Logo Bundesagentur für Arbeit
Logo Bundesagentur für Arbeit
  • Drucken
  • Versenden
  • PDF (Öffnet sich in neuem Fenster)

Kategorien

„Ich freue mich über jede Unterschätzung“

Wissenschaftlerin Mai Thi Nguyen-Kim
Mai Thi Nguyen-Kim geht auf ihrem Kanal "maiLab" wissenschaftlichen Fragestellungen auf den Grund und erklärt diese anschaulich.
Foto: Viet Nguyen-Kim

Mai Thi Nguyen-Kim

„Ich freue mich über jede Unterschätzung“

Warum vertragen Asiaten weniger Alkohol? Ist Kokosöl tatsächlich schädlich und wie funktionieren eigentlich Selbstbräuner? Mai Thi Nguyen-Kim kennt die Antworten auf all diese Fragen. Auf ihrem YouTube Kanal „maiLab“ erklärt die 31-Jährige ihrem Publikum komplexe chemische Vorgänge anschaulich und verständlich. abi>> sprach mit der promovierten Chemikerin über ihren Werdegang und die noch immer vorhandenen Vorurteile gegenüber Frauen in der Wissenschaft.

abi>> Mai, ein Studium der Chemie mit Aufenthalten am Massachusetts Institute of Technology (MIT), später Doktorandin an der Harvard University und schlussendlich die Promotion. Dein Lebenslauf liest sich sehr beeindruckend. Wie kamst du dazu, diesen Weg einzuschlagen?

Mai Thi Nguyen-Kim: Nach der Schule habe ich mir den Kopf darüber zerbrochen, was ich später einmal machen will und fast schon eine kleine Krise durchgemacht. Ich hatte mich schon früh für viele verschiedene Fachgebiete interessiert, angefangen von Jura über Psychologie, bis hin zu Journalismus und den Naturwissenschaften. Nach einiger Überlegung wurde mir aber klar, dass man das Interesse an Naturwissenschaften nur beruflich und nicht als Hobby verfolgen kann. Da auch mein Vater Chemiker ist und ich mit der Chemie schon von früh auf viele Dinge im Alltag verbunden habe, lag dann die Entscheidung für die Chemie nahe.

abi>> Eine Frau in der Wissenschaft ist für viele leider auch heutzutage noch immer etwas Ungewöhnliches. Hattest du nie die Sorge, den falschen Weg eingeschlagen zu haben?

Ein Porträt-Foto von Mai Thi Nguyen-Kim

Mai Thi Nguyen-Kim

Foto: Viet Nguyen-Kim

Mai Thi Nguyen-Kim: Wenn man sich dieser Vorurteile zu sehr bewusst ist, kann das natürlich ein Hemmnis bei der Berufswahl sein. Ich habe ehrlich gesagt nie darüber nachgedacht, denn für mich hat sowas nie eine Rolle gespielt. Dass es diese starken Klischees gibt, ist mir tatsächlich erst dann klar geworden, als ich auch in den Medien präsenter wurde.

abi>> Inzwischen bist du nicht nur eine angesehene Wissenschaftlerin sondern auch erfolgreiche Moderatorin und YouTuberin. Zwei Berufsbilder, die gegensätzlicher kaum sein könnten.

Mai Thi Nguyen-Kim: Ich habe eine Erfahrung gemacht, die ich wohl leider mit den meisten meiner ehemaligen Kommilitonen teile: Man geht sehr idealistisch in die Doktorarbeit hinein und erlebt einen bösen Realitäts-Schock. Anfangs glaubt man hochmotiviert, man könne mit seiner Forschung die Welt verändern. Später muss man sich dann eingestehen, dass Forschung nicht nur aus Laborarbeit, sondern auch viel aus Bürokratie und Politik besteht. Zudem haben mich die Rahmenbedingungen an der Universität ein Stück weit enttäuscht. Durch meine Zeit in den USA kannte ich eine Gesellschaft, in der viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein viel größeres Sendungsbewusstsein an den Tag legen. Mehr oder weniger aus Spaß an der Freude startete ich dann mit meinem ersten YouTube Kanal und zog dadurch das Interesse von „funk“ auf mich. Als ich verstanden habe, dass mir hier die Möglichkeit geboten wird, Wissenschaftsjournalismus für junge Menschen zu betreiben und tolle fachliche Diskussionen anzustoßen, hat es bei mir Klick gemacht. Ich glaube, in meinem jetzigen Beruf kann ich mit meinen Leidenschaften und Fähigkeiten mehr bewegen, als ich es als Einzelperson im Labor tun könnte.

abi>> Zahlreiche Auszeichnungen und hohe Besucherresonanzen geben dir recht. Wie blickst du selbst auf die Entwicklungen in den vergangenen drei Jahren zurück?

