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Studieren im Ausland

Adventszeit voller Klausuren

Mal wieder wird mir die Vorweihnachtszeit von einer Klausurphase vermiest. Statt gemütlich auf dem Weihnachtsmarkt gebrannte Mandeln zu essen oder Schlittschuh zu laufen, habe ich im Dezember jede Woche eine Klausur. Das ist zwar einerseits ziemlich luxuriös – noch nie hatte ich eine ganze Woche Zeit zum Lernen. Andererseits nervt mich diese extrem lange Klausurphase. Da ist mir das Prinzip „Augen zu und durch“ doch lieber.
Meine erste Klausur behandelte das Thema Eurokrise aus wirtschafts- und politikwissenschaftlicher Sicht. Da mich dies schon das ganze Semester über interessiert hat und ich gut mitgearbeitet hatte, war das kein großes Problem. Das zweite Thema „Politics and Policies in the EU“ ist DER politikwissenschaftliche Kurs, sodass ich vor der Klausur dementsprechend Bammel hatte. Aber ich habe mich gut geschlagen und die Essay-Fragen ausgewählt, die eher auf Wissen als auf politikwissenschaftliche Analysefähigkeiten abzielten.
Die Klausur „Droit institutionnel de l’Union Européenne“ sollte für mich als Juristin am einfachsten sein. Aber von wegen – hier wurde am meisten Stoff abgefragt, und dazu auch noch auf Französisch! Die juristischen Probleme zu verstehen, war für mich zwar keine große Herausforderung. Dafür aber die französische Art, einen großen Teil stumpf auswendig zu lernen, um Fragen beantworten zu können wie „Welche Mehrheit braucht man im Parlament in der zweiten Lesung, um einen Gesetzgebungsvorschlag abändern zu können“ – ohne im Gesetzestext zu gucken. Als deutsche Juristin, die immer ihr Gesetz als Hilfsmittel dabei hat und wo es mehr um Systemverständnis als um reines Wissen geht, kann man bei einer solchen Herangehensweise nur den Kopf schütteln.
Die drei Klausuren spezifisch für meinen Master habe ich inzwischen geschafft. Es fehlt nur noch die für das „Studium generale“. Ich kann also einen Gang runterschalten. Und trotz Klausuren kam ich doch noch in weihnachtliche Stimmung gekommen, als Brügge nach fünf schneelosen Jahren an zwei Tagen total zugeschneit wurde. Wir Deutschen haben den Südeuropäern unseres Colleges dann erst mal gezeigt, wie man einen großen und schönen Schneeman baut – sehr zur Freude unserer Bibliothekarin, die den Schneemann mit europäischer Flagge in der „Hand“ von ihrem Tresen aus beobachten konnte.

Autor: Luisa  |  Rubrik: studium  |  20.12.2017

Studieren im Ausland

Eine erste Bilanz

Mein erstes Semester in Brügge geht zu Ende. Die Vorlesungen sind bereits beendet, nächste Woche gibt es noch Tutorien, und dann geht die Klausurphase los – der perfekte Zeitpunkt, um eine erste Bilanz meines wissenschaftlichen Lebens hier zu ziehen.
Um ganz ehrlich zu sein: Ich weiß immer noch nicht genau, was Politikwissenschaften sind. Was machen sie, was sind Herangehensweisen, was ist ihr Ziel? Einen kleinen Einblick habe ich natürlich bekommen. Ich kenne ein paar Theorien und ich weiß, dass Politikwissenschaften politische Entwicklungen erklären wollen. Aber ich habe schon nach manchem Tutorien die wissenschaftlichen Mitarbeiter frei heraus gefragt: „Was bringt das eigentlich?“ Als Jurist kann man den Sinn von einigen der Theorien nur schwer verstehen und auch die Befragten konnten nicht umhin, meine Zweifel nachvollziehen zu können.
Das führt mich zu meiner größten Herausforderung momentan: die Masterarbeit. Ab Januar nächsten Jahres soll ich eine politikwissenschaftliche, etwa 50-seitige Arbeit schreiben. Das ungefähre Thema habe ich schon vor einem Monat ausgesucht. Als nächstes muss ich meinem betreuenden Professor eine Übersicht über meine Herangehensweise schicken. Und wisst ihr was? Ich habe wenig Ahnung. Ein paar Erste-Hilfe-Gespräche mit Freunden, die auch Politikwissenschaften studiert haben, hatte ich zwar schon, aber die können mir auch keine passende Theorie für mein Problem aus dem Hut zaubern. Das heißt also: Lesen, lesen, lesen; mit dem Wissen, dass ich mich in eine neue Herangehensweise einarbeiten muss – und dem Kribbeln des Interesses, der Neugierde und der Herausforderung.
Ansonsten ist meine erste Bilanz positiv. Ich habe zumindest schon einen politikwissenschaftlichen Aufsatz geschrieben, ein Positionspapier für eine Nicht-Regierungsorganisation zu einem aktuellen Reformvorschlag zum europäischen Asylrecht sowie einen Vorschlag, wie sich die Slowakei zu den Reformvorschlägen der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion positionieren sollte. Ich habe in den Diskussionsgruppen lebhaft über politikwissenschaftliche Theorien und aktuelle Probleme der europäischen Politikfelder mitdiskutiert und einen Vortrag gehalten – etwas, das ich vom Jurastudium gar nicht gewöhnt bin.
Ich bin zwar noch nicht fit für eine Masterarbeit – aber die ersten Schritte auf dem Feld der Politikwissenschaften bin ich schon gegangen.

