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Mein Freiwilliges Jahr

Busgespräche (Teil 2)

Ich erzählte ihm, dass ich Freunde in Magdeburg besucht hatte, die in einer 5er-WG wohnen und das einer von ihnen Medizinstudenten im ersten Semester war. Der gab mir ein paar Tipps, sagte, dass es sinnvoll sei, ein FSJ vorzuschieben, so hätte ich auch wirklich Semesterferien und müsse hier nicht mein dreimonatiges Pflegepraktikum nachholen, könne entspannen – oder lernen. Das Universitätsklinikum sei groß, die Fakultät insgesamt überschaubar. Der Jahrgang habe mit 190 Kommilitonen eine angenehme Größe, mit seinem Geld komme er in Magdeburg gut über die Runden. Momentan stünden Klausuren an, er sei viel im Stress, dauerhaftes Lernen, kaum Pausen. Es sei aber auszuhalten. „Bist du denn sicher mit Medizin“, fragt mich der angehende Medieninformatiker. „Immer mehr“, war meine Antwort.

Besonders der Besuch einer Vorlesung im Fach VWL bestärkte mich darin. Ich begleitete meine Freundin in den Hörsaal und holte bereits nach kurzer Zeit eine Zeitschrift heraus, weil es mich in keinster Weise interessierte, was uns der Dozent erzählen wollte. Auch die anderen Studierenden schienen wenig interessiert. Anschließend gingen wir „mensen“, aßen also in der Kantine zu Mittag. Generell werden in Magdeburg gerne ein paar hippe Begriffe gefunden. Mensen für das Essen in der Mensa, Bib steht für die Bibliothek, Hasseln für das Feiern in den Bars am Hasselbachplatz. Aber jede Stadt hat sicherlich einen persönlichen Slang.

Mein Sitznachbar fragte, was jetzt insgesamt für Magdeburg spricht und ich überlege: Die Stadt ist sehr grün und liegt an der mittleren Elbe. Die Wohnungen sind günstig, man bekommt recht schnell einen Platz in einem Studentenwohnheim. Das Leben ist insgesamt angenehm preiswert. Das Semesterticket kostet nur knapp 32 Euro, erlaubt aber auch nur die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel im Magdeburger Raum (was zugleich einen Minuspunkt darstellt), aber die Busfahrt nach Hause ist mit 22 Euro für Hin- und Rückfahrt unschlagbar günstig. Weiterhin ist die Medizinische Fakultät noch sehr jung, bietet viele Forschungsmöglichkeiten in der Immunbiologie, in den Neurowissenschaften und in der Demenzforschung in Zusammenarbeit mit namhaften Instituten wie dem Max-Planck-Institut. „Aber entscheiden kann und möchte ich noch nichts,“ ziehe ich mein temporäres Fazit. „Schließlich habe ich noch keinen Vergleich. Münster und Lübeck warten noch auf mich.“

Plötzlich kommt der Günther, der Busfahrer, freudestrahlend zurück und verkündet, dass es weiter gehen kann. Endlich!

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  12.02.2015
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
12.02.2015

Mein freiwilliges Jahr

Busgespräche (Teil 1)

