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Mein Freiwilliges Jahr

Anerkennung

Menschen, die wissen, dass sie bald sterben werden, die Angehörigen eines Verstorbenen oder Menschen mit suizidalen Gedanken, finden in dem Online-Projekt „da-sein.de“ eine Anlaufstelle, zu der sie anonym und kostenlos Kontakt aufnehmen können. Besonders an Jugendliche und junge Erwachsene richtet sich dieses Angebot, da sie sich oft besonders schwer damit tun, sich ihren Mitmenschen zu öffnen. Ich bin in diesem vom Kinder- und Jugendhospiz geleiteten Projekt aktiv und begleite diese Menschen per anonymem E-Mail-Kontakt. Ich versuche, ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Gedanken niederzuschreiben und ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass da immer jemand ist, der völlig unabhängig bewerten kann und viel Verständnis für ihre Gefühle und für ihre Gedanken hat.

Für diese Arbeit wurde uns nun der niedersächsische Gesundheitspreis verliehen. Bei einer Preisverleihung in Hannover bekamen wir eine Urkunde und ein kleines, symbolisches Preisgeld, das wir für die Fahrt nutzten. Eine wunderbare Erfahrung war diese Preisverleihung für uns alle, da dort noch weitere Projekte ausgezeichnet wurden. So auch ein Krankenhaus in Osnabrück, das sich besonders für die Patientensicherheit einsetzt, oder auch das ehrenamtliche Projekt „Auszeit“, das denjenigen hilft, die sich um einen Angehörigen kümmern, sich auch einmal Zeit für sich zu nehmen. Ebenso geehrt wurde eine App, die älteren Menschen mit körperlichen Einschränkungen ein barrierefreies Laufen ermöglichen soll, indem sie optimale Routen berechnet.

Ehrenamtliche Arbeit sieht nicht nur im Lebenslauf gut aus. Sie lohnt sich doppelt. Zum einen für die Menschen, denen dadurch geholfen wird und zum anderen den Helfenden selbst, die dabei wertvolle Erfahrungen sammeln können. Und besonders schön ist es, wann man wie wir eine solche Anerkennung für die Arbeit bekommt.

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  13.01.2015
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
13.01.2015

Mein Freiwilliges Jahr

Das erste Mal im OP

Etwas zum ersten Mal machen ist immer wieder aufregend – besonders, wenn man mit zu einer OP darf. Eine unserer Patientinnen war, nur in Socken unterwegs, auf dem Linoleum in unserer Station ausgerutscht und hat sich einen Oberschenkelbruch zugezogen, der mithilfe eines Gamma-Nagels gerichtet werden sollte.

90 Minuten dauerte die Operation; anwesend waren zwei Operationstechnische Assistenten, ein Anästhesist und natürlich der Chirurg, der mit brutal wirkendem Werkzeug zugange war. Die zu operierende Stelle wurde mit einer gelblichen Lösung desinfiziert, der Rest des Körpers mithilfe einer riesigen Folie abgedeckt, das Röntgengerät in Stellung gebracht. Aufgrund der Strahlen musste ich mir acht Kilogramm schwere Schutzkleidung anlegen, unter der es mörderisch heiß wurde.

Dann ging es los. Die Patientin erhielt drei Schnitte ins Bein, dann wurde in den Knochen gebohrt. Blut floss heraus, das in einem Beutel, der an der Folie angebracht war, aufgefangen wurde. Ich wundere mich, dass mir nicht übel geworden ist, stattdessen war ich einfach nur fasziniert davon, wie hier gearbeitet wurde und was es zu sehen gab. Besonders spannend fand ich es, als der Nagel eingeführt und im Knochen verschraub wurde.

Nachdem alles feinsäuberlich kontrolliert worden und die OP abgeschlossen war, sah es im OP-Saal aus wie in einer Folterkammer. Überall war Blut, die Instrumente waren verdreckt, die Kittel besudelt. Ich bin wirklich überrascht, dass ich das alles überhaupt nicht eklig, sondern total faszinierend fand.

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  08.01.2015
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
08.01.2015

Mein Freiwilliges Jahr

Die Geschichten holen mich an

Mein FSJ ist manchmal ziemlich zermürbend. Ich arbeite im Schichtdienst, schlafe deswegen zu wenig und bin zwischendurch einfach nur kaputt. Besonders getroffen hat mich aber der Tod einer Patientin. Dass sie sterben wird, war bereits am Tag zuvor zu erahnen gewesen. Sie atmete nur noch sehr flach, war kraftlos, ihre Knöchel und Füße wurden blau, ihre Hände ebenso, im Gesicht zeichnete sich ein violettes Dreieck ab, das nichts Gutes verheißen sollte. Sie wollte nun endlich von dieser Welt gehen, sagte sie in den Wochen zuvor immer wieder, biss sich aber stets durch. Bis es nun so weit war: Sie war alt, sie war bereit – und doch traf es uns alle auf der Station sehr hart.

Seit Wochen lag sie bei uns, wurde von uns gepflegt, von uns behandelt, wir haben mit ihr geredet, mit ihr gelacht. Jetzt liegt sie dort reglos vor mir. Ihr Mund leicht geöffnet, die Augen geschlossen. Sie schaut so friedlich aus. In ihrem Zimmer riecht es nach Kerzen. Der Pastor hat sie bereits gesegnet und verabschiedet, auch die Familie war bei ihr. Sie starb eine Stunde vor meinem Arbeitsbeginn.

„Vor der Frühstückspause bringen wir sie noch hinunter“, teilte mir ein Pfleger mit. „Hinunter?“, fragte ich verwirrt. „In den Leichenkeller.“ Ich schluckte. Wir zogen uns Handschuhe und einen Kittel an, bedeckten sie mit einer Decke, entfernten die Rosenblüten, ließen ihr aber die Rose in der Hand, griffen das Bett und gingen los. Es war ein beklemmendes Gefühl, wie wir durch das Krankenhaus liefen, wie jeder uns ansah.

Wir nahmen den Fahrstuhl und fuhren in den Keller. Dort wurden wir bereits erwartet. Es sei schon Platz gemacht worden. Wir lagerten sie auf einer Trage aus Metall, schoben sie in eine Art Kühlschrank, damit sie nicht verwest und verabschiedeten uns nochmal von ihr. Dann blickten wir uns andächtig an und gingen zurück. Das war's.

Während der Arbeit ist man zu abgelenkt, zu konzentriert, als dass man sich Gedanken über das machen könnte, was passiert ist. Nach der Arbeit holen mich diese Geschichten aber wieder ein. Der Tod war plötzlich so greifbar, so nahe. In diesen Momenten werde ich traurig und fühle mich schlecht. Gut, dass ich viele Freunde habe, mit denen ich über meine Erlebnisse sprechen kann.

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  31.12.2014
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
31.12.2014