Autor: Luisa  |  Rubrik: studium  |  08.12.2017
Autor: Luisa
Rubrik: studium
08.12.2017

Studieren im Ausland

Dissertation à la française

In „Lectures franco-allemandes“, einem Modul speziell für unseren Studiengang, sollen sich die deutschen und französischen Studierenden kultureller Unterschiede bewusst werden. Diese nehmen im Handeln, der Sprache oder der Arbeits- und Denkweise Gestalt an, unter anderem auch in Referaten.
Gemeinsam mit meiner französischen Partnerin präsentierte ich vor einiger Zeit soziologische Erklärungsansätze für das Verhalten wirtschaftlicher Akteure. Im Anschluss daran sprach uns unsere Dozentin auf die typisch deutsche Struktur unseres Referates an und bat uns, den Unterschied zur Französischen zu erklären. Wir hatten nacheinander die drei soziologischen Theorien in jeweils eigenen Gliederungspunkten vorgestellt und am Ende den Zusammenhang erklärt, um Wissen zu vermitteln. Ein Referat „à la française“ wäre anders aufgebaut: Die Herangehensweise an Themen bei einem französischen Referat basiert immer auf einer Form von Argumentation, die das Wissen bereits vorstrukturiert, indem sie Gegensätze und Zusammenhänge aufzeigt oder die Grenzen einer Theorie hervorhebt. Bereits in der Schule wird der französischen Jugend die „Dissertation“, die Königsdisziplin der akademischen Welt, vermittelt.
Die schriftliche Form besteht noch immer als gängige Prüfungsart an Hochschulen – nach Multiple-Choice-Tests sucht man hier vergeblich. Stattdessen wird von den Studierenden erwartet, das Gelernte als dialektische Erörterung umzusetzen. Zuerst geht es darum, Argumente zu finden, die eine bestimmte These stützen. Danach zeigt man die Konflikte auf, die sie hervorruft. Wichtiger als die Argumentation scheint jedoch die Einleitung zu sein, die möglichst packend zur Problematik hinführen und nebenbei wichtige Begriffe klären soll. Nach dem Hauptteil antwortet das Fazit auf die Problematik und regt zum weiteren Nachdenken über das Thema an. So sähe eine gelungene, französische Dissertation aus.
Die Grundstruktur folgt zwar meistens diesem Muster, aber es anzuwenden, stellt für uns Deutsche eine Herausforderung dar. Das fängt damit an, die passende Problematik zum vorgegebenen Thema zu finden. Diese muss einen inneren Widerspruch des Themas ansprechen, darf es aber weder zu konkret noch zu global behandeln.
Dies erfordert eine ganz bestimmte Denkweise, die sich durch unseren gesamten Schulalltag zieht. So habe ich stets das Gefühl, jede Menge Energie für die einfachsten Denkprozesse aufwenden zu müssen. Ich werde versuchen, es in erster Linie als Bereicherung anzusehen – es kann nie schaden, seine eigene Welt einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Autor: Lea  |  Rubrik: studium  |  07.12.2017