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Auszeit vom Studium

Vielfalt auf kleinstem Raum

Das Wort „kompakt“ beschreibt das Areal von Shanti in Kathmandu sehr gut. Zwischen Kindergarten, Krankenhaus, Schmiede, Schreinerei, Weberei und Wohnbereich liegen nur wenige Meter. Allerdings: Es arbeiten unzählige Menschen in diesem kleinen Gebiet. Es ist unglaublich, zu sehen, wie alles Hand in Hand geht. Da sind einerseits die einzelnen Klassenzimmer der Schule. Ein älterer Herr bringt nach und nach Brickets, die zum Kochen verwendet werden. In der Malerei arbeiten leprakranke Menschen an Wandtüchern, die wunderschön verziert sind. Sie verschönern Postkarten, Kartons und Möbelstücke mit detailreichen Zeichnungen. Außerdem fertigen sie Mappen aus kleinen Streifen Zeitungs- und Buchpapier. Gegenüber der Malerei arbeitet ein Silberschmied an individuellen Schmuckstücken.

Das Herzstück Shantis ist die Klinik, die vor einigen Jahren erbaut wurde. Hier werden nicht nur Kranke behandelt, sondern sie bietet auch Wohnraum und Betreuung für beeinträchtigte Menschen, die es in der nepalesischen Gesellschaft nicht leicht haben, oder sogar verstoßen werden. Auf insgesamt drei Etagen werden sehr viele Menschen von einigen Pflegerinnen und Pflegern und einem Arzt betreut. Die Versorgungslage mit medizinischen Mitteln ist in Nepal eine viel schwierigere als in Deutschland. Ebenso auch ist die Ausbildung in Pflege und Medizin eine andere.

Die Freiwilligen befinden sich irgendwo zwischen diesen Schauplätzen. Somit sind wir ständig mittendrin, werden von allen begrüßt und erkannt. Ein paar Wortwechsel hier, ein Lächeln dort. Wir können uns überall und nirgendwo einbringen, ganz, wonach uns ist, war die Ansage zu Anfang. Es sind einige Dinge zu tun, die aber selbstbestimmt in die Hand genommen und gemacht werden müssen, was zumeist nicht ganz einfach ist. Oft sind wir bei den beeinträchtigten Kindern und spielen oder lernen mit ihnen.

Die Welt von Shanti ist für mich eine ganz besondere. Und nun bin ich ein Teil davon.

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  23.11.2017
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
23.11.2017

Auszeit vom Studium

In 20 Stunden zur anderen Welt

Verschlafen öffne ich die Augen. Der Ausblick, der sich mir aus dem Fenster des Flugzeuges bietet, lässt jeden Anflug von Müdigkeit verschwinden. Wir fliegen über Kathmandu, sehen Felder, Wiesen, nach und nach vereinzelte Häuser, die sich zusammenschließen und Siedlungen bilden. Dann die Silhouette einer Stadt, schon jetzt ist zu erkennen, wie viel Verkehr hier herrscht, wie Autos, Roller, Lastwagen nur schleppend vorankommen, sich auf Straßen bewegen, die mehr Schlaglöcher als durchgängigen Asphalt aufweisen.
Und da stehen wir mit unserem Gepäck am Flughafen von Kathmandu und warten darauf, dass wir abgeholt werden. Wir spüren vereinzelt die Blicke der Menschen auf uns, meine roten Haare scheinen besonders interessant zu sein. Wir steigen in den Wagen von Shanti ein, Susanne von der Organisation begrüßt uns freundlich, der Fahrer murmelt leise „Namaste“.
Der Weg vom Flughafen zur zentralen Stelle von Shanti ist eigentlich ein Katzensprung – zieht sich aber ewig. Kontraste soweit das Auge reicht, überall kleine Läden, jeder scheint etwas zu verkaufen – Obst, Gemüse, Kleidung, Spielsachen, Elektronik. Menschen rennen über die Straße, Roller hupen, Kühe liegen auf der Fahrbahn und am Straßenrand liegen schlafende Hunde in der Mittagssonne.
Wir sind 7.000 km von zu Hause entfernt. Diese Distanz wird uns schnell bewusst. Das organisierte und geregelte Leben, das wir in Deutschland führen, wird hier in Frage gestellt. Es gibt keine Ampeln, kaum Markierungen auf den Fahrbahnen, auch keine Geschwindigkeitsbegrenzungen, aber irgendwie funktioniert alles.
Als wir beim Mittagessen bei Shanti sitzen, sind wir bereits so voller Eindrücke, dass kaum Raum bleibt, um all das, was uns bei Shanti noch erwartet, richtig einordnen zu können. Und in diesem Moment wird mir bewusst, dass wir hier nicht für ein paar Tage oder zwei Wochen bleiben. Nein, wir sind fünf Monate lang nicht zu Hause, sondern sind die eine Hälfte hier in Kathmandu, in Nepal, danach in Thailand, Vietnam, Kambodscha und anschließend noch in Indonesien. Leichte Angst mischt sich zu all der Aufregung und Freude. Kann ich das? Bin ich dafür stark genug? Ist es richtig gewesen, hierher zu kommen? Ich lasse den Blick schweifen, sehe all die Menschen, die im Zentrum von Shanti unterwegs sind, arbeiten, zur Schule gehen oder versorgt werden. Ich sehe, wie sie mich anlächeln, mich freundlich grüßen, die Hände dabei zusammengelegt zur Brust führen. Namaste.
Wir sind willkommen. Und das kann nur richtig sein.

