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Von anderen Kulturen und großen Erwartungen

Ländlich gelegenes Haus in Tansania
Zum Helfen nach Afrika: Die Organisation "weltwärts" ermöglicht jungen Freiwilligen Auslandsaufenthalte mit entwicklungspolitischem Hintergrund.
Foto: Marina Yang

Entwicklungspolitischer Freiwilligendienst

Von anderen Kulturen und großen Erwartungen

Nach dem Abi was Sinnvolles machen. Raus in die Welt, nach Afrika, nach Südostasien, nach Südamerika und in Eigenregie die Welt retten? Genau darum geht’s nicht, sagen Marina Yang (20), Lukas Held (20) und Elisabeth Keuten (20). Alle drei waren mit Weltwärts, dem entwicklungspolitischen Freiwilligendienst des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), im Ausland, haben in erster Linie viel über sich gelernt und den eigenen Horizont erweitert.

Wer ein leichtes Helfersyndrom hat, wird nach einem Jahr im Freiwilligendienst geheilt sein“, sagt Lukas Held und lacht. „Auch wenn mir bewusst war, dass ich als Abiturient in einem Jahr die Welt nicht verbessern kann, war da doch dieser kleine Wunsch in mir, etwas Gutes für das Land zu tun.“ Der 20-Jährige war von 2016 bis 2017 in Tansania und hat an Projekten zur Elektrifizierung abgelegener Dörfer mithilfe erneuerbarer Energien mitgearbeitet. Entsendet hat ihn der Verein Deutsch-Tansanische Partnerschaft (DTP), finanziell unterstützt durch Fördermittel aus dem BMZ-Weltwärts-Programm.

Ein Porträt-Foto von Lukas Held

Lukas Held

Foto: privat

„Die Mitarbeit sah am Anfang so aus, dass ich meinen tansanischen Kollegen in die Dörfer begleitet habe und ihm dabei zuhörte, wie er Werbung für den Einsatz erneuerbarer Energien macht“, erzählt er. Gleich richtig in Aktion treten? Fehlanzeige.

Elisabeth Keuten hat ähnliche Erfahrungen gemacht: Die 20-Jährige war über Brot für die Welt ein Jahr lang in Kambodscha, hat in einem Ökotourismus-Dorf die heimischen Tourguides unterstützt und sich um die Werbung für das Dorf gekümmert. Sie hatte erwartet, dass ihr Einsatz einen größeren Effekt hätte. Stattdessen empfand sie sich als kleines Rädchen im Getriebe.

Ganz unterschiedliche Projekte und Einsatzgebiete

Ein Porträt-Foto von Marina Yang und ihrer Gastfamilie

Marina Yang

Foto: privat

„Dieses Überlegenheitsdenken, dass man so frisch von der Schule weg in der Lage wäre, den Menschen vor Ort, die ja ihr Land und ihre Mitmenschen am besten kennen, Lösungen zu präsentieren, ist unangebracht“, kommentiert auch Marina Yang und weist auf die Auswahlgespräche und die Vorbereitungswoche hin, die alle Weltwärts-Freiwilligen vorab durchlaufen und die für einen vorurteilsfreien Umgang mit anderen Kulturen sensibilisieren soll.

Genau wie Lukas Held war sie mit DTP in Tansania und hat dort unter anderem gemeinsam mit tansanischen Kollegen ein kleines Bildungsprojekt auf die Beine gestellt. „Wir sind in Schulen gegangen und haben uns umgehört, ob die Frauen in den Familien eher gekaufte Damenbinden verwenden oder die bewährten, viel umweltfreundlicheren Baumwolltücher. Zudem haben wir eine Möglichkeit organsiert, auslaufsichere, passgenaue Binden selbst zu nähen.“

Bis zu 2.300 Euro an Spendengeldern als Eigenanteil

Trotz eingebremstem Enthusiasmus würden sich die drei immer wieder für ihren Weltwärts-Einsatz entscheiden. Die Finanzierung verteilt sich dabei auf mehrere Schultern: Das BMZ übernimmt bis zu 75 Prozent der Kosten, den Rest tragen die Entsendeorganisationen. Diese wiederum bitten die Freiwilligen darum, Spenden einzuwerben, um einen Teil der Kosten zu übernehmen. Daher haben Marina Yang, Lukas Held und Elisabeth Keuten vorab zwischen 1.800 und 2.300 Euro an Spendengeldern zusammengetrommelt.