Mai Thi Nguyen-Kim: Dass Wissenschaft so unglaublich erfolgreich sein kann, hätte ich mir niemals ausgemalt. Bei der Sache mit „funk“ vertraute ich ein bisschen auf mein Bauchgefühl. Ich merkte, dass sich in der deutschen Wissenschaftskommunikation etwas tut. Nach einem halben Jahr hatte ich ein Angebot aus der chemischen Industrie auf dem Tisch – und lehnte ab. Ich spürte, dass mein Projekt eine gute Sache ist, die ich unbedingt machen will und mit der ich viel erreichen kann. Nach verschiedenen inhaltlichen Anpassungen meines Kanals Anfang des vergangenen Jahres, fingen wir an zu wachsen und räumten Preise ab, die mich unglaublich motivierten.

abi>> Größere Reichweite bedeutet immer auch mehr Feedback, positiv wie negativ. Wie gehst du mit dem negativen Feedback um?

Mai Thi Nguyen-Kim: Ich weiß, was ich kann und bin gut, in dem was ich mache. Ich freue mich über jede Unterschätzung, der ich begegne. Genau das muss passieren! Mit jeder Überraschung weicht das Klischee ein klein wenig auf.
Auf der anderen Seite schreiben mir aber genauso viele junge Mädchen und Frauen, dass ich sie inspiriere, was mich dann unglaublich freut. Wenn man sich für die Wissenschaft begeistert, passiert das in einem sehr frühen Alter. Gut 40 Prozent meiner Zuschauer sind weiblich. Je jünger die Zuschauergruppen sind, desto größer ist der weibliche Anteil. Das liegt nicht etwa an mädchentypischen Inhalten, sondern an mir als weiblichem wissenschaftlichem Vorbild für die junge Generation.

abi>> Du siehst dich also auch durchaus als Vorbild für junge Frauen und Mädchen?

Mai Thi Nguyen-Kim: Wenn man in den neuen Medien unterwegs ist, muss man sich seiner Verantwortung bewusst sein. Auch wenn man kein Vorbild sein möchte, ist man es. In meinem Fall bin ich das gerne. Es ist nicht nur die journalistische Arbeit, die mir Spaß macht. Wenn ich jemanden inspirieren kann, freut mich das natürlich. Andererseits muss man aufpassen, dass die Leute einem nicht blind und fanatisch folgen. Ich will keine Heldin sein, sondern aufgrund meiner Arbeit und der Inhalte meiner Videos geschätzt werden.

abi>> Die Themen deiner Videos treffen immer den Nagel auf den Kopf und sind brandaktuell. Wie läuft die Themenfindung bei dir ab?

Mai Thi Nguyen-Kim: Ich habe von „funk“ die Freiheit, vollkommen autark zu arbeiten. Wir sind aktuell nur ein Zweierteam und dadurch sehr flexibel.
Die Flexibilität kann aber auch unglaublich anstrengend sein. Oft weiß ich bei der Veröffentlichung eines Videos nicht, was als nächstes kommt. Mein Credo: Ich muss mich jede Woche unglaublich auf mein neues Video freuen. Manchmal weiß ich am Montag eben noch nicht, was mich diese Woche freut. Diese Spontanität bringt die große Aktualität.

abi>> Was sind deine Zukunftspläne?

Mai Thi Nguyen-Kim: Ich freue mich erst einmal auf viele weitere maiLab-Folgen und noch mehr Quarks-Sendungen im WDR als bisher. Trotz meiner medialen Arbeit möchte ich aber auf keinen Fall den Kontakt zu den Universitäten verlieren. Auch wenn sie mir anfangs ein wenig das Herz gebrochen haben, liegen sie mir dennoch am Herzen. Ich möchte unabhängig bleiben und weiter dabei helfen, das wissenschaftliche Denken in Politik und Gesellschaft zu verankern.

Über Mai Thi Nguyen-Kim

Mai Thi Nguyen-Kim wurde am 07. August 1987 in Heppenheim geboren. Nach dem Abitur im Jahr 2006 studierte sie Chemie an der Universität Mainz und dem Massachusetts Institute of Technology. Später arbeitete sie als Doktorandin unter anderem an der Harvard University, bevor sie 2017 promovierte. Der breiten Öffentlichkeit ist sie heute durch ihren YouTube-Kanal „mailab“ (früher: schönschlau) bekannt, den sie im Auftrag von „funk“, dem Gemeinschaftsangebot von ARD und ZDF für Jugendliche und junge Erwachsene, produziert. Beim WDR-Wissensmagazin „Quarks“ ist sie zusammen mit Ralph Caspers die Nachfolgerin von Moderator Ranga Yogeshwar. Zudem ist sie als Moderatorin für „Terra X Lesch & Co.“ aktiv.

 

Im vergangenen Jahr wurde die Wissenschaftlerin unter anderem mit dem Grimme Online Award sowie dem deutschen Webvideopreis ausgezeichnet.

abi>> 23.01.2019

weitere beiträge

  • zu BERUFE.TV (Öffnet sich in neuem Fenster)
  • zu den abi>> Podcasts