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Auszeit vom Studium

Zeitreise

Dreieinhalb. So viele Jahre ist es her, dass ich zur Schule gegangen bin. Im März 2014 hatte ich meinen letzten Schultag, im Juli meinen Abiball, danach kam die gescheiterte Bewerbung um einen Medizinstudienplatz in Oldenburg.
Zweieinviertel. So weit liegt bereits der Abschluss meines Freiwilligendienstes in Oldenburg zurück.
Vier. Die bisher absolvierten Semester des Medizinstudiums.
All diese Zahlen zeigen mir, wie lange ich mir schon die Frage stelle, was ich mit meinem Leben anfangen möchte. Noch viel mehr zeigen mir dies die anderen Volontäre bei Shanti, die zum größten Teil in diesem Jahr ihr Abitur gemacht haben. Sie haben sich entschieden, nach der Schule nicht direkt mit einem Studium oder einer Ausbildung zu beginnen, sondern freiwillig für ein paar Monate in Kathmandu zu arbeiten, um danach Südostasien – oder auch andere Teile dieser Welt – zu bereisen. Aber auch bei ihnen kommen Fragen auf: Was kommt danach? Was passiert dann mit meinem Leben? Was will ich werden?
Einerseits beneide ich sie um diese Freiheit und all die Möglichkeiten, die vor ihnen liegen. Andererseits bin ich froh, dass es mit meinem Studium weitergeht, sobald ich wieder in Deutschland bin. Es liegen kein Umzug, keine Bewerbungen, keine großen Entscheidungen mehr vor mir – es geht einfach weiter wie bisher.
Was mich allerdings sehr beeindruckt, ist ihr Mut, für einen Freiwilligendienst viele Tausend Kilometer zu reisen. Ich habe über diese Möglichkeit mit 18 Jahren gar nicht nachgedacht. Ich hatte weder genug Geld dafür, noch ausreichend Fernweh. Außerdem waren in meinem Jahrgang kaum Leute, die für eine längere Zeit ins Ausland wollten. Ein paar von ihnen hat es nach Neuseeland oder Australien verschlagen, einige wenige machten einen Freiwilligendienst und die meisten begannen eine Ausbildung oder ein Studium, Von Letzteres sind viele bereits fertig und stehen erneut vor der Frage, wo es für sie hingehen soll.

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  08.12.2017
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
08.12.2017

Auszeit vom Studium

Von Niederlagen und falschen Erwartungen

In den ersten beiden Wochen bei der Leprahilfsorganisation Shanti musste ich oft an meine Zeit als Freiwilliger im Krankenhaus vor drei Jahren zurückdenken. Dabei erinnerte ich mich daran, dass nicht immer alles glatt lief und ich besonders am Anfang Zeit brauchte, bis ich alle Arbeitsabläufe verstanden hatte und befolgen konnte. Aber damals habe ich trotz weniger Vorkenntnisse schnell viel bewirken können, indem ich einfach mitangepackt habe. Das ist jetzt nicht mehr so. Auch nach acht Stunden, die ich täglich im Center verbringe und mir selbst gestellte oder seltener erteilte Aufgaben angehe, lassen sich meine Erfolgserlebnisse an einer Hand abzählen. Das ist frustrierend, weil ich mit einer ganz anderen Erwartung hergekommen bin und etwas bewegen möchte.
Schwierigkeiten ergeben sich in vielerlei Hinsicht. Das Konzept hier besteht daraus, dass man alle Freiheiten hat, sich Projekte und Herausforderungen zu suchen und zu bearbeiten. Doch ich lerne schnell, dass Freiheit auch Verantwortung bedeutet. Ob ein Projekt klappt oder nicht, fällt ganz allein auf mich zurück – und damit auch, ob die Spendengelder gut zum Einsatz kommen, die Menschen aus aller Welt mit gutem Absichten gezahlt haben.
Es fühlt sich an, als müsste ich täglich einen kilometerlangen Hürdenlauf bewältigen. Die Sprachbarriere ist eine solche Hürde. Oftmals verständigt man sich mit Händen und Füßen, denn ich spreche nur wenige Worte Nepali und kaum jemand spricht so Englisch, dass es zum Besprechen der Projekte ausreicht. Dazu prallen zwei verschiedene Arbeitsmentalitäten und Vorstellungen aufeinander. So muss zum Beispiel der Schreiner erst überzeugt werden, dass die Kinder im zweiten Stock der Klinik eine neue Sitzbank brauchen, bevor er sie tatsächlich baut.
Aber die größte Hürde bleibt bisher unerwähnt – die bin ich mir, die ist sich jeder Volontär hier selbst. Ich merke das in jeder unserer abendlichen Diskussionen. Es geht oft um die Fragen: Was mache ich hier eigentlich? Ist das, was ich tue, sinnvoll? Warum bin ich mir bei allen Aufgaben so unsicher? Man muss den Mut entwickeln, zu sagen, dass etwas so und so geändert werden muss, ohne dem anderen auf die Füße zu treten – ein Balanceakt. Auch fehlt uns die Geduld. Wir sind es gewohnt, dass alles schnell geht, und reden von verschwendeter Zeit, wenn etwas länger dauert. Ich merke bei solchen Gedanken, wie oft es in den vergangenen beiden Jahren meines Studiums darum ging, wer wie produktiv ist – von dieser Denkweise muss ich mich verabschieden.

