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Medizin studieren

Der Startschuss

Ich wippte nervös auf meinem Stuhl, kaute auf meiner Unterlippe, wischte mir eine Schweißperle von der Stirn. Dann atmete ich tief durch. Prüfungssituationen bin ich einfach nicht mehr gewöhnt, aber das änderte sich nun wieder: Vor mir lag die Chemie-Eingangsklausur.

Was in der Schule irgendwann zur Routine wurde, habe ich während meines Freiwilligendienstes komplett verlernt. Die Stresssituation eines Testes erlebte ich zuletzt Anfang des Jahres, als ich zum Studierfähigkeitstest nach Münster fuhr. Seitdem hatte ich keine Bewertungen oder Klausuren, keine Prüfungen, keine Tests. Alles ging seinen Lauf, alles klappte schon. Nun musste ich also wieder etwas abliefern und wieder präsent sein. Und ich muss gestehen, dass ich deutlich schlechter war, als ich es mir erhofft hatte. Da ich dachte, mein Wissen aus dem Chemie-Leistungskurs in der Oberstufe würde noch ausreichen, bereitete ich mich nur sehr oberflächlich vor. Das war ein Fehler, denn bei einigen Fragen musste ich wirklich passen. Redoxreaktion von Permanganat und Eisen-Ionen in saurem, wässrigen Milieu? Das Phasendiagramm des Wassers? Zum Glück muss ich nur 50 Prozent der Punkte erreichen – es gibt keine Note, sondern nur das Ergebnis darüber, ob ich bestanden habe oder nicht. An meinem Ego und meinem Ehrgeiz nagt es dennoch.

Während die vergangenen Wochen recht ruhig verliefen, wird es ab nun erst interessant. Zum Bio-Praktikum gesellt sich schon ein Praktikum in Physik, in dem wir jedes Mal ein Antestat mit sechs Fragen ablegen müssen, das ich glücklicherweise bestanden habe. Dazu kommt von nun an auch ein Chemie-Praktikum, das ebenso Antestate mit sich bringt. Aber immerhin darf ich dabei einen Kittel tragen, was ein wunderbares Gefühl ist.

In den kommenden Wochen muss ich zudem noch Hospitationen leisten, die ich im Bereich der Anästhesie absolvieren werde. Ich muss mich dafür mit Ärzten aus der Allgemein- und Unfallchirurgie in Verbindung setzen, um Termine zu erbitten. Und auch die Dozenten in Biologie und Anatomie drücken spürbar auf´s Gas.

Ab nun geht es wohl wirklich ans Eingemachte, denn es wird viel gepaukt. Eine Herausforderung, die ich gerne annehme!

Autor: Thilo  |  Rubrik: studium  |  10.12.2015
Autor: Thilo
Rubrik: studium
10.12.2015

Medizin studieren

Die dritte Woche

So langsam nimmt die Anstrengung im Studium zu, der Stoff wird schwerer und vielfältiger, weitere Praktika rücken ins Blickfeld, die Chemie-Eingangsklausur ebenso. In der Chemie-Vorlesung werden momentan noch Atombindungen und chemische Reaktionen behandelt – Themen, die ich aus der Schule noch kenne. Auch das dazugehörige Seminar hat begonnen. Eine Chemie-Bachelor-Absolventin hilft uns hier, wichtige Themen zu vertiefen und zu verstehen.

In der Physik-Vorlesung geht es um Mechanik, die Bewegung von Körpern also. Das gibt mir immerhin mein Lehrbuch aus. In zwei Wochen beginnt das dazugehörige Praktikum, worin ich sogenannte Antestate ablegen muss. Das sind Multiple-Choice-Tests, die sechs Fragen umfassen und es ganz schön in sich haben. Drei Fragen muss ich richtig beantworten, um zu bestehen. Außerdem muss ich Versuche durchführen können und Protokolle dazu anfertigen, die bei mangelhafter Gestaltung zum Ausschluss führen können. Der Druck hier ist also ziemlich hoch.

Faszinierend finde ich nach wie vor die Entstehung des Lebens. Momentan befassen wir uns mit der Implantation befruchteter Eizellen in die Gebärmutterschleimhaut. Es ist atemberaubend, wie sich aus ein paar kleinen Zellen zuallererst ein Geflecht aus verschiedenen Zelltypen bildet, um später unser Nervensystem auszukleiden und im Anschluss zur Organogenese (die Entstehung von Organen) überzugehen. Klingt kompliziert? Ist es auch. Aber es ist beeindruckend.

