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Zwischen Bachelor und Master

Die Grenze: heute

Seit einigen Wochen lebe ich nun in Schönsee in der Oberpfalz, wenige Kilometer von der tschechischen Grenze entfernt. Blickt man auf eine Karte im Netz ist sie unübersehbar. Beinahe scheint es, dass die rote Nadel mit dem Standort Schönsee direkt auf dem schwarzen Streifen liegt, der die beiden Länder trennt. Und auch vor Ort spürt man die Grenze tagtäglich, denn überraschenderweise passiert hier  ziemlich viel Grenzüberschreitendes.

Ich war davon ausgegangen, dass es keine Berührungspunkte mit den Nachbarn gäbe. Nun wurde ich eines Besseren belehrt. Nicht nur, dass die Bedienung in der Pizzeria in Schönsee sich als Tschechin herausstellt – seit 23 Jahren pendelt sich nach Schönsee zum Arbeiten – auch von deutscher Seite ist das Interesse an Tschechien groß. So sprechen hier in der Region nicht wenige Menschen ein passables Tschechisch. Oft kommen Leute in meine Praktikumsstelle, um sich Informationen für ihre bevorstehenden Reisen einzuholen. Und die Wanderwege der Region gehen längst über jegliche Grenzen hinweg. Auch Beschriftungen sind oft zweisprachig. Und Tag für Tag bin ich beim Blick in die hiesige Zeitung überrascht, wie viel grenzüberschreitend berichtet wird.

Der Grenze widmeten sich auch zwei Freilichtspiele, die „Irrlichter“ und die „Pascher“, die Jahr für Jahr hier im Sommer auf dem Eulenberg bei Schönsee aufgeführt werden. Wenige Meter von der Grenze entfernt gehen sie auf die Geschichte des Ortes ein. In den Theaterstücken wird teilweise auch tschechisch gesprochen – zum Glück, denn das verstehe ich immer noch deutlich besser als das Oberpfälzische.

Autor: Ferdinand  |  Rubrik: studium  |  Aug 13, 2019
Autor: Ferdinand
Rubrik: studium
Aug 13, 2019

Zwischen Bachelor und Master

Kulturschock Oberpfalz

Schönsee, Oberpfalz in Bayern. Stadt-Status. 2.471 Einwohner, sagt Wikipedia. Wenige Kilometer bis zur tschechischen Grenze. Ein Supermarkt, zwei Fleischer, drei Bäcker. Einmal in der Woche kommt der Grillhändl-Wagen, einmal der mit der Pferdewurst. Der Bahnhof hat dicht gemacht, ab und an fahren Busse zum nächstgelegenen Bahnhof. Ohne Auto ist das Leben hier hart. Schönsee, oder die Stadt mit den drei Lügen, wie sie manch einer nennt. Erstens: Keine Stadt. Zweitens: Kein See. Drittens: Nun ja, nicht wirklich schön. Und nun ist das mein Zuhause für die nächsten drei Monate.
Hierher verschlagen hat mich mein Praktikum im Centrum Bavaria Bohemia, einem bayerisch-tschechischen Kulturzentrum, das eine absolut einmalige Arbeit leistet. Als gebürtiger Sachsen-Anhalter, der zuletzt in einer Millionenstadt gelebt hat, habe ich in den ersten Tagen einen gehörigen Kulturschock erlitten.
Meine Bayern-Vorurteile? Sie wurden alle bestätigt. Dirndl und Lederhosen? Jawohl. Bei der Vergabe von Zertifikaten für Tschechisch-Kursteilnehmer tauchen einige der Schüler tatsächlich in bayerischer Kluft auf. Katholisch? Aber hallo! Die Glocken im Kirchturm läuten zu jeder Tages- und Nachtstunde. Auch mit dem Dialekt tue ich mir schwer. Nicht selten muss mein Gegenüber darum bitten, seinen Satz nochmal zu wiederholen. Und überall hört man Blasmusik.
Auch wenn Schönsee tatsächlich keinen See hat – stattdessen nur zwei „Weiher“, warum auch immer – und nicht die Vorzüge einer Stadt hat – schön ist es hier ja schon ein bisschen und die Natur ringsum lädt zu ausgedehnten Fahrrad- und Wandertouren ein. Und außerdem kann es mir sicherlich auch nicht schaden, über den eigenen Schatten zu springen und ein neues Fleckchen Deutschland zu entdecken. Also Schönsee, auf geht’s! Ich bin bereit für das Abenteuer Oberpfalz.

Zwischen Bachelor & Master

Tschüss Goethe - Teil 2

Und dann waren da noch all die vielen anderen Veranstaltungen und vielen tollen Momente im „Goethe“ zu nennen. Es gab die Übersetzungsdonnerstage, bei denen tschechische Übersetzer ihre frisch erschienenen Übersetzungen deutscher Literatur präsentierten. Es gab verschiedenste Filmvorführungen. Es gab die Museumsnacht, bei der über 1.000 Menschen dem Goethe-Institut einen Besuch abstatteten und es gab das Kloster Broumov, diesen großartigen und spannenden Ort, an dem ich zwei Lesungen moderieren durfte.
Mein Praktikum im Goethe-Institut, das waren sechs Monate voller spannender Erlebnisse und Erfahrungen. Ich konnte nicht nur einen Einblick in die Kulturarbeit in Prag und Tschechien bekommen, sondern auch in die Tätigkeiten des Goethe-Instituts in der gesamten Region Mittel- und Osteuropa und auf der ganzen Welt. Durch die vielen Texte, die ich geschrieben, lektoriert und übersetzt habe, konnte ich auch mein Tschechisch nochmal ordentlich verbessern.
Vermissen werde ich den Blick vom Balkon des Büros auf die Skyline von Prag, die lieben Kollegen, das deutsch-tschechische Sprachenwirrwarr und das Café Goethe mit dem Mittagessen und den großartigen Käsebrötchen für 28 Kronen, die nicht selten mein Frühstück waren.
Nach dem Bachelor erst mal Erfahrungen zu sammeln hat sich für mich vollkommen ausgezahlt. Und vielleicht kehre ich ja eines Tages in die Goethe-Sphäre zurück; nach Prag wohl so oder so.

Autor: Ferdinand  |  Rubrik: orientieren  |  Jul 18, 2019
Autor: Ferdinand
Rubrik: orientieren
Jul 18, 2019

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