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Medizin studieren

Physikumslogbuch - finaler Eintrag

Es ist neun Uhr morgens. Ich bin müde, habe kaum geschlafen. Die Prüfer empfangen meine Mitprüflinge und mich im Seminarraum. Sie lächeln. Der gefürchtete Professor der Anatomie ist krank geworden und wird durch seinen Zögling vertreten, der ihm in Strenge in nichts nachsteht. Eine meiner Mitstreiterinnen ist voriges Semester genau bei ihm durchgefallen. Der Schock über das Wiedersehen steht ihr ins Gesicht geschrieben und wirkt sich auch auf uns andere aus.
Besonders der erste Teil zur Anatomie läuft bei mir einfach nicht. Drei von uns begutachten zunächst an den vorbereiteten Mikroskopen je ein Präparat und machen sich Notizen, fertigen Zeichnungen an. Die Vierte im Bunde wird zur Körperspende gebeten. Vor mir liegt ein Präparat der embryonalen Mundhöhle, es geht um Zahnentwicklung. Das kann ich halbwegs. Ich zeichne die Zähne in ihren unterschiedlichen Stadien der Entwicklung und versuche, möglichst viele Details einzubauen.
Dann werde ich gebeten, zur Körperspende zu kommen. Meine Hände schwitzen, ich kann mir kaum die Handschuhe anziehen. Zudem schwanke ich ständig zwischen hellem Wachsein wegen der Aufregung und purer Müdigkeit wegen der Anstrengung der vergangenen Wochen, der schlaflosen Nacht. Wenig konzentriert nehme ich die Niere heraus. Der Prüfer stellt mir währenddessen mehrere Fragen, für die ich mich sortieren muss. Er will Details hören. Sein Fragestil wirft mich aus der Bahn und ich muss oft sagen, dass ich etwas nicht weiß, obwohl ich das eigentlich tue. Es ist, als seien die Bereiche meines Gehirns, wo die Informationen abgespeichert sind, durch eine Barriere abgeriegelt! Auch die Befragung über den Unterschenkel läuft nicht besser. Ich weiß, dass ich es in den Sand gesetzt habe. Es liegt an mir, am Prüfer, an den vergangenen Wochen.
Ich beiße die Zähne zusammen und gebe in der Histologie alles. Obwohl mich der merkwürdige Fragestil wieder verwirrt, bringe ich die paar Minuten halbwegs souverän zu Ende. Die Prüfungen zur Physiologie und zur Biochemie sind von meiner Seite aus ebenfalls solide, wenn auch nicht besonders gut. Doch ich bin wieder zuversichtlich, dass es doch noch etwas wird.
Und tatsächlich: Wir bestehen alle! Ich mit einer Drei. Die Begründung lautet, dass ich mich oft verhaspelt hätte. Doch das ist mir in diesem Moment egal. Ich spüre nur, wie das Gewicht dreier Elefanten von meinen Schultern weicht und die Welt um mich herum wieder Farbe bekommt.

Autor: Thilo  |  Rubrik: studium  |  19.10.2017

Medizin studieren

Wieder am Meer

Nach den bestandenen Klausuren und einer sehr kurzweiligen, weil schnell zu erledigenden Pack-Aktion, saß ich in diesem Jahr das dritte Mal auf dem Fahrersitz meines Busses in Richtung französischer Atlantikküste. Nur dieses Mal nicht mit unmittelbarer Deadline vor Augen, sondern ganz auf den Spuren meines „Post-Abitur-Sommers“ 2012. Damals hatte ich zwar hauptsächlich in dem Surfcamp gearbeitet, habe aber auch einen Trip nach Galizien gemacht, über den ich damals schon berichtet habe. Genau das steht auch dieses Jahr auf der Agenda – wohl mein letzter Sommer den ich in vollen Zügen genießen kann, vor dem unvermeidbaren Hammer-Examen übernächsten Winter.
Los ging es! Nach kurzem Zwischenstopp in Paris düste ich an den Atlantik, genauer in das Surf-Mekka Seignosse/Hossegor/Capbreton. Zwischen Parkplätzen am Strand, Schlafplätzen und Supermärkten pendelnd verbrachte ich hier die ersten Tage bei noch einigermaßen guten Wellen. Doch wie das leider des Öfteren im August so ist, verschwanden die auch schnell wieder.
Also fuhr ich weiter in den Süden, in das wunderschöne grüne Baskenland. Den meisten ist nicht klar, wie grün und vor allem bergig Nordspanien sein kann. Ist man nicht darauf eingestellt, wird man immer wieder überrascht, wenn man eine serpentinenreiche Straße entlangfährt, achtprozentige Steigungen erklimmt, an Kuhweiden vorbeirauscht und auf einmal um eine Kurve biegt und das Meer in all seiner Pracht erblickt. Fast hätte ich vergessen, dass ich mich im eigentlich doch trockenen, braunen „Sommer-Spanien“ befinde, mutete das alles doch sehr alpin an. Klar, die Palmen zwischen den Koppeln irritierten, davon abgesehen ist es gebirgig – aber eben auch maritim. Und so arbeite ich mich gen Westen durchs Baskenland von einem wunderschönen Strand zum nächsten Fischerdörfchen vor, in Erwartung der nächsten Wellen …

