suche nach einem Kindergarten, bei Arztbesuchen oder der Anmeldung beim Jobcenter“, erzählt die 33-Jährige.

Gesucht: Stelle bei einem Unternehmen

Ihre Tochter ist in einer Kinderbetreuung untergebracht, sodass Sara Manzari endlich einen „richtigen“ Deutschkurs machen kann. Außerdem hat sie über das „Café Asyl“ in Karlsruhe, wo sie jeden Donnerstag andere Geflüchtete, und Ehrenamtliche trifft, Kontakte zur Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) geknüpft. Sie hat beschlossen, ein duales Studium der Informatik aufzunehmen.

Beim Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe hat sie ein Praktikum gemacht und an der Hochschule einen Kompetenztest absolviert. „Ich musste mir dort zum Beispiel ein Bild von einer Brücke oder einem Gebäude anschauen und es als Modell nachbauen“, erzählt sie. Dabei konnte sie Holz, Garn, Leim und sogar Spaghetti verwenden.

Zugelassen zum Studium ist sie schon, ein weiterer Deutsch-Intensivkurs soll sie auf das Sprachniveau B2/C1 bringen. Jetzt fehlt ihr nur noch ein Unternehmen, bei dem sie ihre Praxisphasen absolvieren kann. Wenn sie in diesem Jahr noch keines findet, kann sie trotzdem schon Kurse an der DHBW belegen. „Ich möchte aber nicht noch ein Jahr verlieren“, sagt sie.

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Ausbildung zum Tourismuskaufmann

Nächster Halt: Ausbildung

Nebras Nassar (25) wollte sich nicht in der syrischen Armee verheizen lassen. Seine Familie organisierte die Flucht nach Deutschland. In Koblenz hat er in zwei Jahren eine Wohnung gefunden, die deutsche Sprache gelernt und gerade eine Ausbildung zum Tourismuskaufmann für Privat- und Geschäftsreisen begonnen.

Als der Brief von der Armee kam, wusste Nebras Nassar, dass er weg musste. Weg aus Damaskus, der „ältesten Hauptstadt der Welt“, wie der 25-Jährige stolz sagt. Weg aus seinem alten Leben, in dem er Abitur gemacht und ein Hochschuldiplom in Tourismus erworben hatte. Weg von seinen Freunden, die teilweise schon seit sechs Jahren in der syrischen Armee kämpfen müssen und von denen manche dabei umgekommen sind. „Vor dem Krieg hat der Militärdienst ein bis zwei Jahre gedauert“, erzählt er. „Jetzt kommt man nie wieder raus.“

Ein Foto von Nebras Nassar

Nebras Nassar

Foto: privat

Seine Familie machte einen Fluchtplan. Mit dem Auto fuhr Nebras Nassar im März 2014 in den Libanon, von Beirut aus flog er nach Rom. Ein Cousin wohnte in Carrara, der besorgte ihm einen Studienplatz. Doch schon nach einer Woche war klar, dass Nebras Nassar in Italien keine Aufenthaltsgenehmigung bekommen würde. Er flog weiter nach Düsseldorf, zu einem anderen Cousin. Seinen Asylantrag stellte er wiederum in Dortmund, wo man ihm einen Platz in einer Erstaufnahmeeinrichtung zuwies.

Eigene Wohnung und Deutschkurse

„In der ersten Nacht hatte ich großes Heimweh“, erzählt er. „Ich war mit neun Männern in einem Zimmer und der einzige Christ.“ Mehrmals wurde er verlegt, schließlich kam er nach Koblenz. Im Oktober 2014 wurde sein Asylantrag genehmigt und er machte sich auf die Suche nach einer Wohnung. Ehrenamtliche Mitarbeiter der evangelischen Christuskirche halfen ihm dabei. Dort leitet er inzwischen das Musikteam, in dem er Mitglied ist.

Acht Monate später konnte Nebras Nassar in seine erste eigene Wohnung in Koblenz ziehen, zunächst bezahlt vom Jobcenter. Seinen ersten Sprachkurs, der ihn auf Niveau B1 brachte, bezahlte die Agentur für Arbeit, den zweiten das Bürgeramt in Koblenz. Sein Deutsch ist jetzt auf Niveau B2. Nach wie vor hilft er in Flüchtlingsheimen, dolmetscht und gibt den Leuten Tipps, an wen sie sich wenden müssen. „Ich habe selbst erlebt, wie schwierig das ist“, sagt er.

Vom Praktikum zum Ausbildungsplatz

Mit Hilfe der Caritas schrieb Nebras Nassar Bewerbungen und einen Lebenslauf auf Deutsch, gab beides bei der Agentur für Arbeit ab. Die Sachbearbeiterin vermittelte ihm ein Praktikum in einem Reisebüro in Koblenz. „Mein Chef hat gesagt: Mach eine Woche Praktikum und danach bekommst du einen Ausbildungsplatz als Tourismuskaufmann. Ich kann immer noch nicht glauben, dass das geklappt hat“, sagt er. „Das war mein erster richtig guter Schritt in Deutschland.“ Im Juli 2016 fing er im Reisebüro an, er telefoniert schon mit Kunden, berät sie im Geschäft und sortiert Urlaubskataloge. In den nächsten drei Jahren wird er lernen, Privat- und Geschäftsreisen zu planen, Angebote zu erstellen, Preise zu kalkulieren und Rechnungen zu schreiben. „Ohne Arbeit ist man nichts“, ist seine Erfahrung. „Mit Arbeit fühlt man sich besser.“

Seine Aufenthaltsgenehmigung gilt bis Oktober 2017, aber mit seiner Ausbildung und seinen Sprachkenntnissen hat er gute Chancen, dass sie verlängert wird. Nach der Ausbildung möchte er in Deutschland bleiben. „Deutschland hat ,Herzlich Willkommen’ gesagt, und man muss mit dem Herzen Danke sagen“, findet er. „Deshalb will ich hier bleiben und arbeiten, mich weiterentwickeln und etwas zurückgeben.“ Vielleicht, sagt er, kann ja seine Familie irgendwann nachkommen. „Das wäre meine Hoffnung.“

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Schritt für Schritt

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Stand: 19.12.2018