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Freiwilligendienst im Ausland

Alltag?

Am Arbeitsplatz Altenheim erlebt man ständig skurrile Situationen. Man bekommt alle fünf Minuten die gleiche Frage gestellt, wird als völlig verrückt abgestempelt, weil man bei 25 Grad Celsius ohne Jacke durch die Gänge rennt, und hat quasi permanent Verständigungsprobleme, die nicht von der Sprachbarriere herrühren, sondern schlicht durch Schwerhörigkeit und funktionsunfähige Hörgeräte zu begründen sind.

Einiges übersteigt dann aber selbst diesen „normalen“ Alltag. Vor zwei Tagen etwa macht sich eine Seniorin – wie alle 15 Minuten üblich – mit ihrem Rolli auf den Weg zur Toilette. Es empfiehlt sich, ihr auf dieser Strecke nicht im Weg zu stehen. Denn obwohl sie gut mit ihrem Rollstuhl umzugehen weiß und auch grundsätzlich nach der Rückkehr perfekt rückwärts auf ihrem Lieblingsplatz einparkt, scheint sie einen akuten Demenzanfall zu kriegen, sobald ihr jemand die Fahrbahn blockiert. Augenscheinlich ist es also zunächst das Pech einer ebenfalls betagten Dame, dass sie gerade jetzt vor der Toilettentür steht. Denn erwartungsgemäß verliert die Seniorin im Rollstuhl auch heute plötzlich die Kontrolle über ihr Transportmittel und fährt die andere Dame an.

Womit sowohl ich als auch die Rollstuhlfahrerin allerdings nicht gerechnet haben, ist die – sagen wir „sportliche“ – Reaktion der angefahrenen alten Dame. Mit einer vermeintlich viel zu schnellen Bewegung für ihre 92 Jahre langt sie der Rollstuhlfahrerin treffsicher mitten ins Gesicht, um im selben Moment ein erschreckend lautes Gezeter von sich zu geben, in das die andere Seniorin gleich einfällt. Bevor ich mich aus meiner starren Verwunderung in Bewegung setzten kann, kommt glücklicherweise schon ein Pfleger um die Ecke gehechtet, der die beiden Streithennen auseinanderschiebt. Immerhin... es ist nichts passiert und nach einigen Schocksekunden treffen sich unsere Blicke und wir sehen, dass wir beide das Lachen unterdrücken müssen.

Darüber hinaus werden die kleinen aber wunderschönen Ereignisse, die man bewusst erlebt, mit der Zeit immer mehr. Wie beispielsweise ein plötzliches Lächeln, von jemandem, bei dem man die dafür vorgesehene Muskulatur schon für gänzlich zurückgebildet gehalten hatte. Oder die unbändige Freude einer alten Dame über ein Baby, das mit seiner Mutter dessen Großmutter bei uns besucht.

Solche Momente der Freude beobachten zu können, macht aus der Arbeit im Altenheim etwas sehr Besonderes. Und auch wenn alle immer meinen, diese Arbeit wäre belastender als andere, empfinde ich das überhaupt nicht so. Natürlich hat man mit alten Menschen zu tun, die zum größten Teil krank, teils behindert, verwirrt, dement oder alles zugleich sind. Selbstverständlich sterben auch einige dieser Menschen. Damit lernt man aber umzugehen. Was das alles andererseits nicht nur aufwiegt, sondern zweifellos auch zu einer positiven und wertvollen Erfahrung macht, sind die Momente, in denen man von diesen verwirrten, alten und kranken Menschen lernt. Denn am Ende findet man sich in einer bescheidenen und oft wunderbar dankbaren Welt wieder.

Autor: Katha  |  Rubrik: orientieren  |  03.07.2015
Autor: Katha
Rubrik: orientieren
03.07.2015

Freiwilligendienst im Ausland

Klostermentalität

Angesichts des ersten Sommermonats, dem meist relativ milden Wetter hier in der Rheinebene und dazu passenden Temperaturen freue ich mich, Jacke und lange Hose endlich im Schrank lassen zu können. Bei 30 Grad im Schatten und einem Zimmer unter dem Dach stellt sich die Frage, ob lange oder kurze Hose eigentlich überhaupt nicht. Wenn man nicht gerade in einem Kloster wohnt, das noch aus einer Zeit stammt, in der es Frauen nicht einmal zugestanden war, überhaupt Hosen anzuziehen. Auch heute tragen selbst die alten, bereits „verrenteten“ Schwestern meist einen schwarzen, überknielangen Rock, dazu Strumpfhose und Nonnenhaube.

