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Medizin studieren

Der Blick über die Schulter

Mit viel Sorgfalt strich ich mit dem Pinsel über die Holzleisten, färbte sie mit braunem Lack, nachdem ich sie vorher mühsam geschliffen und von weißer Farbe befreit habe. Sie sollen zukünftig die Fußleisten bilden, die im Wohnzimmer verlegt werden. Ich half damit einem Freund aus, der mit seiner Freundin zusammenziehen wird und dafür ihre neue, gemeinsame Wohnung auf Vordermann brachte. Die kleine Wohnung in Emden hat drei Zimmer, eine Küche, einen Balkon und ein recht geräumiges Badezimmer. Die beiden zahlen nur 420 Euro warm dafür und werden schon bald einziehen. Mit ihm bin ich seit frühen Kindertagen befreundet. Leider hat der Kontakt bereits zum Ende des Abiturs abgenommen, bei wichtigen Dingen sind wir nach wie vor füreinander da. Er studiert bereits seit einem Jahr Medientechnik an der Fachhochschule in Emden, ist bisher aber mit Bahn und Auto gependelt, was täglich bis zu drei Stunden Zeit einnahm. Seine Freundin hat erst eine Ausbildung zur Arzthelferin in ihrem Heimatort, anschließend ihr Fachabitur gemacht, um somit die Möglichkeit zu haben, an einer Fachhochschule Biotechnologie zu studieren. Nun beklagt sie, dass ihr viele sagen, dass das Fach wirklich sehr schwer sei, was sie nervös macht.
Mit dem Schritt, nach der Ausbildung noch ein Studium anzufangen, steht diese Freundin von mir nicht alleine. Ein weiterer Freund hat in den vergangenen zwei Jahren seine Ausbildung zum Betonmischbauer gemacht, um nun an der Jadehochschule in Oldenburg Bauingenieurwesen zu studieren. Somit ist keiner aus meinem engeren Freundeskreis aus der Schule gewillt, nach der Ausbildung im gelernten Beruf zu bleiben, sondern sie nutzen diese als Sprungbrett ins Studium. Ich kann diese Entscheidung gut verstehen, da ich selbst unbedingt studieren wollte und eine Ausbildung nicht in Betracht gezogen hatte. Doch bestätigen sich damit auch in meinem Umkreis die Meldungen aus der Wirtschaft, dass viele Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben oder Fachkräfte fehlen. Das Interesse am Studium scheint höher, weil die Aussichten auf einen guten Job besser sind. Dabei haben wir in Deutschland ein Ausbildungssystem, das von aller Welt beneidet wird.

Autor: Thilo  |  Rubrik: studium  |  07.11.2016
Autor: Thilo
Rubrik: studium
07.11.2016

Medizin studieren

Noch mehr Rückschläge

Frisch zurück aus den Alpen kehrte ich höchst motiviert von meinem Kletterausflug zurück ins Labor. Ich hatte mir vorgenommen, ein Experiment nach dem anderen durchzuziehen, To-Do-Listen abzuarbeiten, ranzuklotzen. Nach drei Wochen im Labor erledige ich die meisten Arbeitsschritte mittlerweile schon alleine. Ich habe das Gefühl, einigermaßen zu wissen, was ich tue. Lediglich bei organisatorischen Dingen muss ich mir noch helfen lassen, etwa, wo das Triethanolamin steht, wo der Zweit-Antikörper ist oder wie lange ich warten muss, bis ich ein Gerät bedienen kann.
Getragen von dem Gefühl, alles nehme seinen Gang und die To-Do-Liste schrumpfe, machte es mir nichts aus, jeden Tag fast zehn Stunden im Labor zu stehen. Freudig stand ich am Ende der dritten Woche auf, um meine Ergebnisse zu überprüfen. Aber: Es gab keine. Aus einem bisher noch nicht bekannten Grund war die ganze Arbeit der Woche umsonst gewesen, die Experimente hatten nicht funktioniert.
Das war für mich ein herber Schlag ins Gesicht, hatte ich mich doch so sehr gefreut, nach einer motivierten, gefühlt produktiven Woche die Früchte der Anstrengungen zu ernten. Tja, das war wohl nichts. Ein wenig trösteten mich die Versicherungen meiner Kollegen und Betreuer, dies sei gang und gäbe im Laboralltag. Aber anders wäre mir das natürlich lieber gewesen. Also nochmal alles von vorne nächste Woche, beziehungsweise erstmal versuchen, den Fehler zu finden – wenn es denn einen gab. Das ist nämlich das Perfide: Oft gibt es keinen sichtbaren Fehler. Manchmal funktionieren Experimente, manchmal eben nicht.

Medizin studieren

Du bist aber groß geworden

Er könnte von meiner Großmutter kommen, doch kommt dieser Satz aus meinem Mund, als ich meinen Bruder nach einigen Wochen wiedergesehen habe: „Du bist aber groß geworden.“ Die Abstände, in denen ich zu meinen Eltern fahre, wachsen stetig, weshalb ich auch die Entwicklung meines jüngeren Bruders wenig mitbekomme.
Er sitzt an seinem Schreibtisch, als ich in sein Zimmer komme. Auf seinem Computerbildschirm blitzen verschiedene Wikipedia-Seiten auf, auf denen er recherchiert. Er fragt mich, ob ich ihm noch was zu den Motiven des Ersten Weltkrieges erzählen könnte und wie das anschließend in der Weimarer Republik gelaufen sei, das behandle er gerade in seinem Geschichtsleistungskurs. Ich stammle irgendwelche sinnlosen Sätze vor mich hin, werde rot und sage, dass das bei mir doch schon mehr als zwei Jahre zurückliege. Dann versucht er es mit Politik, fragt mich zu grundsätzlichen Ideen wie dem Marxismus und nach Kritik an diesem. Nun ja, eher Mathe? Uff.
Als ich mit meinem Bruder sprach, der nun die elfte Klasse besucht, wurde mir deutlich bewusst, wie viel man während der zwei Jahre Abitur lernte. Kaum vorzustellen, wie ich zwar in der Medizin stetig mit meinem Wissen vorankomme, aber mich eben nur auf diesem einen Gebiet bilde. Auch habe ich nicht gemerkt, wie schnell mein eigener Bruder groß geworden ist. Für mich ist er nach wie vor der kleine Racker, dem ich ab und zu eins drauf gebe, wenn er zu laut ist. Aber das ist er wahrlich nicht mehr. Wenn er sich nicht gerade in der Schülerfirma engagiert, mischt er bei OLMUN mit, eine für Schüler abgewandelte Form der Model United Nations in Oldenburg, wo – kurz gesagt – Schüler die Vereinten Nationen nachspielen und jeder eine andere Nation vertritt. Darüber hinaus versucht er sich stets, in seinem Jahrgang einzubringen, spielt Klavier und Fußball, geht ab und zu ins Fitnessstudio und findet dennoch die Zeit, seine Freunde regelmäßig zu sehen. Dazu arbeitet er schon jetzt zielstrebig aufs Abitur hin.
Interessant ist aber, dass er nach wie vor sehr auf meinem Rat hört. Auch stellt er mir all die Fragen, die ich damals mit mir selbst ausgemacht habe, weil ich keine älteren Geschwister habe. Das gibt mir das Gefühl, selber wieder in dieser Phase des Lebens zu stecken, in der er sich befindet.

Autor: Thilo  |  Rubrik: studium  |  28.10.2016
Autor: Thilo
Rubrik: studium
28.10.2016