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Noch ein letztes Mal

Nach dem Gespräch mit meiner Doktormutter fühle ich mich wie befreit. Die Muskeln in meinem Körper, die selbst beim Schwimmen nicht nachgegeben haben, lockern sich mit einem Mal. Und ich bekomme endlich wieder richtig Luft, zumindest kommt mir das so vor. Tief atme ich ein und aus, während ich begreife, wie angespannt ich tatsächlich in den vergangenen Tagen war. In der Nacht vor dem Gespräch habe ich sehr schlecht geschlafen. Diese Ungewissheit. Nichts tun zu können, weil ich vorher noch den Austausch mit meiner Betreuerin brauche …
Aber jetzt kann ich weitermachen. Ich weiß, welche Thesen ich in meiner Verteidigung vertreten werde. Inhaltlich ausbauen, festigen und die Thesen so formulieren, dass sie sich gut verteidigen lassen, muss ich das nun selbst.
Deshalb kümmere ich mich wieder einmal um die Literaturrecherche. Doch es gibt ein Problem: Ich will mir ein Inhaltsverzeichnis anschauen, aber die Datei ist nur als Bild übertragen. Damit weiß mein Screenreader nichts anzufangen, die Software zeigt mir nur ein leeres Dokument. Beinahe muss ich lächeln. Denn wie oft habe ich das schon erlebt? Für etliche Referate und Hausarbeiten, dann bei der Magisterarbeit, bei der Dissertationsschrift und jetzt, für meine Disputation – wahrscheinlich aber zum letzten Mal.
Es ist ein eigenartiges Gefühl. All diese Handgriffe und Arbeitstechniken sind mir so vertraut geworden. Nun biege ich zum Zieleinlauf ein. Danach werde ich, wie es aussieht, meine wissenschaftliche Laufbahn beenden.

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"Formulieren Sie diese Thesen neu!"

Vor zwei Monaten habe ich meine Dissertationsschrift abgegeben. Aber es wird noch lange dauern, bis ich den Doktortitel führen darf. Vor mir liegt noch eine Menge Arbeit. Zuerst muss ich meine Disputation vorbereiten, also die Verteidigung. Hierbei werde ich die Doktorarbeit in einem Referat von 15 Minuten vorstellen und eine These einbringen, die sich gut für eine Diskussion eignet.
Insgesamt brauche ich drei Thesen. Eine soll sich auf die Dissertation beziehen, die anderen beiden … Ja, das finde ich schwierig zu erklären und es überhaupt nur zu verstehen. Zunächst müssen diese Behauptungen meine Doktorarbeit inhaltlich berühren, außerdem das Fach, in dem sie geschrieben worden ist. Das heißt für mich: Buchwissenschaft. Und dann kommt bei mir noch Politik oder Geschichte hinzu, denn die Thesen sollen auch eines der übrigen Fächer abdecken, die ich ursprünglich im Magister studiert habe.
Zurzeit feile ich an diesen Sätzen herum. Denn nach dem ersten Versuch sagte meine Doktormutter: „Formulieren Sie Ihre Thesen neu!“ Den zweiten Versuch wollen wir bald besprechen. Hoffentlich wird es dann besser! Ich bin unruhig und angespannt, denn es fällt mir schwer, diese Aufgabe zu lösen. Allzu viel Zeit bleibt mir nicht mehr, schließlich muss ich danach noch einige Bücher und Beiträge lesen, um mich vernünftig auf die Verteidigung vorzubereiten. Und der Termin rückt unaufhaltsam näher …

Autor: Daniela  |  Rubrik: beruf & karriere  |  28.11.2017

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Perspektiven

Manchmal denke ich darüber nach, ob ich in den vergangenen Jahren mehr gewonnen oder verloren habe. Sicher, ich werde bald meinen Doktortitel tragen. Aber wie viel bedeutet das wirklich? Zum Beispiel finanziell. Ich habe bisher freiberuflich gearbeitet, aber nie in einem Verlag oder in irgendeiner anderen Firma. Seit meinem Abitur sind über zehn Jahre vergangen. In dieser Zeit hätte ich eine Menge Geld verdienen, ein regelmäßiges Einkommen haben können.
Doch wer will mir garantieren, dass das so gewesen wäre? Zwei Drittel aller Schwerbehinderten finden keinen Job. Wie die Statistik für Blinde aussieht, weiß ich nicht genau. Ende 2016 jedenfalls hat der Bayerische Blinden- und Sehbehindertenbund 84 blinde Akademiker gemeldet. Aber wie geht es dann weiter, mit dem Abschluss in der Tasche?
Eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin habe ich nie bekommen. Bis jetzt ja noch nicht einmal ein Praktikum in einem größeren Verlag. Vielleicht werde ich bald anfangen, in geringfügiger Beschäftigung einen kleinen Verlag mit aufzubauen. Die Gespräche laufen bereits. Und es gibt noch andere Ideen, die mir im Kopf herumschwirren.
Aber ich weiß von einem anderen Blinden mit Doktortitel, was er hinterher geworden ist: Schreibkraft beim Blindenbund. Weil er überall, wo er seine Bewerbungsunterlagen eingereicht hat, damit abgewiesen wurde, er wäre überqualifiziert. Aber ist das wirklich das Problem? Oder schrecken die meisten Unternehmen bloß davor zurück, sich mit einem Behinderten zu belasten?