Mit vielen Fachbegriffen sehe ich mich auch in Biologie konfrontiert. Ich muss mir nicht nur eine Vielzahl von Proteinen einprägen, sondern auch eine Menge Schemata, die Abläufe grafisch festhalten.

Mein Fazit: Es wird nicht leichter. Ich finde mich aber stetig besser zurecht und erlange mehr Überblick über die Themen. Dennoch muss ich feststellen, dass eine Menge Disziplin dazugehört, sich wirklich hinzusetzen und die Vorlesungen und Seminare nachzuarbeiten. Aber mit Biss geht das gewiss!

Autor: Thilo  |  Rubrik: studium  |  07.12.2015
Autor: Thilo
Rubrik: studium
07.12.2015

Medizin studieren

Lange Tage und Heimweh

Die zweite Woche meines Medizinstudiums liegt nun hinter mir. Sie zieht in Gedanken an mir vorbei, während ich diesen Text schreibe und im Zug aus dem Fenster schaue. Ich fahre zurück nach Münster in mein neues Zuhause. Vom alten komme ich gerade, denn ich habe meine Eltern besucht, da ich sie, obwohl ich es wirklich nicht gedacht hätte, zu vermissen begann.

Nach einem langen Wochenende im Rahmen der Orientierungs-Woche starteten wir Montag wieder mit Physik, Chemie und Biologie. In meinem zweiten Praktikum sollte ich die Größe von Proteinen experimentell herausfinden – was tatsächlich geklappt hat. Mittlerweile besuche ich kaum noch Veranstaltungen in Chemie, weil die Vorlesungen mir weniger geben als ich angenommen habe. Stattdessen begebe ich mich in die Bibliothek oder lese zu Hause über Orbitale im Atom, die Ladungsenergien von Elektronen oder, ganz klassisch, über das Periodensystem.

In der zweiten Woche hat auch der Terminologie-Kurs begonnen. Hier lernen wir Latein, ähnlich wie in der Schule, nur mit ganz klarem medizinischen Bezug. Da ich mein Latinum bereits gemacht habe, muss ich nur vier Kursstunden besuchen, danach wird die Teilnahme freiwillig. Unser Tutor teilte uns aber mit, dass wir ab der siebten Stunde wieder dabei sein sollten, um einige sehr interessante und wichtige Inhalte noch mitzubekommen. Das nehme ich mir natürlich zu Herzen.

Außerdem stand in meinem Projektfach zur Einführung in die klinische Medizin (Anästhesie) ein Referat an, das die Lokalanästhesie – die Betäubung ohne Narkose – zum Thema hatte. Hierbei wird ein Schmerzmittel in ein Gewebe gegeben, um Nervenbahnen unsensibel zu machen. Der Patient spürt keine Schmerzen bei dem Eingriff. Leider lag vor diesem Referat eine Nachtschicht meines neuen Nebenjobs, sodass ich bei meinem Vortrag mehr ab- als anwesend war. Doch mein Kontostand zeigt mir, dass es sich tatsächlich lohnt, neben dem Studium noch ein wenig zu arbeiten. Ich kann mir deutlich mehr leisten und betrachte meine Finanzen sorgenfreier. Auch ist es mir während der Nachtschichten gut möglich, etwas für die Uni zu tun und beispielsweise mein Vokabelheft für Anatomie zu schreiben oder ein bisschen Chemie zu lernen.

Ich finde, mittlerweile zieht das Tempo ganz schön an und meine Kommilitonen machen sich ziemlich verrückt: Jeder arbeitet jetzt schon viel nach, bereitet sich auf Vorlesungen vor und lernt für Klausuren, die in weiter Ferne liegen. Als meine Mitbewohnerin eine Studentin aus einem höheren Semester fragte, wie Intermediärfilamente und Gürtel-Desmosomen zusammenhängen, machte diese große Augen und fragte, ob sie nicht noch am Anfang des Semesters stünde. Wir haben Zeit – das war ihre Botschaft. Auch das sollte ich mir merken.

Autor: Thilo  |  Rubrik: studium  |  02.12.2015
Autor: Thilo
Rubrik: studium
02.12.2015