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Auszeit vom Studium

Fernab der Heimat

Es ist der 20. Dezember. Ich sitze auf der Dachterrasse unseres Hauses und schaue über Kathmandu. Die Sonne geht gerade unter, es sind angenehme 20 Grad und wir sind gerade von einem Ausflug nach Buddhanilkantha zurückgekehrt. Es wird hier mittlerweile nachts deutlich kälter als noch im Oktober, doch es liegt kein Schnee, es regnet nie und die Tage sind zwölf Stunden lang, nicht sieben. Nirgendwo sind bunte Lichter aufgehängt, nichts blinkt, kein Weihnachtsmann ist zu sehen. Nichts deutet darauf hin, dass in vier Tagen Heiligabend sein wird, dass in elf Tagen dieses Jahr zu Ende geht – und das finde ich wahnsinnig erfrischend.
Ich muss nicht wochenlang darüber brüten, was ich wem schenke und ob ich dann noch genug Geld für den Januar habe. Mal keine überfüllten Weihnachtsmärkte, auf denen zu viel Glühwein getrunken und zu viel Geld für Süßes ausgegeben wird. Kein Gerede um Vorsätze für das nächste Jahr, keine Extra-Kilos aufgrund des Lebkuchens, kein „Last Christmas“ von Wham, das aus dem Radio schellt. Wenn ich mit meiner Familie telefoniere, kommt schon das Vermissen. Aber dabei fehlen mir die Menschen, nicht die Weihnachtsstimmung. Eines wird mir dabei aber klar: Ich bin hier weit weg von meinem Leben in Deutschland, nicht nur räumlich, sondern nach zehn Wochen in Nepal auch mental.
Momentan sind wir noch sieben Volontäre bei Shanti und gemeinsam mit der nepalesischen Familie werden wir Heiligabend verbringen. Wir werden zwar wichteln, aber es gibt keinen Tannenbaum, nur einen improvisierten Adventskranz mit vier bunten Kerzen. Plätzchen können wir hier nicht backen, weil der Ofen alles von unten verbrennt, während sie oben komplett roh bleiben würden. Und für Glühwein fehlen die passenden Gewürze und auch Wein. Außerdem wird Heiligabend ein ganz normaler Arbeitstag sein.
Doch Geschenke haben wir hier genug bekommen. Wir wurden von unserer nepalesischen Familie herzlich aufgenommen. Wir durften Erfahrungen machen, die ich mir nicht einmal vorstellen konnte. Wir durften zwei Monate lang an einer gänzlich fremden Kultur teilhaben. Wir haben unglaubliche Bilder gesehen, skurrile Szenerien, waren Gäste auf einheimischen Feiern und in kleinen Gasthäusern. Überall ist man uns mit Freundlichkeit begegnet. Dafür sind wir dankbar.

Auszeit vom Studium

Unterschiedliche Chancen

Wenn ich eine Volontärin hier erzählen höre, scheinen in ihrem Abi-Jahrgang diejenigen Außenseiter zu sein, die nicht ins Ausland gehen. Sie berichtet davon, wen sie alles in Kambodscha und Laos auf ihren Reisen treffen wird, welche Freunde in Projekten in Thailand, Kasachstan oder der Mongolei arbeiten und welche in Kanada, Schottland und Litauen studieren. Ich vermute einen Trend …

Denn auffällig ist, dass die Mehrzahl der Freiwilligen hier bei Shanti aus gut situierten Familien kommt. Ihre Eltern übernehmen die Hälfte der Reisekosten, wenn nicht sogar mehr. Ich bekomme etwa 1.000 Euro – viel Geld, aber etwas weniger als ein Fünftel meines gesamten Budgets – und bin ihnen dafür sehr dankbar. Mehr habe ich nicht erwartet. Ich glaube, dass es anderen Kindern, deren Eltern keine Akademiker sind, genauso geht und sie daher nicht so leicht ins Ausland gehen können. Es scheint ein Privileg der Reichen zu sein, all diese Auslandserfahrungen zu sammeln. Viele der Freiwilligen waren zuvor sogar schon auf Schulen in Schottland, Kanada, England oder den USA. Auch diese Chance gab es für mich nicht, weil das Geld dafür fehlte. Für mich ist es keine Normalität, für viele Monate ins Ausland zu reisen und mehr als fünf Monate hätte ich mir vor dieser Reise, diesem Ausbruch nicht zugetraut.

Aber die Sichtweise der Volontäre hier lehrt mich auch, dass es möglich ist. Es ist nur leider für manche mehr, für andere weniger Arbeit, um diese Erfahrungen finanzieren zu können.

Wäre ich erneut in der Position, würde ich anders denken, handeln, entscheiden – und mich nicht entmutigen lassen.

Autor: Thilo  |  Rubrik: studium  |  14.12.2017
Autor: Thilo
Rubrik: studium
14.12.2017

Auszeit vom Studium

Zeitreise

Dreieinhalb. So viele Jahre ist es her, dass ich zur Schule gegangen bin. Im März 2014 hatte ich meinen letzten Schultag, im Juli meinen Abiball, danach kam die gescheiterte Bewerbung um einen Medizinstudienplatz in Oldenburg.
Zweieinviertel. So weit liegt bereits der Abschluss meines Freiwilligendienstes in Oldenburg zurück.
Vier. Die bisher absolvierten Semester des Medizinstudiums.
All diese Zahlen zeigen mir, wie lange ich mir schon die Frage stelle, was ich mit meinem Leben anfangen möchte. Noch viel mehr zeigen mir dies die anderen Volontäre bei Shanti, die zum größten Teil in diesem Jahr ihr Abitur gemacht haben. Sie haben sich entschieden, nach der Schule nicht direkt mit einem Studium oder einer Ausbildung zu beginnen, sondern freiwillig für ein paar Monate in Kathmandu zu arbeiten, um danach Südostasien – oder auch andere Teile dieser Welt – zu bereisen. Aber auch bei ihnen kommen Fragen auf: Was kommt danach? Was passiert dann mit meinem Leben? Was will ich werden?
Einerseits beneide ich sie um diese Freiheit und all die Möglichkeiten, die vor ihnen liegen. Andererseits bin ich froh, dass es mit meinem Studium weitergeht, sobald ich wieder in Deutschland bin. Es liegen kein Umzug, keine Bewerbungen, keine großen Entscheidungen mehr vor mir – es geht einfach weiter wie bisher.
Was mich allerdings sehr beeindruckt, ist ihr Mut, für einen Freiwilligendienst viele Tausend Kilometer zu reisen. Ich habe über diese Möglichkeit mit 18 Jahren gar nicht nachgedacht. Ich hatte weder genug Geld dafür, noch ausreichend Fernweh. Außerdem waren in meinem Jahrgang kaum Leute, die für eine längere Zeit ins Ausland wollten. Ein paar von ihnen hat es nach Neuseeland oder Australien verschlagen, einige wenige machten einen Freiwilligendienst und die meisten begannen eine Ausbildung oder ein Studium, Von Letzteres sind viele bereits fertig und stehen erneut vor der Frage, wo es für sie hingehen soll.

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  08.12.2017
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
08.12.2017