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Freiwilligendienst im Ausland

Rundreise

„Bye bye, Teacher Hannes“, mit diesen gesungenen Worten wurde ich verabschiedet. Es war Freitag vor den Osterferien, die Schulkinder der tansanischen Grundschule hatten sich ein letztes Mal zur Versammlung aufgestellt und sangen für uns Freiwillige. Die drei Monate Freiwilligendienst waren fast vorbei, in zwei Wochen würde mein Flieger von Daressalaam zurück nach Stuttgart fliegen.
Ich verabschiedete mich persönlich von den Kindern und Lehrern, die ich besonders ins Herz geschlossen hatte, bevor ich nach Hause fuhr. Ich packte mein Leben der vergangenen drei Monate in zwei Reisetaschen – ein seltsames Gefühl.
Abends gingen wir Freiwillige noch ein letztes Mal in unser Lieblingsrestaurant in Kayanga. Auch sie werde ich für eine ganze Weile nicht mehr sehen, da sie alle noch in Tansania bleiben, um für längere Zeit zu reisen.
Am nächsten Tag brach ich in aller Herrgottsfrühe auf, um meinen Reisebus zu erwischen. Erste Etappe: Mwanza, direkt am Victoriasee gelegen und acht Stunden Fahrt entfernt. Dort gab es plötzlich wieder Supermärkte, modisch angezogene Menschen und sogar eine Shoppingmall! Ich war auf dem Weg zurück in die westlich geprägte Zivilisation. Über Dodoma, die Hauptstadt Tansanias, und Morogoro, erreichte ich eine Woche vor meinem Rückflug Daressalam am Indischen Ozean.
Die schiere Größe der Stadt überforderte mich. Ein Lehrer, den ich während meiner Zeit in Kayanga kennengelernt hatte, hielt sich zu dieser Zeit glücklicherweise auch in der Küstenstadt auf und zeigte mir die schönsten Ecken Dars, wie die Stadt abgekürzt genannt wird. Er zeigte mir den Fischmarkt und führte mich an paradiesische Strände. Nach einem lauen Abend in einer Bar stieg ich gegen zwei Uhr nachts in ein Flugzeug, das mich über Istanbul in eine andere Welt zurückbrachte. Es war meine Rückkehr nach Deutschland!

 

Autor: Hannes  |  Rubrik: orientieren  |  15.08.2018

Freiwilligendienst im Ausland

Das Paket

Ungeduldig fuhr ich mit dem Motorrad zum Post Office von Kayanga. Das Gebäude ist von außen schmucklos, die Fassade besteht fast ausschließlich aus Postfächern. Da nämlich kaum eine Straße hier offiziell ist und somit auch keinen Straßennamen hat, ist eine direkte Postzustellung unmöglich. Wenn man also den analogsten aller Kommunikationswege nutzen will, muss man sich ein kleines schwarzes Postfach mieten.
Doch darum ging es jetzt nicht: Ich war nicht für Briefsendungen gekommen, mich erwartete Größeres. Also trat ich ein. Der Raum mit drei Schaltern an der Stirnseite war gefüllt mit Menschen. Verständnislos schaute ich ihnen dabei zu, wie sie irgendwelche Formulare ausfüllten, dann wurde ein Schalter frei und ich widmete meine Aufmerksamkeit dem freundlich dreinschauenden Postbeamten.
„Ich habe ein Paket hierherschicken lassen“, sagte ich auf Englisch. „Katempris?“ fragte der Beamte nur. Seine Scharfsinnigkeit überrumpelte mich ein wenig. Ein Weißer in Kayanga wird wohl mittlerweile zwangsläufig mit der Grundschule Katempris in Verbindung gebracht, da sie immer wieder Freiwillige beschäftigt.
Widerwillig nickte ich, mochte nicht zu viel von mir preisgeben. Dennoch ist das Postfach auf die Schule gemeldet und somit musste ich dieses Zugeständnis machen, um an mein Päckchen zu kommen.
Der Beamte ging in ein Hinterzimmer und kam nach einigen Minuten mit einem recht zerschlissenen Paket zurück. Ich schaute auf den Absender: Tatsache, es war aus Deutschland, von daheim! Ohne Protest zahlte ich eine Empfangsgebühr – von der mir zuvor versichert worden war, dass ich sie nicht zu bezahlen hätte – stopfte den braunen Karton in meinen Rucksack und machte mich auf den Weg nach Hause, um meine neuen Schätze in Augenschein zu nehmen.
Dort angekommen offenbarte sich mir, was meine Mutter vor etwa vier Wochen in die Hände der Deutschen Post gegeben hatte: Zuckerrübensirup, Streichpasteten sowie kaputte und geschmolzene Schokolade – meine Food-Most-Wanted, die ich in Tansania sehr vermisst habe. Prompt schmierte ich mir ein Weißbrot mit Sirup, aß eine Tafel Schokolade und begann, die restlichen Tafeln zu zählen, um sie für meine restliche Zeit hier zu rationieren. Ich hielt ein Stück Heimat in Händen und fühlte mich glücklich.

