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Medizin studieren

Eine andere Stadt

Nach vier Jahren Münster komme ich langsam aber sicher immer häufiger an den Punkt, an dem ich denke: Ja, schön ist es wohl, aber auch ziemlich klein. An den verschiedenen Orten der Stadt denkt man immer wieder: Hier gehe ich jetzt seit vier Jahren hin, geändert hat sich nichts, es ist schon okay, aber haut mich jetzt auch nicht mehr vom Hocker.

Mittlerweile würde ich mich tatsächlich freuen, mal die Stadt wechseln zu können. Leider bin ich für mindestens weitere drei Jahre an Münster gebunden. Daher werde ich mir wohl weiterhin die Vorteile vor Augen führen müssen:
In kaum einer Stadt wird so viel Fahrrad gefahren wie hier. Ob 85-jährige Oma oder Anzugträger mit Aktenkoffer, alle schwingen sich allmorgendlich auf ihre Drahtesel.

Selbst die Mädels, die sonst nur in High Heels unterwegs sind, ziehen sich bei Regen einfach eine Regenhose an und setzen sich auf die sogenannte „Leeze“. Ehrlicherweise sei hier erwähnt, dass es tatsächlich auch einige Spezialisten gibt, die das Kunststück fertig bringen, mit Regenschirm Fahrrad zu fahren.
Aber all das tangiert mich persönlich eigentlich nicht, Fahrrad gefahren bin ich vorher und werde ich auch später, ganz gleich, in welche Stadt es mich einmal verschlagen wird.

Ich kann es kaum erwarten, in eine Stadt, in der eine Steigung von ein Prozent nicht als Berg, sondern Ebene bezeichnet wird, zu ziehen.

Autor: Johannes  |  Rubrik: orientieren  |  04.07.2017
Autor: Johannes
Rubrik: orientieren
04.07.2017

Medizin studieren

Facebook und andere Seuchen

Gerade einmal acht Monate war es her, seit ich meine letzte Uni-Pflichtveranstaltung besucht hatte. Aber als ich nun das erste Mal wieder in einem Kurs saß, kam bei mir ein – so lächerlich das auch klingen mag – nostalgisches Gefühl auf. Und damit einher ging der ständige Kampf mit dem inneren Schweinehund, nicht doch lieber aufs Handy zu schauen, diese oder jene E-Mail zu beantworten, zu lesen, was Trump diesmal an den „Fake News“ ärgert oder Facebook ... Stopp! Ist das echt passiert? Habe ich wirklich gerade aus Langeweile in der Adresszeile meines Smartphones „facebook.com“ eingegeben? Ja, habe ich!
Wie tief verwurzelt ist diese Konditionierung denn bitte, dass ich nach drei Monaten ohne diese Seuche kaum zwanzig Minuten nach Beginn eines Uni-Kurses wie ferngesteuert Ablenkung beim Aufmerksamkeitskraken suche?
Etwas erschrocken verbannte ich das Handy für die restlichen 80 Minuten in die Tiefen meines Rucksacks und zwang mich – einer Selbstläuterung nicht unähnlich – aufzupassen. In langweiligen Kursen ein echter Willensakt, aber man kann es schaffen.
Ohnehin war der Kurs echt spannend, sobald es zum praktischen Teil kam: In der Mikrobiologie geht es um Bakterien, Viren, Parasiten und Co., also die Verursacher von Seuchen, schlimmen Krankheiten und Leiden vieler Art. Das Ziel unseres Kurses war es, Detektiv zu spielen und anhand von echten Proben herauszufinden, welche Keime die Patienten befallen haben. Wir erhielten Speichelproben, Urin, Sekrete aus der Luftröhre oder Abstriche aus Wunden, die wir auf Nährmedien aussäen mussten um herauszufinden, welcher Fiesling dort sein Unwesen treibt.
Tatsächlich spannend, teils aber auch eklig, denn manch eine Probe roch ziemlich übel …

Medizin studieren

In dankbarer Hochachtung

Sonnenstrahlen fallen durch die Fenster in die Kapelle. Feines Geigenspiel ist zu hören, dann setzt der Chor ein, das Klavier begleitet, harmonisch legt sich ein Cello dazu. Ich schließe die Augen und lasse mich von der Musik entführen. Langsam bahnt sich eine Träne ihren Weg über mein Gesicht. Ich öffne die Augen und schaue in die traurigen Gesichter der Angehörigen, Freundinnen, Freunde und Bekannten unserer Körperspenden, die wir heute beisetzen.
Im zweiten Semester ist uns die Ehre zuteil geworden, die Anatomie an Menschen zu lernen, die einwilligten, ihren Körper für medizinische Zwecke zur Verfügung zu stellen. Nun, ein Jahr später, erweisen wir ihnen das letzte Geleit und richten einen Gottesdienst für sie aus – und für die Angehörigen.
Mehrere Studierende und unser Studiendekan halten Reden, einige schöne Musikstücke untermalen dazu die emotionale Stimmung. Es ging an diesem Tag vor allem um unseren Dank gegenüber den Menschen, die uns einzigartige Einblicke in die Anatomie ermöglichten. Und es ging um den Respekt vor den Angehörigen, die so lange auf die Beerdigung ihrer Liebsten und damit auf einen Ort für ihre Trauer gewartet haben.
Die Angehörigen und uns verbindet etwas Außergewöhnliches. Sie kannten die Menschen, die nun Körperspender sind, prägten sie und wurden von ihnen geprägt. Wir dagegen fanden in ihnen geduldige Lehrer, tauchten in ihren biologischen Kosmos ein, begegneten durch sie dem Tod, lernten Ehrfurcht und Demut. So besonders diese Beziehungen waren, so besonders war auch das Aufeinandertreffen von Studierenden und Angehörigen, die teilweise das Gespräch zu uns suchten, um sich zu bedanken oder um zu erfragen, wie die Präparation eines menschlichen Körpers abläuft, wie das für uns war und was wir gelernt haben. Dabei fiel es schwer, Rede und Antwort zu stehen. Wir wissen nicht, welchen Menschen wir präpariert haben, kennen seinen Namen nicht, nur das Alter und wir haben nur eine Vermutung, warum er gestorben ist. Unsere Betroffenheit ist eine andere. Dennoch war es für die Angehörigen wichtig, zu erfahren, dass die Verstorbenen auch nach ihrem Tod Gutes taten, indem sie uns die Möglichkeit gaben, große Schritte auf dem Weg zu Medizinerinnen und Medizinern zu machen. Unser Dank an die Körperspenden gilt genauso ihnen.
Nun ist es an jedem Einzelnen von uns, alles dafür zu geben, gute Medizinerinnen und Mediziner zu werden und das uns gemachte Geschenk weiter in Ehren zu halten.

Autor: Thilo  |  Rubrik: studium  |  28.06.2017
Autor: Thilo
Rubrik: studium
28.06.2017