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Mein Freiwilliges Jahr

100 Stunden

Sonntag, 16 Uhr, ich gönne mir einen Kaffee und einen Muffin. „Was grinst du denn so?“, werde ich gefragt. „Ich habe meine ersten 100 Stunden voll“, strahle ich. „Und?“, kommt zurück. Es muss ja nicht jeder meine Euphorie teilen.

100 Stunden habe ich nun also schon im Krankenhaus gearbeitet und muss sagen: Ich habe ganz schön viel gelernt. Bin ich anfangs noch unsicher umherstolziert, so habe ich mittlerweile ein gewisses Selbstbewusstsein entwickelt. Es fällt mir leichter, auf Menschen zuzugehen, nach Dingen zu fragen, Patienten zu waschen, zur Toilette zu begleiten und zu pflegen. Ich habe die Grundlagen der Vitalzeichenkontrolle gelernt, habe mitbekommen, dass nicht immer alles rund läuft, dass es auch mal Missstände und Streit gibt – genau wie Versöhnungen. Mein Interesse an der Medizin ist größer geworden, aber ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich Arzt werden möchte. Ich hab mir das irgendwie anders vorgesellt. In Wirklichkeit haben Ärzte viel zu tun, davon aber wenig mit dem Patienten selbst. Vordergründig dreht es sich um Arbeit auf dem Papier, lediglich bei der Aufnahme und bei den Visiten bekommt der Arzt die Patienten zu Gesicht – oder wenn es ihnen akut schlecht geht. Das geschieht nicht aus Bosheit oder Ignoranz, sondern einfach, weil keine Zeit da ist. Es ist so viel zu machen, so viel einzutragen, zu durchdenken, zu besprechen und aufzuschreiben, dass einfach keine Kapazitäten bleiben, um bei den Menschen zu sein, für die es die Einrichtung Krankenhaus gibt.

Auch machen sich Ärzte selten selbst ein Bild von den Patienten. Sie bekommen alles zugetragen und sind zuständig für bis zu 20 Patienten gleichzeitig. Da ist es verständlich, dass die Zeit für den Einzelnen bescheiden ausfällt. Doch frage ich mich, ob das sein muss. Es macht den Beruf in meinen Augen wirklich unattraktiv. Ich möchte nicht Arzt werden, um am Ende vor dem Bildschirm zu hocken und nachzudenken, ohne mit den Patienten und mit meinen Mitarbeitern sprechen zu können.

Diese 100 Stunden regen mich also vor allem zum Nachdenken an und ich bin gespannt, wohin mich diese Gedanken führen.

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  03.12.2014
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
03.12.2014

Mein Freiwilliges Jahr

Meine Arbeit

Es wird Zeit, dass ich euch erzähle, welche Aufgaben ich bei meinem FSJ eigentlich übernehme.

Alles hängt davon ab, ob ich eine Früh- oder eine Spätschicht habe. Die Frühschicht beginnt um 6:45 Uhr und endet um 14:45 Uhr. Sie beginnt mit dem Wecken, Waschen und Pflegen der Patienten. Außerdem müssen die Vitalzeichen kontrolliert werden (Blutzucker, Blutdruck, Puls und Temperatur). Blutzucker misst man mithilfe eines Gerätes, in das ein Teststreifen gesteckt werden muss, der mit dem Blut des Patienten in Kontakt gebracht wird. Blutdruck wird durch das Anlegen und Aufpumpen einer Manschette gemessen. Man muss ganz genau darauf achten, wann es über das Stethoskop ein deutliches „Klack“ gibt und darf gleichzeitig die Nadel der analogen Anzeige nicht aus den Augen lassen. Gibt es irgendwelche Auffälligkeiten, so muss dies umgehend den Schwestern gemeldet werden, die es im Ernstfall an den Arzt weiterleiten. Anschließend geht es für die Patienten zum Frühstück und wieder zurück. Ab jetzt entfällt die Routine. Je nach Pflegebedürftigkeit der Patienten gibt es viel oder wenig zu tun. Und natürlich darf ich auch bei der Visite der Ärzte dabei sein. Nach dem Mittagessen machen viele Patienten einen Mittagsschlaf, aus dem sie mit einer Tasse Kaffee oder Tee geweckt werden.

Früh- und Spätschicht überlappen sich zwei Stunden lang. Während dieser Zeit wird die Übergabe gemacht. Unsere Station ist in drei Bereiche gegliedert. Jeder Bereich hat maximal sieben Patienten, die auf vier Zimmer verteilt sind. Bei der Übergabe werden Untersuchungsergebnisse weitergegeben, man erzählt vom Tagesverlauf, von Besserungen und Verschlechterungen, von ärztlichen Anordnungen, von neuen Patienten und von Entlassungen. Dasselbe Prozedere gibt es auch zwischen der Spätschicht und der Nachtwache, von der wir FSJler befreit sind.

Die Spätschicht unterscheidet sich kaum von der am Morgen, nur dass die Patienten hier ins Bett gebracht werden.

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  28.11.2014
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
28.11.2014

Mein freiwilliges Jahr

Blind

„Hauke? Hauke?!“ Er hat mich allein gelassen, blind und orientierungslos, wie ich bin. Wo bin ich? Wo soll ich hin? Überall Stimmen, Laute, Geräusche, von Autos, Bussen, Menschen, von Vögeln, Katzen und Hunden. Ich fühle mich einsam.

Angefangen hat dieser Wahnsinn vor einer Stunde, als wir im FSJ-Seminar die Augenmasken anlegten, die uns das Augenlicht nahmen. Wir sollten nachfühlen, wie es blinden Menschen in unserer Gesellschaft geht. Mit einem Unterschied: Jeder bekam einen Partner zugeteilt. Besser: Wir bekamen einen Betreuer, einen Aufpasser, einen Beschützer, einen Ersetzer des genommenen Augenlichts. Ich tat meine ersten drei Schritte als Blinder, schon wich jeglicher Sinn für Orientierung. Ständig hatte ich Angst, gegen einen Gegenstand zu stoßen, zu fallen oder verlassen zu werden. Ich fühlte mich so ungeschützt, ja, beinahe nackt. Die Stimmen der anderen waren so fern und fremd, dass ich nicht eine erkannte.

Ich wurde irgendwohin geführt. Mir wurde gesagt, alles sei gut, ich brauche mich nicht fürchten. Es wird auf mich aufgepasst? Kann ich also nichts mehr alleine? Brauche ich Aufsicht wie ein kleines Kind? Selbstständig war ich jedenfalls nicht mehr.

Ich werde traurig bei dem Gedanken, dass es genug Menschen gibt, bei denen das Sehvermögen nicht einfach durch das Ablegen der Augenbinde zurückkehrt, wo das Erblinden nicht reversibel ist.

Als Hilfsbedürftiger fühlt man sich schlecht, weil man Selbstständigkeit gewohnt ist und sich nicht in eine Abhängigkeit begeben will. Außerdem beginnt man zu denken, man sei eine Last. Als Betreuer übernimmt man eine enorme Verantwortung. Man muss jede Sekunde aufpassen. Ich habe erkannt, wie wichtig es ist, dass es Menschen gibt, die anderen helfen, sie unterstützen, ihnen zusprechen und ihnen Sicherheit geben.

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  20.11.2014
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
20.11.2014