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Medizin studieren

Struktur verloren

Dies sind die ersten Zeilen, die ich seit einiger Zeit wieder für meinen Blog tippe. Ich habe mir immer viel vorgenommen für den Blog. Habe zuletzt versucht, ein Physikumslogbuch zu führen, um denen, die in Zukunft da durchwollen und müssen, einen kleinen Anker zu geben, eine Beschreibung, wie das alles läuft, wenn man selbst Medizin studiert. Leider konnte ich diese Serie nicht so fortführen, wie ich es mir gewünscht habe. Ich habe meine Struktur im Schreiben verloren.
Nun sitze ich vor meinem Bildschirm und sehe, wie die eben noch weiße Seite immer mehr schwarze Striche und Punkte bekommt. Und es fühlt sich befreiend an. Ich habe Ende August mein Physikum geschrieben und blicke nun zurück auf wahnsinnig herausfordernde Wochen und voraus auf ein halbes Jahr großes Abenteuer in Nepal, Myanmar, Thailand und Vietnam. Leider war die Zeit vor dem Physikum auch geprägt von Trauer und Schmerz.
Dass mein Großvater krank war, ist mir bekannt gewesen. In seinem letzten Urlaub mit meiner Oma, kam es zu einer akuten, unvorhergesehenen Verschlechterung seines Zu-standes. Es war damit zu rechnen, dass er in den nächsten Monaten, vielleicht sogar Wo-chen, sterben würde. Natürlich weiß ich, dass jeder irgendwann sterben muss. Als es dann soweit war, hat es mich dennoch unvorbereitet getroffen.
Ich war an dem Wochenende, als er starb, bei meinen Eltern. Eigentlich wollte ich ihn noch einmal besuchen, verpasste seinen wachen Zustand aber um einen Tag. Es ärgert mich bis heute. Er starb Ende Juli. Etwas mehr als drei Wochen vor meinem Physikum. Rückblickend liegt ein dunkler Schleier über der folgenden Woche. Ich spielte mit dem Gedanken, das Physikum dieses Jahr einfach sein zu lassen. Ich beriet mich mit meinem besten Freund, meiner Mitbewohnerin, die mit mir studiert, erhielt mehrere Meinungen und blickte in entsetzte, traurige, verständnisvolle, nachsichtige, gestresste, angespannte Gesichter.
Die Trauerfeier war die Erlösung. Sie entfernte den Schleier, die Last, die Bürde. Und so kam der Entschluss - mit dem Wissen, nicht alleine zu sein, sondern unterstützt zu werden: Ich wage es, ich mache es, ich lasse es nicht unversucht, dieses Physikum zu bestehen.

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  14.09.2017

Medizin studieren

Volle Kraft voraus

Das Ende war in Sicht: Mit meinem Doktorvater hatte ich ein weiteres Treffen vereinbart, um über den Fortschritt meines Projektes zu sprechen und zu klären, wie es für mich nun weitergehen würde.
Einen richtigen Zeitplan hatte ich mir ja nie erstellt. Meine Devise lautete: Einfach mal rein ins Labor und drauflosforschen. Woher sollte ich wissen, wie Wissenschaft funktioniert? Eine gewisse Skepsis legte ich von vornherein an den Tag, aber derart viele Rückschläge hatte ich nicht erwartet. In meinem Hamsterrad sitzend ackerte ich Woche um Woche, zum Ende hin auch Wochenende um Wochenende im Labor vor mich hin, um fleißig Daten zu sammeln. Immer wieder setzte ich große Hoffnungen auf Experimente, musste dann aber, nach einem durchgearbeiteten Wochenende und wenig Schlaf, erkennen, dass die Ergebnisse nicht bahnbrechend, spannend oder eindeutig waren, sondern diffus, kompliziert und absolut nicht einzuordnen. So war zumindest mein Eindruck.
Das letzte Gespräch mit meinem Doktorvater sollte sich dafür als ziemlich aufbauend erweisen. Im Gegenteil zu mir, fand er die Ergebnisse keineswegs nichtssagend und unbedeutend, sondern betonte immer wieder, dass man große Projekte nicht innerhalb von zwölf Monaten publikationsreif hinbekäme. Daher könne ich mit meinen Ergebnissen durchaus zufrieden sein.
Damit ist die Laborarbeit für mich beendet. Was ich herausgefunden habe, reicht allemal für eine Doktorarbeit. Für mich ist das eine der größten Erleichterungen der letzten Monate. Nun kann ich mich ab Oktober – nach einem großen, erholsamen Urlaub in Frankreich, Spanien und Portugal – voller Elan an das Erstellen meiner Dissertation machen!

Autor: Johannes  |  Rubrik: studium  |  11.09.2017
Autor: Johannes
Rubrik: studium
11.09.2017

Medizin studieren

Physikumslogbuch - Eintrag 2

Wie viel sollte man jeden Tag für das Physikum lernen? Müssen es jeden Tag acht Stunden sein oder reicht es, sich etwas vorzunehmen und dann so lange zu machen, bis man damit fertig ist? Keiner scheint darauf eine richtige Antwort zu haben. Ich beobachte mich beim Selbstbetrug, wenn ich schnell mit meinem Vorhaben durch bin und trödele, um sagen zu können, sechs und nicht nur fünf Stunden gelernt zu haben. Ich denke oft nur daran, wie viele Stunden ich heute oder morgen habe, um zu lernen. Sind es mehr als fünf, bin ich wohl gestimmt, sind es weniger, werde ich gestresst. Das Lernen für das Physikum ist ein riesiger Berg, der zu erklimmen ist, auf dem man aber bei jeder Tagesetappe kaum an Höhe gewinnt. Dabei ist das nicht wahr. Ich schaffe jeden Tag mehr, als ich mir zugestehe, als sich auch die anderen zugestehen.
In dieser Zeit auf vieles verzichten zu müssen, gilt als normal. Da muss jeder durch, höre ich dann. Es muss anders gehen, denke ich – schöner, qualitativer, schöpfender.
Einige Wochen liegen noch vor mir. Ich fühle mich jetzt schon abgeschlagen, habe leichte Kopfschmerzen und erinnere mich kaum mehr daran, was ich in den ersten Tagen zu den Muskeln, Arterien und Venen des menschlichen Körpers gelernt habe.
Was also kann helfen? In Münster ist nun wahrlich viel geboten. Es fällt den Studierenden der Medizin nur leider selten auf. Ich habe mir nun zwei Stunden Zeit genommen und jede Menge Veranstaltungen rausgesucht: Gigs von kleinen Bands, Jam-Sessions in Bars, Kurzfilmabende im Szenekino und Improvisationstheater in Cafés. Jeden Tag zu etwas Besonderem machen, ist mein Ziel. Nicht vergessen, dass es mehr gibt als das Physikum, als das Studium, als den späteren Beruf.
Wo ist die Rebellion? Warum sind wir alle so konform und diszipliniert? Wir sollten anfangen, weniger drauf zu geben und einfach mehr zu leben. Der Rest wird schon klappen. Das könnte ein Anfang sein.

Autor: Thilo  |  Rubrik: studium  |  01.09.2017
Autor: Thilo
Rubrik: studium
01.09.2017