Autor: Hannes  |  Rubrik: orientieren  |  17.07.2018

Freiwilligendienst im Ausland

Hinterland

Für viele mag es wie ein Klischee klingen, aber ich kann nun aus eigener Erfahrung bestätigen, dass die Menschen in Afrika im Allgemeinen und aus Tansania im Speziellen überaus offen und freundlich sind.
Einmal wurde ich etwa von Flown, einem Lehrer der Katempris-Schule, der kaum älter ist als ich, nach Hause eingeladen. Dieses Angebot nahm ich liebend gern an, denn ich besuchte Tansania ja gerade aus dem Grund, authentisches Leben mitzubekommen und nicht nur Touristenhotspots abzuklappern. Besonders interessant war für mich, dass sein Heimatdorf im Gegensatz zu Kayanga – „meiner Stadt“ mit ihrem Markt, den Reisebussen und den geteerten Straßen – tatsächlich ein Kaff im Hinterland ist. Eines Samstagmorgens fuhren wir erst mit Kleinbussen, dann mit dem Taxi dorthin. Erst nach zwei Stunden kamen wir am Haus seiner Eltern an.
Das Haus war eher eine Hütte, aus Lehm gebaut, mit gestampften Böden, kleinen, düsteren Zimmern. Die Eltern empfingen uns freudig; erstens, weil ihr Sohn nach zwei Monaten an der Schule auf einen Besuch vorbeischaute und zweitens, weil er einen so seltsamen Gast wie mich mitbrachte. Ich überreichte circa zwei Kilo Zucker, mein Gastgeschenk. Dann ließen wir Männer uns auf simpel gezimmerten Bänken nieder und plauderten ein wenig.
Wohlgemerkt: Nur wir Männer saßen beisammen. Das konservative Rollenverständnis im ländlichen Tansania verbot es offensichtlich, dass sich die Frauen und Kindern gleichberechtigt mit uns unterhalten können. Sie hielten sich stattdessen in der Küche auf, kochten für uns zu Mittag und schälten Erdnüsse – ein Umstand, der mich peinlich berührte.
Nachdem wir gegessen hatten, zeigte mir Flown die Felder seiner Familie und seine eigenen, auf denen sie Bananen, Kaffee, Kartoffeln und Cassava anbauen. Dabei erlebte ich zum ersten Mal, dass ein Kind vor mir als Weißen schreiend wegrannte. Ich kam mir vor wie ein Gespenst. Es war das Kind von Flowns bestem Freund, der mit 24 Jahren schon eine Frau und zwei Kinder hat und seinen Lebensunterhalt als Bauer verdient.
Nachdem wir zurück zum Elternhaus gegangen waren und reichlich mit Geschenken in Form von Eiern und Erdnüssen überschüttet wurden, machten wir uns auf den Heimweg. Mit vielen neuen Erfahrungen legte ich mich abends erschöpft ins Bett.

Autor: Hannes  |  Rubrik: orientieren  |  06.07.2018