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Freiwilligendienst im Ausland

Klostermentalität

Angesichts des ersten Sommermonats, dem meist relativ milden Wetter hier in der Rheinebene und dazu passenden Temperaturen freue ich mich, Jacke und lange Hose endlich im Schrank lassen zu können. Bei 30 Grad im Schatten und einem Zimmer unter dem Dach stellt sich die Frage, ob lange oder kurze Hose eigentlich überhaupt nicht. Wenn man nicht gerade in einem Kloster wohnt, das noch aus einer Zeit stammt, in der es Frauen nicht einmal zugestanden war, überhaupt Hosen anzuziehen. Auch heute tragen selbst die alten, bereits „verrenteten“ Schwestern meist einen schwarzen, überknielangen Rock, dazu Strumpfhose und Nonnenhaube.

Da ich ja auch irgendwie zu dieser Klostergemeinde gehöre, bin ich mir also nicht ganz sicher, ob die Oberschwester die gewagte Kombination aus Hotpants und ausgeschnittenem Top billigt, geschweige denn einen modernen kurzen Jumpsuit überhaupt als Kleidungsstück anerkennt.

Aber, wie so oft in diesem Orden, überrascht mich besagte Nonne auch diesmal mit ihrer weltoffenen modernen Mentalität. Als ich sie morgens in Jumpsuit auf dem Gang treffe, zuppelt sie mir kurz neugierig an den luftigen Trägern herum, sodass beinahe der halbe BH sichtbar wird, fängt an zu grinsen und ruft mir im Weitereilen noch „Na, Ihnen ist aber echt immer warm!“ zu und verschwindet ganz unspektakulär um die nächste Ecke.

Inzwischen werde ich schon ganz irritiert gefragt, wo denn meine kurze Hose hin ist, wenn ich dann doch mal knöchellang trage.

Tatsächlich habe ich erst einmal wirklich gemerkt, dass ich es mit sehr gottesfürchtigen Menschen zu tun habe, die teilweise noch an alten Wertvorstellungen hängen, die nicht mehr so recht in diese Zeit passen wollen. Als ich vor einiger Zeit ganz unbedarft fragte, ob ich den Schlüssel für das leerstehende Zimmer auf meiner Etage habe könnte, weil mein Freund über das Wochenende gerne vorbeikommen würde, erhielt ich ein Nein als Antwort. Männer würden grundsätzlich nicht in diesem Gebäudeflügel übernachten, weil sich Männlein und Weiblein dann ja im Nachtgewand auf dem Flur begegnen könnten. Und das wäre im Kloster unangemessen und ist deshalb zu vermeiden.

Seitdem habe ich so eine Erfahrung mit den Nonnen aber nie wieder gemacht. Im Gegenteil – die Schwestern überraschen mich mit ihrer herzlichen und – besonders der Jugend gegenüber (!) – neugierigen Art fast jede Woche aufs Neue.

Autor: Katha  |  Rubrik: orientieren  |  29.06.2015
Autor: Katha
Rubrik: orientieren
29.06.2015

Freiwilligendienst im Ausland

Zwischenbericht

Nachdem mir diese Woche aufgefallen ist, dass die Mitfreiwilligen aus meinem Örtchen schon längst alle einen Zwischenbericht an ihre Organisation schicken mussten, bin ich zunächst heilfroh, dass meine Organisation das Ganze etwas entspannter sieht und einfach anruft, wenn sie wissen will wie es mir geht. Trotzdem verleitet das allgemeine Fazit-Geziehe dazu, selbst mal die Frage nach einer Zwischenbilanz zu stellen.

Leider sieht diese auf den ersten Blick ungemütlich ernüchternd aus. Während meine Mitfreiwillige das Klischee lebt – mit tränenreichem Abschied zu Hause, einer eher depressiven Eingewöhnungsphase, einer aus den gemeisterten Herausforderungen resultierenden umso größeren persönlichen Entwicklung und letztendlich mit dem glücklichen Gefühl, mit dem Auslandsaufenthalt die beste Entscheidung des Lebens getroffen zu haben – weiß ich noch nicht einmal, ob mein bisheriges Fazit positiv oder negativ ausfällt.