Ich höre The Kooks, als ich das Klacken der Lautsprecher im Bus wahrnhme, öffne die Augen und setze meine Kopfhörer ab. Wo sind wir? Auf der Autobahn jedenfalls nicht mehr. „Es gibt ein technisches Problem“, erklärt der Busfahrer, der sich „Der Günther“ nennt. „Wird wohl ein paar Minuten dauern, der Keilriemen ist abgeflogen.“
Erst jetzt bemerke ich, dass wir uns bei einer Werkstatt befinden. Der junge Mann hinter mir tippt mir auf die Schulter und fragt mich, was denn los sei. So kommen wir ins Gespräch. Er studiert Medieninformatik in Dresden, ist jetzt im fünften Semester, eins hat er noch, plant aber ein siebtes ein. Danach möchte er ein bisschen arbeiten oder ein bisschen Pause machen. Anschließend komme ein Master noch infrage – sicher sei das alles aber noch nicht. Er erzählt mir, dass er in einer 4er-WG im Zentrum Dresdens wohnt, wo er für ein 30 Quadratmeter großes Zimmer 280 Euro warm zahlt. „Bekommst du denn BAföG?“, frage ich interessiert. Er bekomme nur „Peanuts“, aber wenigstens spare er die Rundfunkgebühren. Die entfallen für Studenten und Auszubildende, die BAföG erhalten.
Im Sommer nutzt er die freie Zeit, um auf Festivals in ganz Norddeutschland zu arbeiten. Dort verdient er ein paar tausend Euro, sagt er, die er über das folgende Jahr hinweg aufbraucht. An Arbeiten neben dem Studium sei kaum zu denken: zu viele Hausarbeiten, zu viele Klausuren. Besonders in der Anfangszeit sei der Druck hoch gewesen.
Wohin ihn sein beruflicher Weg führen wird, weiß er noch nicht genau. Momentan nutzt er das im Studium erworbene Wissen, um an einer Applikation zu arbeiten. „Das ist ein großes Ding“, berichtet er. Dann erzähle ich ihm, dass ich in Magdeburg zu Besuch bei einer Freundin war, um mir die Stadt und die Medizinische Fakultät anzuschauen. „Also möchtest du da mal studieren?“ „Ja. Also vielleicht.“ Ich erzähle ihm, dass ich mir drei Universitäten ausgesucht habe – in Magdeburg, Münster und Lübeck – und nun herausfinden will, an welcher Universität ich mich für Medizin bewerben möchte.
Die Lautsprecher knacken wieder. Der Günther meldet sich, macht einen obszönen Witz über den gerissenen Gummi und meint, dass es noch etwas dauern werde.

Autor: Thilo  |  Rubrik: auszeit nach dem abi  |  09.02.2015
Autor: Thilo
Rubrik: auszeit nach dem abi
09.02.2015

Mein Freiwilliges Jahr

Leben retten

Nach dem FSJ-Kurs stand direkt eine Reanimationsschulung auf dem Programm, an der ich mit einigen anderen Mitgliedern des Pflegepersonals teilnahm. Um den richtigen Takt für die Thorax-Kompression zu verinnerlichen, hörten wir zunächst den Bee-Gees-Klassiker „Stayin‘ Alive“. Aha. Während wir also dieses Lied hörten, führten wir die Herzdruckmassage durch, deren Ziel es ist, das Blut weiter im Körper zirkulieren zu lassen, um Schäden am Gehirn zu verhindern. Selbstverständlich muss aber erst der Notfallknopf gedrückt, der Notfallkoffer beschafft, das Notfallteam gerufen und die Atmung kontrolliert werden. Besonders wichtig ist es zu schauen, ob die Atemwege des Patienten blockiert sind.

Sobald mindestens eine weitere Person erschienen ist – wir haben diese Situation simuliert – wird ein Tubus gelegt, eine Art Schlauch, der zur künstlichen Beatmung dient. Er ist anatomisch richtig gebogen und wird in den Rachen des Patienten eingeführt und bis zur Luftröhre durchgeschoben. Sobald der Tubus gelegt wurde, gilt es, den Thorax 30 Mal komprimiert und anschließend zwei Mal zu beatmen. Die Beatmung wird nicht per Mund am Schlauch vorgenommen, sondern über einen schwarzen Ball, dessen Namen ich leider vergessen habe. Aber Hauptsache, ich kann das Ding bedienen. Wichtig ist es, an der richtigen Stelle des Brustkorbes zu pressen, die Kraft aus der Hüfte und nicht aus den Armen zu holen und den Thorax um jeweils fünf bis sechs Zentimeter zu komprimieren. Dabei kann die eine oder andere Rippe brechen, aber das wird dem Patienten wohl sein Leben wert sein.

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  03.02.2015
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
03.02.2015