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  01.12.2017

Auszeit vom Studium

Vielfalt auf kleinstem Raum

Das Wort „kompakt“ beschreibt das Areal von Shanti in Kathmandu sehr gut. Zwischen Kindergarten, Krankenhaus, Schmiede, Schreinerei, Weberei und Wohnbereich liegen nur wenige Meter. Allerdings: Es arbeiten unzählige Menschen in diesem kleinen Gebiet. Es ist unglaublich, zu sehen, wie alles Hand in Hand geht. Da sind einerseits die einzelnen Klassenzimmer der Schule. Ein älterer Herr bringt nach und nach Brickets, die zum Kochen verwendet werden. In der Malerei arbeiten leprakranke Menschen an Wandtüchern, die wunderschön verziert sind. Sie verschönern Postkarten, Kartons und Möbelstücke mit detailreichen Zeichnungen. Außerdem fertigen sie Mappen aus kleinen Streifen Zeitungs- und Buchpapier. Gegenüber der Malerei arbeitet ein Silberschmied an individuellen Schmuckstücken.

Das Herzstück Shantis ist die Klinik, die vor einigen Jahren erbaut wurde. Hier werden nicht nur Kranke behandelt, sondern sie bietet auch Wohnraum und Betreuung für beeinträchtigte Menschen, die es in der nepalesischen Gesellschaft nicht leicht haben, oder sogar verstoßen werden. Auf insgesamt drei Etagen werden sehr viele Menschen von einigen Pflegerinnen und Pflegern und einem Arzt betreut. Die Versorgungslage mit medizinischen Mitteln ist in Nepal eine viel schwierigere als in Deutschland. Ebenso auch ist die Ausbildung in Pflege und Medizin eine andere.

Die Freiwilligen befinden sich irgendwo zwischen diesen Schauplätzen. Somit sind wir ständig mittendrin, werden von allen begrüßt und erkannt. Ein paar Wortwechsel hier, ein Lächeln dort. Wir können uns überall und nirgendwo einbringen, ganz, wonach uns ist, war die Ansage zu Anfang. Es sind einige Dinge zu tun, die aber selbstbestimmt in die Hand genommen und gemacht werden müssen, was zumeist nicht ganz einfach ist. Oft sind wir bei den beeinträchtigten Kindern und spielen oder lernen mit ihnen.

Die Welt von Shanti ist für mich eine ganz besondere. Und nun bin ich ein Teil davon.

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  23.11.2017
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
23.11.2017