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Auszeit vom Studium

Und jetzt?

Nach meiner Rückkehr musste ich mich zuerst von der Illusion verabschieden, lange weg gewesen zu sein. Für mich war es völlig neu, mehr als zwei Wochen nicht in Deutschland zu leben, deshalb kamen mir die fünf Monate ewig vor – den Menschen zu Hause aber offenbar nicht. Zu Anfang war es noch aufregend, all die Menschen wiederzusehen, die ich schmerzlich vermisst hatte. Dann war ich aber doch sehr schnell genervt von mir und meinen Erzählungen. Das erlebte nutzte sich ab.
Ich schreibe diesen Text nun einige Wochen, nachdem ich wieder nach Deutschland zurückgekommen bin. Das ist gut, weil nun in meinem Kopf alles sortierter ist. In den ersten beiden Wochen musste ich mich erst finden. Ich musste entscheiden, wo ich mit all den gesammelten Erfahrungen hin möchte. Auch bin ich mit der Tatsache konfrontiert worden, dass wir für kurze Zeit nur einen kleinen Ausschnitt dieser großen Welt kennenlernen durften. Da ich nach unserer Heimkehr kein Geld mehr habe, arbeitete ich zwei Wochen lang bei der Fundraising-Agentur, für die ich schon einmal tätig gewesen war. Somit stellte sich schnell Routine ein – überall, wo ich hinkam, wurde ich mit meinem alten Ich konfrontiert.
Bei der intensiven Arbeit als Fundraiser eckte ich aber auch mit meinem neuen Ich an. So werde ich von meinen Freunden merkwürdig beäugt, wenn ich mich einfach an den Straßenrand hocke, um auf den Bus zu warten, wie es in all unseren Reiseländern, in denen wir waren, üblich war. Ich war plötzlich halt- und orientierungslos in meinem gewohnten Umfeld und verstand nicht, wie eingefahren manche sind. Es waren also doch fünf Monate vergangen. Neben dem Arbeiten war ich viel mit Freunden feiern und suchte die Freiheit, die wir in Asien genossen haben. Gleichzeitig habe ich die Zeit dort emotional von mir fern gehalten. Es hat zum Beispiel lange gedauert, bis ich zu unserer Gastfamilie wieder Kontakt aufnahm.
Doch ich kann mir selbst und meinen Erlebnissen nicht ewig entkommen. Von nun an möchte ich stattdessen versuchen, alle Abschnitte meines Lebens zusammenzufügen.

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  25.05.2018
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
25.05.2018

Auszeit vom Studium

Back home

Die ersten Stunden zurück zu Hause fallen mir schwer. Sollen die fünf Monate, in denen Julia und ich Unglaubliches erlebt haben, schon zu Ende sein? Diese Zeit erscheint mit so unwirklich, als ich auf dem Sofa bei meinen Eltern sitze und der Fernseher leise vor sich hin läuft. Draußen scheint zwar die Sonne, aber es ist kalt – normales März-Wetter in Deutschland.
Rückblickend mag ich beide Arten unseres Trips, also das Bleiben und Arbeiten an einem Ort sowie das Reisen durch verschiedene Regionen und Länder. Das Verweilen würde ich beim nächsten Mal aber bevorzugen. Es ermöglicht einen anderen Kontakt zu den Menschen vor Ort, man wird Teil einer anderen Gesellschaft und schafft es im Idealfall, auf Augenhöhe mit seiner Umgebung zu sein. Beim Reisen befand ich mich häufig in einer Blase mit den anderen Reisenden, die dazu neigten, Gruppen zu bilden. Das erschwerte es, mit Einheimischen zusammenzukommen. Dafür bietet das Herumreisen die Möglichkeit, unterschiedliche Orte zu sehen, die Komfortzone zu verlassen oder einfach mal die Seele baumeln zu lassen.
Kann ich es nun anderen empfehlen, sich auch ein Urlaubssemester zu nehmen, das eigene Zimmer zu vermieten, die Uni mal Uni sein zu lassen und sich auf in die Ferne zu machen? Oh ja! Wenngleich ich jetzt schon spüre, dass das Ankommen in Deutschland alles anderes als leicht wird. Für mich waren es fünf außergewöhnliche Monate, für andere waren es einfach fünf Monate. So hat man sich mitunter voneinander entfernt. Auch der Lernstoff aus der Uni scheint wie aus einem anderen Leben zu sein, kaum mehr abrufbar. Doch das ist nichts dagegen, was man erhält, wenn man etwas Neues wagt.
Zum Beispiel ist meine Motivation, Arzt zu werden, ganz neu entflammt. Wir haben einige Projekte kennengelernt, die die medizinische Versorgung der Menschen sicherstellen wollen. Dabei habe ich gesehen, was ich später bewirken kann. Allerdings fühlte ich mich oft auch machtlos gegenüber all den Herausforderungen. Aber es liegt eben ganz allein an mir, was ich aus mir mache.

