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Mein Freiwilliges Jahr

Nummer sechs

Mittlerweile ist der sechste Patient bei mir auf der Station verstorben. Man könnte annehmen, dass einen in diesem Job der Tod irgendwann nicht mehr so berührt. Doch diesmal musste ich das erste Mal wirklich Palliativpflege betreiben. Ich habe erfahren, was es bedeutet, einen Menschen bewusst gehen zu lassen und sich so um ihn zu kümmern, dass er es auf seinem letzten Weg gut hat.

Ich habe noch seine Frau vor Augen, die völlig aufgelöst war, als er zu uns auf die Station kam. Merkwürdigerweise übertrug sich ihre Trauer nicht auf mich. Ich konnte sie noch anlächeln und ihr ermutigende Worte zusprechen. Zu dem Zeitpunkt hätte ich bereits ahnen müssen, wie das hier zu Ende geht. Ich habe in meinem naiven Optimismus daran festgehalten, dass er uns lebend verlassen wird, dass er wieder so gesund wird, dass er nach Hause kann. Ich glaube aber, dass in einer solchen Situation nur positive Gedanken helfen.

In den nächsten Tagen nahm sein Gesicht bereits blaue Verfärbungen an, er konnte sich kaum wach halten und ich musste ihm beim Essen helfen, weil er es allein nicht mehr schaffte. Seine fortgeschrittene Demenz verstärkte den Effekt seines physisch schlechten Zustandes. Er verstand nicht, was wir von ihm wollten und sperrte sich gegen alles. So lange, bis alle Versuche unterlassen wurden. „Wir geben ihm keine Medikamente mehr. Setzt die Behandlung ab“, waren die Worte des zuständigen Arztes. Was im ersten Moment nach einer großen Grausamkeit klingt, stellt sich im Nachhinein doch als der richtige Schritt heraus. Der Patient hatte mit seinem Leben abgeschlossen. Und auch wenn es mir schwerfällt, das nachzuvollziehen, habe ich es doch deutlich gemerkt und muss es akzeptieren.

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  07.05.2015
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
07.05.2015

Mein Freiwilliges Jahr

Die nächsten drei

An meinem zweiten Tag im OP durfte ich gleich bei drei Operationen dabei sein. In einer mehr als drei Stunden dauernden Operation wurde einer Patientin ein kleines Implantat hinter dem linken Ohr eingesetzt, das Töne und Geräusche aufnehmen und über die Reizung des Hörnervs an das Gehirn weitergeben kann,. Auf diese Weise sollte sie wieder hören können. Interessant war besonders, wie überprüft wurde, ob der Chirurg auch an der richtigen Stelle arbeitet und nicht unnötig Knochen und Gewebe entfernt: Über einen Apparat konnte ein Klopfen vernommen werden, das aus einer Reizung des Hörnervs resultierte und an späterer Stelle über Lautsprecher ausgegeben wurde. Faszinierend.

Danach ging es um ein gerissenes Kreuzband. Das Implantat, das im Knie neu eingesetzt wurde, wurde nicht etwa aus künstlichem Material hergestellt, sondern unmittelbar vor der Operation aus dem Gewebe der Patientin gewonnen (oder aus den Muskeln, ich bin mir da gar nicht mehr so sicher). Wunderbar sehen konnte man mithilfe einer Kamera, die ins Knie geführt wurde, wo das Präparat entnommen wurde. Es wurde in einem recht komplizierten Verfahren eingesetzt, das ich mehr als genial fand. Zuerst wurden blaue Fäden durch das Knie gezogen, die später dazu dienten, das Kreuzband leichter einsetzen zu können. Dieses wurde von unten nach oben durch das Knie gezogen und befestigte sich dadurch selbst, dass ein Zwischenglied innerhalb des Knies so kippte, dass ein Verrutschen unmöglich war. Beeindruckend.

Alle guten Dinge sind drei, somit ging ich anschließend noch zu einer Wirbelzementierung, die wirklich schnell ging. Der Chirurg setzte zwei Kanäle im Bereich der Lendenwirbel ein und kontrollierte stetig über Röntgenaufnahmen, dass er auch an der richtigen Stelle war. Ich musste mich komplett in Strahlenschutzkleidung einhüllen, die wirklich viel Gewicht hatte. Die Operationstechnische Assistentin fertigte währenddessen den Zement an und füllte ihn in kleine Spritzen ab, die der Chirurg daraufhin nutzte, um den Zement über die Kanäle zwischen die Wirbel zu spritzen. Auf den Röntgenaufnahmen konnte ich wunderbar sehen, wie sich der Zement verteilte und die Zwischenräume schloss. Unglaublich.

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  24.04.2015
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
24.04.2015

Mein freiwilliges Jahr

Endlich Auszeit!

Seit sechs Monaten arbeite ich mittlerweile im Krankenhaus. Bisher habe ich keinen einzigen Tag Urlaub gehabt. Ich spüre langsam, dass ich sehr müde werde. Es wird Zeit, dass ich hier mal für ein paar Tage rauskomme!

Und das tue ich auch. Und wie. Zusammen mit meiner Freundin habe ich einen elftägigen Trip geplant. Wir fliegen von Bremen nach Dublin, um dort vier Tage zu bleiben. Die Stadt kennen wir schon von unserer Seminarfahrt vor eineinhalb Jahren. Damals besuchten wir die Cliffs of Moher, die größten Klippen Europas, hatten aber nichts davon, weil der Nebel so dicht war, dass wir kaum die Hand vor Augen sahen.

Anschließend fliegen wir weiter nach London, um dort drei Nächte zu bleiben. In der Nähe des Hyde Parks werden wir ein kleines Appartement beziehen. Von hier aus kommen wir recht schnell in das Zentrum, können aber auch gut die Randbezirke besichtigen. Ich freue mich besonders auf die Houses of Parliament, den Buckingham Palace, das London Eye, die Tower Bridge, das National History Museum und den Big Ben. Ist das alles erledigt, setzen wir uns in den Zug nach Paris. Ein weiteres Highlight der Reise wird sicher die Fahrt durch den Europatunnel.

In der Stadt der Liebe wollen wir den Louvre, den Eifelturm, den Triumphbogen und einiges mehr anschauen. Ich hoffe, dass es etwas gebracht hat, dass ich in den letzten Monaten Französisch gelernt habe. Das wird ein harter Test. Zwei Nächte werden wir hier verbringen, um schließlich mit dem Zug weiter zur letzten Station unserer Reise zu fahren: Amsterdam.

Dort erwartet uns ein schönes Hostel und hoffentlich eine Grachtenfahrt. Auch hier bin ich gespannt, ob ich mit meinen Kenntnissen der Landessprache punkten kann.

See you soon, au revoir und tot ziens!

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  20.04.2015
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
20.04.2015