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  13.11.2017
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
13.11.2017

Auszeit vom Studium

Rückblicken

Irgendwo über Turkmenistan, nach fast der halben Flugstrecke auf dem Weg nach Kathmandu, ploppen Gedanken auf, die ich in den vergangenen Wochen zurückgehalten habe. Ich denke an meine letzte Nachtschicht in der Wohngemeinschaft für an Demenz erkrankte Menschen, in der ich seit über zwei Jahren arbeite. Mit Wehmut tat ich die routinierten Handgriffe, führte Gespräche und ging die Wege – zum letzten Mal für ein halbes Jahr. Natürlich bin ich froh über einen normalen Schlafrhythmus ohne Nachtschichten, dennoch sind mir die Bewohner ans Herz gewachsen. Auch verbinde ich Schmerz mit dieser Arbeit, weil ich miterlebt habe, wie bisher sechs Menschen verstorben sind. Es ist nicht leicht, die Verpflichtungen für mehrere Monate abzulegen, denen ich gerne nachgehe. Doch als ich die Tür dort schließlich hinter mir zuzog, lag ein Duft von Freiheit in der kühlen Morgenluft.
Die nächste markante Situation war, als ich dem Zwischenmieter meine Wohnungsschlüssel in die Hand drückte. Vorausgegangen waren turbulente Tage, in denen unsere Wohnung so voll mit Leuten war wie noch nie. Ein Freund aus Mainz war zu Besuch, dazu eine Freundin von der Arbeit, die Opfer des harten Wohnungsmarktes in Münster geworden ist und zuletzt kam auch noch der Zwischenmieter eher, da das Semester an Fachhochschulen früher beginnt. Dadurch war viel los, es war intensiv, abwechslungsreich, immer gesellig, herzlich – und dadurch fiel es mir noch schwerer, von meiner WG Abschied zu nehmen. Nun würde ich bis zur Abreise wieder zurück zu meinen Eltern ziehen. Der Duft der Freiheit wich einen Moment – nicht leicht, das alte Kinderzimmer zu beziehen und sich damit wieder in die Position des Kindes zu begeben.
Und dann war da noch meine kleine Abschiedsfeier mit Nachbarn, Freunden und Verwandten. Ich legte Flyer der Leprahilfe Shanti aus, bei der meine Freundin und ich unseren Freiwilligendienst leisten werden, und hatte bereits im Vorfeld gesagt, zugunsten von Spenden auf Geschenke verzichten zu wollen. Es kam einiges an Geld zusammen.
Morgens um halb fünf begann ich zu realisieren, dass ich fünf Monate lang nicht zu Hause sein werde. Ebenso werde ich die mir so wichtigen Menschen nicht sehen, keine Erlebnisse und Erinnerungen mit ihnen teilen. Es wird heißen: „Schade, dass du nicht dabei warst.“ Sorge macht sich breit, nach dieser Zeit plötzlich nicht mehr Teil der anderen zu sein, weil sie sich verändern, weil ich mich verändere. Aber das muss ich in Kauf nehmen und die Prüfung riskieren, welche Freundschaft hält und welche nicht.
Wir sitzen im Flugzeug auf dem Weg ins Ungewisse. Wir wagen es. Und das fühlt sich richtig an – verdammt richtig.