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Mein Freiwilliges Jahr

Abschied

Einer meiner Patienten ist gestorben, ohne dass ich mich von ihm verabschieden konnte. Ich habe ihm deshalb einen Brief geschrieben:

„Sehr geehrter verstorbener Patient,

leider war es mir nicht möglich, mich persönlich von Ihnen zu verabschieden. Ich habe schon damit gerechnet, dass Sie nicht mehr da sind, wenn ich von meinem Seminar zurückkomme, dennoch traf mich die Nachricht über Ihren Tod wie ein Schlag ins Gesicht. Alle sagen, es sei der Lauf der Dinge, es sei sogar besser für Sie gewesen, endlich von den Qualen erlöst zu werden und sich von dieser Welt entfernen zu können. Schwer zu begreifen ist es trotzdem. Zwei Monate waren es, in denen ich Sie gepflegt und versorgt habe, in denen wir uns unterhielten, zusammen lachten und diskutierten. Ich habe auch Ihre Familie kennenlernen und versucht, ihnen Trost zu spenden.

Anfangs war nicht absehbar, dass es so ausgehen würde. Sie waren nicht schlimm krank, als Sie eingeliefert wurden, jedoch haben Sie die nötigen Operationen nicht gut verkraftet. Sie erzählten mir oft von Ihrer Familie, von Ihrer Frau, Ihrer Tochter und von Ihrem Sohn. Bis zum Ende quälten Sie sich selbst. Sie zogen an den Kanülen, rissen Pflaster ab, kratzten sich Wunden auf, stiegen aus dem Bett und drohten hinzufallen. Letztendlich mussten wir Sie mit Morphium ruhigstellen, um Sie vor sich selbst zu schützen. In diesem Stadium waren Sie kaum mehr ansprechbar, Ihre Atmung war kurz, die Abstände lang. Über Infusionen wurden Sie mit Flüssigkeit und Nahrung versorgt. Nun sind Sie nicht mehr da. Sie sind sehr alt geworden. Ich hoffe, Sie hatten ein insgesamt glückliches Leben. Ich hoffe auch, dass Sie dort, wo Sie jetzt sind, in Frieden ruhen können. Und ich hoffe, ich konnte etwas dazu beitragen, das Ende Ihres Lebens ein bisschen erträglicher zu machen.

Machen Sie es gut.

Ihr Krankenpfleger Thilo“

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  23.02.2015
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
23.02.2015

Mein Freiwilliges Jahr

Wettlauf ohne Ziel

In der Schule ist man ständig weitergekommen, wenngleich man das selbst gar nicht so bewusst wahrgenommen hat. Es wurden für Klassenarbeiten vergeben und man hangelte sich von einer Klausur zur nächsten, hatte immer neue Ziele vor Augen und kam praktisch automatisch und unweigerlich weiter. Die Zeit trieb einen voran, von der zehnten in die elfte Klasse, schließlich in die zwölfte. Und das fühlte sich immer wie ein Aufstieg an. Nun mache ich ein FSJ, in dem ich irgendwie nicht weiterkomme. Es gibt keine Klausuren, keine Prüfungen, keine festen Termine. Zudem interessiert sich niemand für meine Leistungen.

Die Zeit vergeht einfach und ich habe ein Gefühl des Stilstands, so als würde ich gar nichts schaffen. Woran liegt das? Ich arbeite doch schließlich, manchmal neun Tage am Stück, im Wechsel zwischen Spät- und Frühschicht, ich bin müde, kaputt, ausgepowert und fühle mich oft leer und einsam.

Auch fehlt mir ein gewisser Druck, Dinge zu lernen. Aktuell muss ich nicht mehr tun als zur Arbeit zu gehen, dort meine Aufgaben zu erfüllen und dann wieder nach Hause zu fahren. Deshalb sitze ich oft zu Hause und versuche, mich zu beschäftigen. Ich habe angefangen, Französisch und Holländisch zu lernen, manchmal lese ich auch in medizinischer Fachliteratur. Es kommt mir vor, als vegetiere ich stupide vor mich hin. Ich verfalle in eine Alltagsmüdigkeit, die ich nie haben wollte. Es wird Zeit, dass ich wieder Pläne mache!

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  19.02.2015
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
19.02.2015

Mein Freiwilliges Jahr

Busgespräche (Teil 2)

Ich erzählte ihm, dass ich Freunde in Magdeburg besucht hatte, die in einer 5er-WG wohnen und das einer von ihnen Medizinstudenten im ersten Semester war. Der gab mir ein paar Tipps, sagte, dass es sinnvoll sei, ein FSJ vorzuschieben, so hätte ich auch wirklich Semesterferien und müsse hier nicht mein dreimonatiges Pflegepraktikum nachholen, könne entspannen – oder lernen. Das Universitätsklinikum sei groß, die Fakultät insgesamt überschaubar. Der Jahrgang habe mit 190 Kommilitonen eine angenehme Größe, mit seinem Geld komme er in Magdeburg gut über die Runden. Momentan stünden Klausuren an, er sei viel im Stress, dauerhaftes Lernen, kaum Pausen. Es sei aber auszuhalten. „Bist du denn sicher mit Medizin“, fragt mich der angehende Medieninformatiker. „Immer mehr“, war meine Antwort.

Besonders der Besuch einer Vorlesung im Fach VWL bestärkte mich darin. Ich begleitete meine Freundin in den Hörsaal und holte bereits nach kurzer Zeit eine Zeitschrift heraus, weil es mich in keinster Weise interessierte, was uns der Dozent erzählen wollte. Auch die anderen Studierenden schienen wenig interessiert. Anschließend gingen wir „mensen“, aßen also in der Kantine zu Mittag. Generell werden in Magdeburg gerne ein paar hippe Begriffe gefunden. Mensen für das Essen in der Mensa, Bib steht für die Bibliothek, Hasseln für das Feiern in den Bars am Hasselbachplatz. Aber jede Stadt hat sicherlich einen persönlichen Slang.

Mein Sitznachbar fragte, was jetzt insgesamt für Magdeburg spricht und ich überlege: Die Stadt ist sehr grün und liegt an der mittleren Elbe. Die Wohnungen sind günstig, man bekommt recht schnell einen Platz in einem Studentenwohnheim. Das Leben ist insgesamt angenehm preiswert. Das Semesterticket kostet nur knapp 32 Euro, erlaubt aber auch nur die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel im Magdeburger Raum (was zugleich einen Minuspunkt darstellt), aber die Busfahrt nach Hause ist mit 22 Euro für Hin- und Rückfahrt unschlagbar günstig. Weiterhin ist die Medizinische Fakultät noch sehr jung, bietet viele Forschungsmöglichkeiten in der Immunbiologie, in den Neurowissenschaften und in der Demenzforschung in Zusammenarbeit mit namhaften Instituten wie dem Max-Planck-Institut. „Aber entscheiden kann und möchte ich noch nichts,“ ziehe ich mein temporäres Fazit. „Schließlich habe ich noch keinen Vergleich. Münster und Lübeck warten noch auf mich.“

Plötzlich kommt der Günther, der Busfahrer, freudestrahlend zurück und verkündet, dass es weiter gehen kann. Endlich!

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  12.02.2015
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
12.02.2015