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Mein freiwilliges Jahr

Blind

„Hauke? Hauke?!“ Er hat mich allein gelassen, blind und orientierungslos, wie ich bin. Wo bin ich? Wo soll ich hin? Überall Stimmen, Laute, Geräusche, von Autos, Bussen, Menschen, von Vögeln, Katzen und Hunden. Ich fühle mich einsam.

Angefangen hat dieser Wahnsinn vor einer Stunde, als wir im FSJ-Seminar die Augenmasken anlegten, die uns das Augenlicht nahmen. Wir sollten nachfühlen, wie es blinden Menschen in unserer Gesellschaft geht. Mit einem Unterschied: Jeder bekam einen Partner zugeteilt. Besser: Wir bekamen einen Betreuer, einen Aufpasser, einen Beschützer, einen Ersetzer des genommenen Augenlichts. Ich tat meine ersten drei Schritte als Blinder, schon wich jeglicher Sinn für Orientierung. Ständig hatte ich Angst, gegen einen Gegenstand zu stoßen, zu fallen oder verlassen zu werden. Ich fühlte mich so ungeschützt, ja, beinahe nackt. Die Stimmen der anderen waren so fern und fremd, dass ich nicht eine erkannte.

Ich wurde irgendwohin geführt. Mir wurde gesagt, alles sei gut, ich brauche mich nicht fürchten. Es wird auf mich aufgepasst? Kann ich also nichts mehr alleine? Brauche ich Aufsicht wie ein kleines Kind? Selbstständig war ich jedenfalls nicht mehr.

Ich werde traurig bei dem Gedanken, dass es genug Menschen gibt, bei denen das Sehvermögen nicht einfach durch das Ablegen der Augenbinde zurückkehrt, wo das Erblinden nicht reversibel ist.

Als Hilfsbedürftiger fühlt man sich schlecht, weil man Selbstständigkeit gewohnt ist und sich nicht in eine Abhängigkeit begeben will. Außerdem beginnt man zu denken, man sei eine Last. Als Betreuer übernimmt man eine enorme Verantwortung. Man muss jede Sekunde aufpassen. Ich habe erkannt, wie wichtig es ist, dass es Menschen gibt, die anderen helfen, sie unterstützen, ihnen zusprechen und ihnen Sicherheit geben.

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  20.11.2014
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
20.11.2014

Mein Freiwilliges Jahr

Reflektieren? Auf jeden!

„Wenn mich in der nächsten Woche auch nur eine Person dazu auffordert, auch nur irgendetwas zu reflektieren, drehe ich ihr den Hals um!“, sagte einer meiner FSJ-Kollegen. Das ist zwar ein bisschen extrem ausgedrückt, doch kann ich seine Aufregung schon nachfühlen. Zum FSJ gehören 25 Bildungstage. Diese werden zum größten Teil durch vier fünftägige Seminare abgedeckt. Das erste fand in der letzten Woche unter dem Motto „Kennenlernen“ statt Das klingt auf den ersten Blick irgendwie peinlich, kindisch und uncool, doch das Gegenteil war der Fall. 32 sich völlig fremde Menschen trafen aufeinander, um fünf gemeinsame Tage zu verbringen, gemeinsam zu essen, sich ein Zimmer zu teilen, miteinander zu diskutieren, Erfahrungen auszutauschen und sich eben auch kennenzulernen. Da muss ab und zu auch mal reflektiert werden. Wie hast du dich dabei gefühlt? Wie war es am Anfang, in der Mitte, am Ende?

Es ist erstaunlich, in wie vielen Bereichen man sich sozial engagieren kann. Ich lernte Menschen kennen, die in gemeinnützigen Werkstätten arbeiten, in Kindergärten aushelfen, in Förderschulen, in Wohnheimen und in der Jugend- und Familienhilfe eingesetzt werden. Wie eine Klassenfahrt fühlte sich diese Woche an, doch gibt es zwischen der Seminarwoche und einer Klassenfahrt einen signifikanten Unterschied: Man kennt sich vorher nicht. Deshalb wurde man mit dem Erzählen nie fertig, wollte immer mehr von den anderen wissen. Wo kommst du her? Was hast du bisher gemacht? Was machst du jetzt? Wo siehst du dich in fünf, zehn, zwanzig Jahren?

Das Miteinander wurde hierbei auf ganz besondere Art und Weise gefördert. Durch interessante Spiele und Aufgaben wurden wir dazu gebracht, zusammenzuarbeiten, uns mit den anderen zu beschäftigen und eben nicht nur für uns selbst zu sein. Das machte dieses Seminar enorm wertvoll und bildete einen weiteren Pluspunkt in meinem FSJ.

Einzig die Reflexion von allem war ein bisschen anstrengend. Wir mussten nämlich nach jedem Spiel und nach jeder Diskussionsrunde reflektieren. Beim Schreiben dieses Textes wird mir aber bewusst, wie wichtig die Reflexion des eigenen Handelns und Fühlens eigentlich ist. Man kann dabei enorm viel lernen.

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  13.11.2014
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
13.11.2014

Mein Freiwilliges Jahr

Finanzkrise

Im Abschlussjahrgang an einem Gymnasium macht man im Idealfall nicht einfach nur Abitur, sondern bringt sich auch anderweitig ein. Schließlich gibt es in einem Jahrgang viel zu organisieren und zu klären. Zum Beispiel den Abschlussball, der irgendwie finanziert werden will. Für Band, Buffet und Miete braucht es einen Haufen Geld, um die Kosten für die Eintrittskarten im Rahmen halten zu können.

Wie verdient man also dieses Geld? Wir veranstalteten Abipartys, die in fragwürdigen Locations stattfanden, gestalteten eine Abizeitung und Kulturabende und haben ab und zu auch versucht, Kuchen an den Mann zu bringen. Im Endeffekt sind alle (legalen) Mittel erlaubt, an Geld für den Jahrgang zu kommen. Organisiert wird alles in Komitees, die aus Mitarbeitern und einem Vorsitzenden bestehen.

Doch muss es für das alles eine gewisse Überordnung geben. Ein Finanzkomitee zum Beispiel, das die Übersicht über das verdiente und ausgegebene Geld behält. Tja, und dessen Vorsitzender war in meinem Jahrgang ich. Was ich daraus gelernt habe: Die Verantwortung für Geld zu übernehmen, ist ein risikoreicher, gewagter Schritt. Ich habe im Juli mein Abitur gemacht und bin jetzt immer noch damit beschäftigt, die Schulden unseres Jahrgangs auszugleichen. Das Darlehen dafür habe ich halbwegs privat beim Förderverein der Schule aufgenommen, jetzt müssen wir es aber zurückzahlen. Das Problem dabei ist, dass ich keine rechtliche Handhabe habe, meine ehemaligen Mitschüler zum Zahlen zu bewegen. Ich muss sie zeitaufwendig in Diskussionen überzeugen. Größtenteils trifft man auf Unverständnis. Man bekommt Fragen an den Kopf geworfen, wie das denn sein kann, wer daran schuld sei, woran das liege und dass man gefälligst selbst dafür gerade stehen sollte.

Wenn man bedenkt, was man insgesamt für diesen Jahrgang getan hat, ist das sehr, sehr traurig. Die Stunden, die ich mit Arbeit in Komitees verbracht habe, sind nicht mehr zu zählen. Ich habe ziemlich viel Kraft investiert und bin jetzt ganz schön frustriert.

Autor: Thilo  |  Rubrik: orientieren  |  10.11.2014
Autor: Thilo
Rubrik: orientieren
10.11.2014