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Mein Freiwilliges Jahr

Ein schmerzhafter Tag

Unser Trainer beim Selbstverteidigungskurs, der Bestandteil meines Freiwilligendienstes ist, ist langjähriger Kampfsportler und Physiotherapeut. Wir Teilnehmer sollten alles versuchen, ihn zu packen und zu besiegen, aber er hat sich immer lösen können, weil er etliche Techniken meisterhaft beherrscht. Außerdem zogen wir uns gegenseitig an den Haaren, griffen uns ins Gesicht, um gegen die Nase oder in die Augen zu drücken, überdehnten die Finger des anderen, nur um zu lernen, wie man sich im Ernstfall behelfen kann. Aber man machte uns auch klar: Vorsorge ist besser als Nachsorge. Man sollte es am besten also gar nicht zum Kampf kommen lassen. Dabei spielt das eigene Auftreten eine große Rolle. Hüftbreit sollte man stehen, geradeaus blicken, die Schultern nach hinten, Brust raus, Bauch rein. Allein ein selbstbewusstes Auftreten kann einen Kampf verhindern.

Doch gibt es leider viele Idioten auf dieser Welt, die es gern darauf ankommen lassen, und deshalb finde ich es schon gut zu wissen, wie man sich im Ernstfall am besten verteidigen kann. Greift ein der Gegner an, so gibt es einige Möglichkeiten, die Situation zu den eigenen Gunsten umzukehren. Der Schwitzkasten unüberwindbar? Von wegen! Einfach die Haare des Gegners packen und kräftig daran ziehen. Das tut so weh, dass er im Idealfall zu Boden geht. So gewinnt man die Oberhand und kann den Kampf beenden. Außerdem lernten wir, wie man richtig zuschlägt, wenn es nicht mehr anders geht. Dafür droschen wir auch aufeinander ein. Zwar waren wir gut gepolstert, doch hatten manche eine immense Kraft und es tat doch ganz schön weh.

Ob das Seminar viel gebracht hat? Immerhin war es eine gelungene Abwechslung zur Arbeit. Und neue Leute habe ich auch kennengelernt.

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  04.03.2015
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
04.03.2015

Mein Freiwilliges Jahr

Zweites Wochenseminar

Das zweite Wochenseminar meines Freiwilligendienstes fand im Blockhaus Ahlhorn statt, einer schönen Jugendherberge, die idyllisch zwischen zwei Seen, weit weg von Zivilisation und dem Stress des Alltags liegt.

Während das erste Wochenseminar sich vor allem darum drehte, einander kennenzulernen und von Erfahrungen der anderen Freiwilligen zu hören, ging es beim zweiten mehr um Inhalte. Wir sprachen über Psychosen wie Depressionen oder das Borderline-Syndrom, über Persönlichkeitsstörungen, Schizophrenie und Zwangsstörungen, unterhielten uns über Symptome, Behandlungsmöglichkeiten und Therapieformen. Außerdem ergründeten wir die Ursachen für psychische Erkrankungen und man versuchte, uns dafür zu sensibilisieren, dass es sich dabei um Krankheiten wie die Grippe handelt – also um etwas, für das die Betroffenen nichts können. Man zeigte uns ein Modell, das die inneren und äußeren Bedingungen einer psychischen Erkrankung darstellte. So erkannten wir, dass die Ursachen für diese Krankheiten zum Teil von innen her rühren: Die eigene Belastbarkeit, die Erziehung und der eigene Umgang mit Problemen spielt dabei eine Rolle. Doch es hängt auch sehr viel vom jeweiligen Umfeld ab: Wie viel Stress habe ich? Wie viele Reize wirken ständig auf mich ein? Wie gehen andere Menschen mit mir um? Gelte ich als erfolgreich oder als Versager?

Um tiefere Einblicke in das Feld der psychischen Erkrankungen und ihrer Behandlung zu bekommen, fuhren wir in eine Spezialklinik in Oldenburg und sprachen mit der der dortigen Stationsleitung, die uns einen kompakten Vortrag hielt. Wir erfuhren, wie die Einweisung abläuft, welche Behandlungsmethoden angewendet werden und wie lange die Patienten in der Klinik bleiben müssen. Insgesamt war das sehr spannend!

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  02.03.2015
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
02.03.2015

Mein Freiwilliges Jahr

Abschied

Einer meiner Patienten ist gestorben, ohne dass ich mich von ihm verabschieden konnte. Ich habe ihm deshalb einen Brief geschrieben:

„Sehr geehrter verstorbener Patient,

leider war es mir nicht möglich, mich persönlich von Ihnen zu verabschieden. Ich habe schon damit gerechnet, dass Sie nicht mehr da sind, wenn ich von meinem Seminar zurückkomme, dennoch traf mich die Nachricht über Ihren Tod wie ein Schlag ins Gesicht. Alle sagen, es sei der Lauf der Dinge, es sei sogar besser für Sie gewesen, endlich von den Qualen erlöst zu werden und sich von dieser Welt entfernen zu können. Schwer zu begreifen ist es trotzdem. Zwei Monate waren es, in denen ich Sie gepflegt und versorgt habe, in denen wir uns unterhielten, zusammen lachten und diskutierten. Ich habe auch Ihre Familie kennenlernen und versucht, ihnen Trost zu spenden.

Anfangs war nicht absehbar, dass es so ausgehen würde. Sie waren nicht schlimm krank, als Sie eingeliefert wurden, jedoch haben Sie die nötigen Operationen nicht gut verkraftet. Sie erzählten mir oft von Ihrer Familie, von Ihrer Frau, Ihrer Tochter und von Ihrem Sohn. Bis zum Ende quälten Sie sich selbst. Sie zogen an den Kanülen, rissen Pflaster ab, kratzten sich Wunden auf, stiegen aus dem Bett und drohten hinzufallen. Letztendlich mussten wir Sie mit Morphium ruhigstellen, um Sie vor sich selbst zu schützen. In diesem Stadium waren Sie kaum mehr ansprechbar, Ihre Atmung war kurz, die Abstände lang. Über Infusionen wurden Sie mit Flüssigkeit und Nahrung versorgt. Nun sind Sie nicht mehr da. Sie sind sehr alt geworden. Ich hoffe, Sie hatten ein insgesamt glückliches Leben. Ich hoffe auch, dass Sie dort, wo Sie jetzt sind, in Frieden ruhen können. Und ich hoffe, ich konnte etwas dazu beitragen, das Ende Ihres Lebens ein bisschen erträglicher zu machen.

Machen Sie es gut.

Ihr Krankenpfleger Thilo“

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  23.02.2015
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
23.02.2015