Autor: Johannes  |  Rubrik: studium  |  16.10.2017

Medizin studieren

Physikumslogbuch - Eintrag 5

Es klingelt. Der Postbote. Clara, meine Mitbewohnerin und Kommilitonin schaut mich an. Wir springen auf, rennen zur Tür, dem Postboten entgegen. Er guckt etwas irritiert, nennt dann meinen Namen. Ich unterschreibe und nehme den Brief entgegen: die Einladung zur mündlichen Prüfung des Physikums. Clara ist etwas enttäuscht und gleichzeitig erleichtert – sie wird ein paar Tage mehr haben, um sich vorzubereiten. Ich erhalte den Brief hingegen früh, werde also nach dem schriftlichen Teil des Physikums nicht mehr viel Zeit haben, mich gezielt vorzubereiten.
Doch es kommt noch schlimmer: Wie erstarrt lese ich die Namen meiner drei Prüfer vor. In Claras Gesicht spiegelt sich meine eigene Emotion wider, sie drückt ihr Bedauern aus. In Anatomie werde ich vom gefürchtetsten Professor abgefragt, über den so manche Legende im Umlauf ist und der eine beachtliche Zahl an Prüflingen bereits durchfallen ließ. Die Physiologie wartet für mich mit ihrem Chef auf, der auch im Vorstand des Max-Planck-Instituts sitzt. Nur die Biochemie bietet einen Prüfer, der auf den ersten Blick okay zu sein scheint.
In jedem Fach – Anatomie (mit Histologie), Physiologie und Biochemie – haben wir 15 Minuten Zeit, sodass die Prüfung insgesamt ungefähr drei Stunden dauern wird. Geprüft werden wir in Vierergruppen. Über die Semestergruppe auf Facebook finden sich die Leute, die sich gemeinsam der Herausforderung stellen, um sich zusammen vorzubereiten oder die Prüfer nach Terminen zum Kennenlernen zu fragen. Meine Mitstreiterinnen und Mitstreiter sind alle zwischen 28 und 30 Jahre alt, mit 21 Jahren bin ich das Küken. Eine hat bereits ein Zahnmedizinstudium hinter sich, die anderen beiden jeweils eine Ausbildung in der Krankenpflege. Eine tritt zum zweiten Mal an und ist entsprechend nervös. Doch bereits zu Anfang kristallisierte sich heraus, dass wir vier es gemeinsam anpacken und wir uns zur Not an allen sechs Tagen nach der schriftlichen Prüfung treffen werden, Hauptsache, wir bestehen.
Wie bei allen Testaten gibt es auch für das Physikum einige Altprotokolle, die sehr helfen, sich gezielt auf die Prüfer vorzubereiten. Allerdings war das Lesen ernüchternd – ich wurde in meiner Sorge bestätigt, dass es schwierig werden wird. Sechs Tage blieben uns, um nochmal drei Fächer so intensiv zu lernen, dass wir uns alle sicher in ihnen bewegen können. Eine Mammutaufgabe. Aber wir stellten uns ihr.

Autor: Thilo  |  Rubrik: studium  |  13.10.2017