Grundsätzlich fühle ich mich wohl hier: die Arbeit gefällt mir, mit dem Mädchen, das mir per Zufallsgenerator für ein Jahr vor die Nase gesetzt worden ist, komme ich ganz gut klar und durch den Umstand, im Kloster zu leben, mache ich eine überraschend positive und vor allem nicht alltägliche Erfahrung. Darüber hinaus lerne ich die französische Sprache und Kultur kennen, habe endlich Zeit, mit dem Gitarrenspiel anzufangen und mir noch ein paar nicht unwichtige Gedanken in Sachen Lebensplanung zu machen. Auf der anderen Seite weiß ich nicht, ob das alles rechtfertigt, quasi ein Jahr „nichts“ und vor allem praktisch ohne gleichaltriges soziales Umfeld zu leben.

Was mich aber wirklich wunderbar positiv überrascht, ist, wie gut mich die Organisation vorbereitet hat und bis jetzt begleitet. Und das ist etwas, was ich bei der bisherigen Betrachtung völlig außer Acht gelassen habe. Mit dieser Erkenntnis fällt es mir wesentlich leichter, meinen Frieden mit dem vorläufigen Fazit zu schließen. Denn auch wenn ich keine offensichtlich größeren Herausforderungen zu meistern hatte, habe ich doch wahnsinnig viel gelernt.

Autor: Katha  |  Rubrik: orientieren  |  18.06.2015
Autor: Katha
Rubrik: orientieren
18.06.2015

Freiwilligendienst im Ausland

Flugzeugabsturz im Gemeinschaftssaal

Auslöser für eine annähernd so absurde Geschichte wie letzte Woche war heute eine Reportage über den Flugzeugabsturz über den französischen Alpen vor etwa drei Monaten.

Eine Reportage, der ich anfangs relativ wenig Beachtung schenke, schließlich ist man erst kürzlich fast ausschließlich mit diesem Thema konfrontiert worden und kennt gefühlt jede Aufzeichnungen des Flugschreibers. Dieses Empfinden teile ich aber offenbar nur mit mir alleine, stelle ich fest. Man bedenke, dass die meisten anwesenden alten Damen sich schon nicht merken konnten, was es zum Mittag gab. Wie sollen sie dann verstehen, dass es sich bei dieser Reportage lediglich um eine Aufarbeitung der Geschehnisse von vor drei Monaten handelt?

Als Resultat ist die Allgemeinheit also wieder genauso betroffen wie noch im März. Etwas weniger vielleicht – die Berichterstattung ist nicht ganz so dramatisch aufbereitet. Trotzdem habe ich all Mühe damit, einer Oma auszureden, unbedingt und sofort zum Flughafen zu wollen. Auf die vorsichtige Frage, was sie denn da wolle, erwidert sie eher angsteinflößend als erklärend: „Mein Bruder ist gestorben, finden Sie das gut!?“ Ich versuche zu ergründen, warum genau ihr Bruder am Flughafen gestorben sein sollte. Als könnte sie Gedanken lesen, kommt sie mir allerdings zuvor und erklärt: „Mein Bruder war in dem Flugzeug“. Damit bleiben mir zwei Möglichkeiten. Zum einen kann ich versuchen ihr zu erklären, dass sich der Absturz vor längerer Zeit ereignet hat, ihr Bruder nicht in dem Flugzeug saß, und dieses schon gar nicht direkt am Flughafen abgestürzt ist ... oder ich behelfe mir mit einer kleinen Notlüge. „Madame, alles ist gut, wir konnten Ihren Bruder erreichen, er ist nicht abgestürzt“, höre ich mich da auch schon intuitiv sagen. Einen Moment später bin ich froh, dass ich mich nicht in langwierige Erklärungen verstrickt habe. Trotzdem habe ich ein schlechtes Gewissen.

Aber nur kurz. Denn inzwischen kenne ich meine lieben Alten. Und deshalb weiß ich auch ziemlich genau, wer die Wahrheit versteht und nur kurz an die Realität erinnert werden muss – und wer andererseits manchmal in seiner eigenen Welt unterwegs ist. In diesem Fall kann man wohl nur versuchen, die Situation in dieser dem Menschen eigenen Welt zu lösen.

Autor: Katha  |  Rubrik: orientieren  |  15.06.2015
Autor: Katha
Rubrik: orientieren
15.06.2015