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Mein Freiwilliges Jahr

In the middle of nowhere

10.000 Seen, Moskitos, Schnee, Countrymusik und Bauernhöfe: Das ist, was den meisten Leuten zum US-Bundestaat Minnesota einfällt – wenn sie denn überhaupt schon einmal davon gehört haben.

In der 11. Klasse habe ich auf einem dieser Bauernhöfe bei einer Gastfamilie als Austauschschülerin gewohnt. Obwohl ich in Deutschland auch in einer Kleinstadt wohne, muss ich zugeben, dass das Farmleben anfangs ein mittelstarker Kulturschock war. Die Bezeichnung „Irgendwo im Nirgendwo“ hat für mich plötzlich eine ganz neue Bedeutung bekommen: Der nächste Nachbar wohnte meilenweit entfernt und um in einen Ort mit Tankstelle und Supermarkt zu gelangen, war man ganz schön lange unterwegs. Trotzdem habe ich mich erstaunlich schnell eingelebt und wohl gefühlt. Deswegen konnte ich es kaum erwarten, dieses Jahr wieder dorthin zu fliegen. Dank moderner Kommunikationsmittel hatte ich zwar die ganze Zeit über Kontakt zu meiner Gastfamilie und meinen Freunden dort gehalten, aber ich wusste trotzdem nicht so recht, was sich innerhalb der zwei Jahre alles verändert hatte. Doch sobald ich zurück in meinem alten Zimmer war und selbst gemalte Bilder meiner kleinen Gastschwestern in den Händen hielt, fühlte ich mich direkt wieder wie zu Hause. In Deutschland habe ich nur einen großen Bruder, deshalb gefällt es mir, in Minnesota in die Rolle der großen Schwester zu schlüpfen – und von meinen Gastschwestern auch überall so vorgestellt zu werden. Schön war es auch, meine alten Freunde zu treffen. Sie berichteten vom College, wir gingen in der Mall shoppen, veranstalteten Mädelsabende oder entspannten einfach nur am See. Alle meine Sorgen waren unbegründet. Es war fast so, als hätten wir uns erst eine Woche zuvor zum letzten Mal getroffen.

Ich glaube, das ist ein großer Vorteil von Kleinstädten: Die Gemeinschaft ist ziemlich stark und man wird nicht so schnell vergessen. Selbst die Kassiererin im Supermarkt konnte sich noch an meinen Vornamen erinnern, sodass es sich überhaupt nicht so angefühlt hat, als wäre ich zwei Jahre weggewesen.

Autor: Franziska  |  Rubrik: orientieren  |  27.08.2015
Autor: Franziska
Rubrik: orientieren
27.08.2015

Mein Freiwilliges Jahr

Welpen

Seit einer Weile haben wir zwei neue Freiwillige im Krankenhaus, die ich einweisen soll. An ihrem ersten Tag waren beide unheimlich nervös und unsicher. Er hat gerade sein Abitur gemacht und weiß nicht, was er machen will, weshalb er dieses Jahr zur Orientierung nutzen möchte. Er sieht aus wie eine Mischung aus Bad Boy und Schnösel und hat einen ziemlich kruden Humor. Sie kommt von der Realschule, lebt im betreuten Wohnen mit zwei Jungs zusammen und möchte nach dem FSJ auch in der Pflege arbeiten. Die beiden könnten nicht unterschiedlicher sein. Eine Gemeinsamkeit haben sie aber: Sie werden mir tierisch auf die Nerven gehen.

Das meine ich nicht mal böse. Es ist nur so, dass ich die ständige Fragerei aushalten muss. War ich auch so? Ich muss mir eingestehen, dass ich vermutlich sogar noch schlimmer war. Nicht nur einmal wurde ich deshalb zusammengefaltet, weil ich Menschen von ihrer Arbeit abhielt. Somit muss ich hier Nachsicht zeigen.

Außerdem arbeiten sie sehr langsam. Es ist echt irre, wie unsicher sie sind und wie oft man die Anweisungen wiederholen muss. Dabei fällt mir aber wieder ein, dass mir anfangs auch alles doppelt und dreifach erklärt wurde und erklärt werden musste. Da war keine Ungeduld, sondern sehr viel Rücksicht. Also: freundlich bleiben.

Interessant ist, wie die beiden Freiwilligen an alles herangehen. Sie machen noch aus allem ein großes Ding, weil es für sie neu ist. Medikamente fehlen auf der Station: Katastrophe! Ein Patient hat ist verwirrt: Weltuntergang! Jemand hat die Patientenakte verlegt: ein immenses Vergehen! Was mir mittlerweile völlig normal erscheint, ist für die beiden dermaßen besonders, dass sie es mir auch immer brav erzählen.

Eine Woche muss ich die beiden beim Patiententransport anleiten. Wie mobilisiert man Patienten? Wie schiebe ich Betten und Rollstühle? Wo finde ich die Akten und Kurven? Wo ist das MRT? Wo die CT? Sonographie? Angiographie? EKG? Am Ende haben sich die beiden doch ganz gut angestellt – und in einem Jahr werden sie die Neuen einlernen und vermutlich genauso denken wie ich jetzt.

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  25.08.2015
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
25.08.2015

Mein freiwilliges Jahr

Sommerloch

Das gibt es sogar im Krankenhaus: Eine Zeit, in der kaum etwas zu tun ist, in der kaum Patienten da sind, somit wenige zu Untersuchungen gebracht werden oder gepflegt werden müssen. Ich bin in dieser Zeit im Patiententransport, frage überall mehrmals nach, ob nicht irgendjemand irgendeinen Patienten braucht. Röntgen ist seit 10 Uhr durch, nur noch Notfälle von der Notaufnahme sind gegebenenfalls zu bearbeiten. Die fahre ich aber nicht. Für die CT gilt dasselbe. MRT läuft jede Stunde einmal. Und wir sind zu fünft. Da bleibt für den Einzelnen nicht viel zu tun. Während ich dasitze und warte, zerlaufe ich förmlich auf meinem Stuhl. Nur ab und zu bläst der Ventilator mir Luft ins Gesicht.

Kein Stress? Und das im Krankenhaus? Undenkbar, wie ich bisher dachte. Doch es scheint möglich zu sein. Dadurch bleibt viel Zeit, mich zu unterhalten, mich den neuen Freiwilligen und Auszubildenden zu widmen, sie kennenzulernen. Gleiches gilt für die wenigen Patienten, die ich durch die Gegend fahre. So habe ich mich mit jemandem unterhalten, der Lungenkrebs in ausgeprägter Form hat, aber voller Hoffnung ist, dass die sechs Chemotherapien anschlagen. Oder einen Vater, der sich wunderte, um wen es hier eigentlich gehe. Des Öfteren haben mich Patienten gefragt, ob ich mit Prinz Harry verwandt sei (schuld daran sind definitiv die ganzen Boulevard-Zeitschriften, die den Patienten in die Hand gedrückt werden). Also hat die Zeit der Untätigkeit doch etwas Gutes: Ich konnte mich richtig mit den Menschen beschäftigen, auf die ich im Krankenhaus treffe.

Autor: Thilo  |  Rubrik: auszeit nach dem abi  |  20.08.2015
Autor: Thilo
Rubrik: auszeit nach dem abi
20.08.2015