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Mein Freiwilliges Jahr

Immer entspannt am Patienten?

„Wenn du das Zimmer eines Patienten betrittst, vergiss deine Sorgen, deine Probleme und deinen Stress. Du musst dir vorstellen, dass du auf die Bühne gehst und ein Stück spielst, in dem alles gut ist“, hat mal eine Krankenschwester zu mir gesagt. Und sie hat Recht damit.

Vor den Patienten müssen wir es nämlich stets so aussehen lassen, als liefe alles so, wie es laufen soll. Wenn etwas nicht in Ordnung ist, so sollen wir das die Patienten keinesfalls spüren lassen. Wenn wir im Stress sind, sollen wir ihn nicht auf die Patienten übertragen. Besonders alte Menschen reagieren darauf oft sehr empfindlich. Sie sperren sich dann gegen alles. Wir kennen also keine Eile und keinen Druck, wenn wir am Patienten arbeiten. So scheint es zumindest. Dass wir innerlich explodieren, weil alles zu langsam geht und noch unzählige Patienten warten, das merkt keiner. Und das soll auch so sein. Schließlich sollen die Patienten in Ruhe gesund werden und sich nicht mit unseren Emotionen auseinandersetzen müssen.

Doch was macht das mit dem Pflegepersonal, wenn alles heruntergeschluckt werden muss? Zugegeben, es ist manchmal ganz schön schwer. Wunderbar ist aber, dass ich im Krankenhaus spezielle Arbeitskleidung trage. Das klingt zwar ein wenig sonderbar, doch es ist so, dass ich nach der Schicht, wenn ich mich umziehe, viel Frust und Ärger mit ablege. Negative Emotionen lasse ich dadurch im Krankenhaus und kann befreit nach Hause gehen.

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  15.05.2015
Autor: Thilo
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15.05.2015

Mein Freiwilliges Jahr

Nummer sechs

Mittlerweile ist der sechste Patient bei mir auf der Station verstorben. Man könnte annehmen, dass einen in diesem Job der Tod irgendwann nicht mehr so berührt. Doch diesmal musste ich das erste Mal wirklich Palliativpflege betreiben. Ich habe erfahren, was es bedeutet, einen Menschen bewusst gehen zu lassen und sich so um ihn zu kümmern, dass er es auf seinem letzten Weg gut hat.

Ich habe noch seine Frau vor Augen, die völlig aufgelöst war, als er zu uns auf die Station kam. Merkwürdigerweise übertrug sich ihre Trauer nicht auf mich. Ich konnte sie noch anlächeln und ihr ermutigende Worte zusprechen. Zu dem Zeitpunkt hätte ich bereits ahnen müssen, wie das hier zu Ende geht. Ich habe in meinem naiven Optimismus daran festgehalten, dass er uns lebend verlassen wird, dass er wieder so gesund wird, dass er nach Hause kann. Ich glaube aber, dass in einer solchen Situation nur positive Gedanken helfen.

In den nächsten Tagen nahm sein Gesicht bereits blaue Verfärbungen an, er konnte sich kaum wach halten und ich musste ihm beim Essen helfen, weil er es allein nicht mehr schaffte. Seine fortgeschrittene Demenz verstärkte den Effekt seines physisch schlechten Zustandes. Er verstand nicht, was wir von ihm wollten und sperrte sich gegen alles. So lange, bis alle Versuche unterlassen wurden. „Wir geben ihm keine Medikamente mehr. Setzt die Behandlung ab“, waren die Worte des zuständigen Arztes. Was im ersten Moment nach einer großen Grausamkeit klingt, stellt sich im Nachhinein doch als der richtige Schritt heraus. Der Patient hatte mit seinem Leben abgeschlossen. Und auch wenn es mir schwerfällt, das nachzuvollziehen, habe ich es doch deutlich gemerkt und muss es akzeptieren.

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  07.05.2015
Autor: Thilo
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07.05.2015

Mein Freiwilliges Jahr

Die nächsten drei

An meinem zweiten Tag im OP durfte ich gleich bei drei Operationen dabei sein. In einer mehr als drei Stunden dauernden Operation wurde einer Patientin ein kleines Implantat hinter dem linken Ohr eingesetzt, das Töne und Geräusche aufnehmen und über die Reizung des Hörnervs an das Gehirn weitergeben kann,. Auf diese Weise sollte sie wieder hören können. Interessant war besonders, wie überprüft wurde, ob der Chirurg auch an der richtigen Stelle arbeitet und nicht unnötig Knochen und Gewebe entfernt: Über einen Apparat konnte ein Klopfen vernommen werden, das aus einer Reizung des Hörnervs resultierte und an späterer Stelle über Lautsprecher ausgegeben wurde. Faszinierend.

Danach ging es um ein gerissenes Kreuzband. Das Implantat, das im Knie neu eingesetzt wurde, wurde nicht etwa aus künstlichem Material hergestellt, sondern unmittelbar vor der Operation aus dem Gewebe der Patientin gewonnen (oder aus den Muskeln, ich bin mir da gar nicht mehr so sicher). Wunderbar sehen konnte man mithilfe einer Kamera, die ins Knie geführt wurde, wo das Präparat entnommen wurde. Es wurde in einem recht komplizierten Verfahren eingesetzt, das ich mehr als genial fand. Zuerst wurden blaue Fäden durch das Knie gezogen, die später dazu dienten, das Kreuzband leichter einsetzen zu können. Dieses wurde von unten nach oben durch das Knie gezogen und befestigte sich dadurch selbst, dass ein Zwischenglied innerhalb des Knies so kippte, dass ein Verrutschen unmöglich war. Beeindruckend.

Alle guten Dinge sind drei, somit ging ich anschließend noch zu einer Wirbelzementierung, die wirklich schnell ging. Der Chirurg setzte zwei Kanäle im Bereich der Lendenwirbel ein und kontrollierte stetig über Röntgenaufnahmen, dass er auch an der richtigen Stelle war. Ich musste mich komplett in Strahlenschutzkleidung einhüllen, die wirklich viel Gewicht hatte. Die Operationstechnische Assistentin fertigte währenddessen den Zement an und füllte ihn in kleine Spritzen ab, die der Chirurg daraufhin nutzte, um den Zement über die Kanäle zwischen die Wirbel zu spritzen. Auf den Röntgenaufnahmen konnte ich wunderbar sehen, wie sich der Zement verteilte und die Zwischenräume schloss. Unglaublich.

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  24.04.2015
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
24.04.2015