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  16.05.2018

Auszeit vom Studium

Das goldene Land - Teil 3

Es ist schmerzhaft, den kleinen Holzball mit dem Fuß zu jonglieren. Ich bewundere umso mehr all die burmesischen Frauen und Männer, die sich im wahrsten Sinne des Wortes leichtfüßig den Ball gegenseitig zuspielen und ihn minutenlang nicht zu Boden gehen lassen. Er ist ein Geschenk von Cotus Vater an mich. Luca und Julia bekamen die traditionelle Gesichtscreme der Burmesen, Thanaka. Dazu erhielten wir mehr Bananen, als wir zählen konnten – Cotus Mutter wollte verhindern, dass wir auf der 18 Stunden langen Zugfahrt nach Bagan hungern müssen. Wir waren überwältigt. Cotu kannten wir erst seit dem vorigen Tag, seine Familie nur ein paar Stunden. Dennoch überhäuften sie uns mit Geschenken, obwohl sie doch selbst kaum Geld hatten. Wir wussten kaum, unsere Dankbarkeit auszudrücken. Doch es tat sich eine Möglichkeit auf …
Cotus Vater erlitt vor ein paar Jahren einen Schlaganfall. Der 50-Jährige kann daher nicht arbeiten. Als wir beieinander saßen, machte er uns – übersetzt von Cotu – das Angebot, etwas Geld für Reparaturen an seinem Haus zu geben, etwa für ein neues Fenster oder Farbe für die Wände. Er wolle uns die Möglichkeit geben, in seiner Erinnerung zu bleiben. Sogleich setzten sich einige Fragen penetrant in unseren Köpfen fest: Ging es hier die ganze Zeit um Geld? Sind wir doch wieder nur die reichen Weißen aus dem Westen, die an ihrem Wohlstand teilhaben lassen sollen? Die Stimmung kippte. Julia und ich wurden misstrauisch und diskutierten auf Deutsch. Cotu konnte in unseren Gesichtern ablesen, dass etwas nicht stimmte und wir unzufrieden waren. Schlussendlich entschieden wir uns, der Familie Geld zu geben. Doch es fühlte sich komisch an.
Hier war sie nun, die Auseinandersetzung mit uns selbst, die wir im Kontakt mit anderen Kulturen schon manches Mal gespürt hatten. Wir sind skeptisch erzogen worden, um zu bewahren, was wir haben. Doch in der Logik des buddhistischen Glaubens haben wir hier ein Angebot bekommen, etwas für unser Karma zu tun. Und als wir das Geldgeschenk machten und den über beide Ohren strahlenden und etwas weinenden Cotu sahen, hellte sich unsere Stimmung auf. Er ist der Beweis dafür, dass diese Reise etwas mit uns gemacht hat – etwas, das wir nicht mehr verlieren wollen.

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  08.05.2018
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
08.05.2018

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