Nur fair, findet Lukas Held, schließlich habe er so viel dafür zurückbekommen: „Nach dem Abi hatte ich das Gefühl, dass ich noch nicht reif genug bin, um zu studieren. Das Jahr hat mich charakterlich so geprägt, dass ich innerlich gewachsen bin. Mein Ziel habe ich also erreicht“, sagt der 20-Jährige, der auch ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) im Blick hatte, sich dann aber fürs Ausland entschied. „Genau die richtige Entscheidung“, weiß er heute. Mittlerweile studiert er im zweiten Semester Energietechnik an der Leibniz Universität Hannover. Vieles, was er und seine Kommilitonen in den Grundlagenkursen durchnehmen, kennt er aus der Praxis. „Jetzt klären sich all die technischen Fragen, die ich in Tansania hatte“, fügt er an.

Viel über sich selbst lernen

Auch Elisabeth Keuten kann den Weltwärts-Einsatz rückblickend nur empfehlen. „Mit etwas Distanz sehe ich, was mir das alles gebracht hat. Ursprünglich wollte ich mehr über Kambodscha erfahren, über seine Geschichte, den Buddhismus, den Genozid durch die Roten Khmer. Was ich aber gelernt habe ist: Das sind Klischees. Schon in den Vorbereitungsseminaren beginnt man sein eigenes Denken zu hinterfragen. Was davon ist eigentlich schon Rassismus? Warum sprechen wir überhaupt von Entwicklungsländern? All diese Fragestellungen beschäftigen mich sehr“, sagt sie 20-Jährige, die inzwischen Ethnologie an der Georg-August-Universität Göttingen studiert.

Ganz ähnlich die Erfahrungen von Marina Yang. Sie fühlte sich vor allem vom ganz Unbekannten angezogen. „Anders als zu Asien hatte ich zum afrikanischen Kontinent überhaupt keinen Bezug. An einem völlig anderen Ort mit Menschen zusammenleben, andere Wünsche, Hoffnungen und Konzepte von der Welt erfahren, das fand ich spannend“, erklärt sie ihre ursprüngliche Motivation. Zu erfahren, dass es auch viele Gemeinsamkeiten gibt, fand sie im Nachhinein aber besonders bereichernd. „Seitdem frage ich mich eher, was motiviert die Menschen. Warum handeln sie so, wie sie handeln und habe ein Psychologie-Studium in Marburg begonnen.“

Rechtzeitig um einen Platz kümmern

Alle drei sind über die Website www.weltwaerts.de zu ihren Entsendeorganisationen gekommen. Noch während des Abis haben sie sich dort beworben, an einem Auswahlverfahren teilgenommen, ihre Spendenaktionen gestartet, sich um Visum und Versicherungen gekümmert. Weltwärts empfiehlt, seine Bewerbung rund ein Jahr vor der Abreise loszuschicken. „Von der Deutsch-Tansanischen Partnerschaft wurde uns so stark unter die Arme gegriffen, dass all das eigentlich kaum Arbeit gemacht hat“, sagt Marina Yang. Nach dem Abi stand dann zunächst die Vorbereitungswoche an, je nach Einsatzort ein Sprachkurs und schließlich die Abreise.

Die meisten Freiwilligen leben in Gastfamilien und bekommen ein kleines Taschengeld. „Man ist Teil der Familie, kann sich aber erstmal nicht richtig verständigen. Ich hatte selbst ein großes Bedürfnis mich auszutauschen, wollte mich in Alltagsgespräche stürzen, deswegen war der Drang da, Kiswahili möglichst schnell zu erlernen“, erinnert sich Marina Yang. Lukas Held ergänzt: „Meine Gastmutter hat in wichtigen Situationen Englisch gesprochen. Nach fünf Monaten ging es dann mit Kiswahili so gut, dass ich Englisch komplett verbannt habe.“

Neugier, Offenheit, Durchhaltevermögen

Marina Yang nickt: „Es war ein spielerischer und spannender Prozess. Ich wurde kontinuierlich angespornt und ermutigt von meinem großartigen tansanischen Umfeld. Besonders gern erinnere ich mich an Schlüsselmomente wie diese: Ich bin morgens aufgewacht und habe draußen meinen Gastvater telefonieren hören und sehr bewusst gemerkt, wie viel ich eigentlich schon verstehe. Das war schön!“

Durchhaltevermögen, Bereitschaft zuzuhören, Neugier – das sind die wichtigsten Eigenschaften, die man mitbringen sollte, resümiert Lukas Held für sich und alle, die sich für Weltwärts interessieren: „Es gibt ein afrikanisches Sprichwort, das besagt: Wer andere besucht, sollte die Augen öffnen, nicht den Mund.“

Weitere Informationen

Weltwärts

www.weltwaerts.de

Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)

www.bmz.de/de/ministerium/beruf/arbeitsmoeglichkeiten
_ausland/freiwillligendienst/index.html

Deutsch-Tansanische Partnerschaft e.V.

www.dtpev.de

Brot für die Welt

info.brot-fuer-die-welt.de/asien/kambodscha
https://info.brot-fuer-die-welt.de/freiwillige

abi>> 11.07.2018