Da ich ja auch irgendwie zu dieser Klostergemeinde gehöre, bin ich mir also nicht ganz sicher, ob die Oberschwester die gewagte Kombination aus Hotpants und ausgeschnittenem Top billigt, geschweige denn einen modernen kurzen Jumpsuit überhaupt als Kleidungsstück anerkennt.

Aber, wie so oft in diesem Orden, überrascht mich besagte Nonne auch diesmal mit ihrer weltoffenen modernen Mentalität. Als ich sie morgens in Jumpsuit auf dem Gang treffe, zuppelt sie mir kurz neugierig an den luftigen Trägern herum, sodass beinahe der halbe BH sichtbar wird, fängt an zu grinsen und ruft mir im Weitereilen noch „Na, Ihnen ist aber echt immer warm!“ zu und verschwindet ganz unspektakulär um die nächste Ecke.

Inzwischen werde ich schon ganz irritiert gefragt, wo denn meine kurze Hose hin ist, wenn ich dann doch mal knöchellang trage.

Tatsächlich habe ich erst einmal wirklich gemerkt, dass ich es mit sehr gottesfürchtigen Menschen zu tun habe, die teilweise noch an alten Wertvorstellungen hängen, die nicht mehr so recht in diese Zeit passen wollen. Als ich vor einiger Zeit ganz unbedarft fragte, ob ich den Schlüssel für das leerstehende Zimmer auf meiner Etage habe könnte, weil mein Freund über das Wochenende gerne vorbeikommen würde, erhielt ich ein Nein als Antwort. Männer würden grundsätzlich nicht in diesem Gebäudeflügel übernachten, weil sich Männlein und Weiblein dann ja im Nachtgewand auf dem Flur begegnen könnten. Und das wäre im Kloster unangemessen und ist deshalb zu vermeiden.

Seitdem habe ich so eine Erfahrung mit den Nonnen aber nie wieder gemacht. Im Gegenteil – die Schwestern überraschen mich mit ihrer herzlichen und – besonders der Jugend gegenüber (!) – neugierigen Art fast jede Woche aufs Neue.

Autor: Katha  |  Rubrik: orientieren  |  29.06.2015
Autor: Katha
Rubrik: orientieren
29.06.2015

Freiwilligendienst im Ausland

Zwischenbericht

Nachdem mir diese Woche aufgefallen ist, dass die Mitfreiwilligen aus meinem Örtchen schon längst alle einen Zwischenbericht an ihre Organisation schicken mussten, bin ich zunächst heilfroh, dass meine Organisation das Ganze etwas entspannter sieht und einfach anruft, wenn sie wissen will wie es mir geht. Trotzdem verleitet das allgemeine Fazit-Geziehe dazu, selbst mal die Frage nach einer Zwischenbilanz zu stellen.

Leider sieht diese auf den ersten Blick ungemütlich ernüchternd aus. Während meine Mitfreiwillige das Klischee lebt – mit tränenreichem Abschied zu Hause, einer eher depressiven Eingewöhnungsphase, einer aus den gemeisterten Herausforderungen resultierenden umso größeren persönlichen Entwicklung und letztendlich mit dem glücklichen Gefühl, mit dem Auslandsaufenthalt die beste Entscheidung des Lebens getroffen zu haben – weiß ich noch nicht einmal, ob mein bisheriges Fazit positiv oder negativ ausfällt.

Grundsätzlich fühle ich mich wohl hier: die Arbeit gefällt mir, mit dem Mädchen, das mir per Zufallsgenerator für ein Jahr vor die Nase gesetzt worden ist, komme ich ganz gut klar und durch den Umstand, im Kloster zu leben, mache ich eine überraschend positive und vor allem nicht alltägliche Erfahrung. Darüber hinaus lerne ich die französische Sprache und Kultur kennen, habe endlich Zeit, mit dem Gitarrenspiel anzufangen und mir noch ein paar nicht unwichtige Gedanken in Sachen Lebensplanung zu machen. Auf der anderen Seite weiß ich nicht, ob das alles rechtfertigt, quasi ein Jahr „nichts“ und vor allem praktisch ohne gleichaltriges soziales Umfeld zu leben.

Was mich aber wirklich wunderbar positiv überrascht, ist, wie gut mich die Organisation vorbereitet hat und bis jetzt begleitet. Und das ist etwas, was ich bei der bisherigen Betrachtung völlig außer Acht gelassen habe. Mit dieser Erkenntnis fällt es mir wesentlich leichter, meinen Frieden mit dem vorläufigen Fazit zu schließen. Denn auch wenn ich keine offensichtlich größeren Herausforderungen zu meistern hatte, habe ich doch wahnsinnig viel gelernt.

Autor: Katha  |  Rubrik: orientieren  |  18.06.2015
Autor: Katha
Rubrik: orientieren
18.06.2015