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Bachelor live

Vienna calling II

In einem Baisl, also einer Kneipe, im Wiener Stadtteil Favoriten begehe ich meinen 22. Geburtstag. Die Kellnerin ist Polin, an der Bar sitzen ein älterer Herr, Gesicht vom Alkohol zerfressen, und ein jüngerer Ex-BWL-Student, der mit seinem Smartphone hier ist. Man spricht Deutsch, Tschechisch, Polnisch und natürlich Wienerisch. Die Kellnerin führt meinen tschechischen Kumpel und mich in die Grundlagen des Wienerischen ein, erklärt den Unterschied zwischen Pfiff, Seidel und Krügel, also den verschiedenen Bierglasgrößen. Es entspinnt sich eine Diskussion über das beste Eis der Stadt und man wird sich am Ende doch einig, dass „der Tichy" am Reumannplatz die Krone der Eiskunst ist, dort, wo die Eis-Marillenknödel erfunden wurden und im Sommer die Menschen bis zehn Uhr abends in einer langen Schlange. „Das Haselnusseis müsst ihr probieren“, sagt der junge Ex-BWL-Student. Als mein Kumpel fragt, was er denn nun nach dem Masterstudium anfangen soll, rät ihm der Alte, er solle in die Politik gehen.
Mein Stadtführer für junge Reisende führt mich ins „Kaffee Alt Wien“. 1922 wurde es eröffnet und bis heute verkehren hier Künstler, Schriftsteller und Journalisten. Ich kehre am frühen Nachmittag ein, das Alt Wien ist noch relativ leer. Die wenigen Gäste schwanken zwischen Kaffee, Pfeife, Krügel (halber Liter Bier) und Tschig (österreichisch für Zigarette) – der Familienbetrieb liegt einfach irgendwo zwischen Kaffehaus und Baisl. Der Gulasch ist die Spezialität des Hauses und überzeugt tatsächlich vollauf.
An den Wänden hängen unzählige Plakate von Ausstellungen, Konzerten, Festivals. Einige Veranstaltungen sind ganz aktuell, andere seit drei Wochen vorbei, seit drei Monaten, seit zehn Jahren. Durch das zweiflügelige Fenster zu meiner Rechten bricht das Tageslicht auf die mickrige Pflanze in einem pinkfarbenen Blumentopf herein, die Bänke mit rotem Samtbezug, die Kaffeehausstühle aus gewundenem Holz. Es fährt ein Fiaker (eine Kutsche) vorbei, ab und an blickt ein Tourist herein, entscheidet sich dann aber dagegen, einzukehren. Man schreibt am Rechner oder in ein Buch. Oder am Rechner an einem Buch? Der alte Kellner trägt weißes Hemd und weinrote Schürze, es ziemt sich, ihn mit „Herr Ober“ anzureden. An der Bar ist reger Betrieb. Die Herren kennen sich. Alle dreiviertel Stunde kommt jemand dazu und jemand geht. Man unterhält sich und diskutiert. Wien würde zu touristisch werden, meinen sie. Der Naschmarkt, der Rathausplatz – alles nur noch auf die Urlauber ausgelegt. Ich zahle und gehe hinaus in die Sommerhitze. „Vienna calling“, sang Falco. „Ein ewiges nebliges Hoch auf die Bohème“, singt der Singer-Songwriter Nino aus Wien – und ich glaube, er meint damit seine Stadt.

Bachelor live

Sozialfiguren wie Hipster und Co.

Im zweiten Semester habe ich ein Seminar belegt, das sich mit Sozialfiguren der Gegenwart beschäftigte. Zu allererst stellt sich eine ganz grundlegende Frage: Was genau ist eine Sozialfigur?
Es sind Idealtypen, die in unserer Gesellschaft auftreten und die jedem von uns bekannt sind. Mit Sozialfiguren verbinden wir ein bestimmtes Aussehen, Merkmale oder Verhaltensweisen – zum Beispiel der Hipster oder der Dandy. Der Typus muss nicht unbedingt einem Beruf entsprechen, häufig führen Berufe allerdings zu charakteristischen Merkmalen und somit auch zu einem Idealtypus, beispielsweise dem Professor oder dem Manager. Meist betitelt man sich nicht selbst als Sozialfigur, sondern wird von anderen so bezeichnet. Sie können auch in größeren Gruppen auftreten, zum Beispiel der Fan, oder als Einzelgänger am Rande der Gesellschaft. Es gibt also unfassbar viele verschiedene Sozialfiguren in unserer Gesellschaft. In dem Seminar beschäftigten wir uns mit einigen von ihnen und ihren Merkmalen, diskutierten Unterschiede und Gemeinsamkeiten.
Derzeit schreibe ich in diesem Seminar meine Hausarbeit. Nach längerer Überlegung habe ich mich schließlich auf ein Thema festgelegt und mich für eine Sozialfigur entschieden, die jeder kennt – den Spießer. Darunter wird im Allgemeinen eine Person verstanden, die gegen Veränderungen und Neuerung ist und stattdessen auf Altbekanntes beharrt. Interessant finde ich, dass die Geschichte des Spießers bis ins Mittelalter zurückgeht, sich die Bedeutung des Begriffs im Laufe der Zeit jedoch kaum verändert hat. Und vermutlich wird der Spießer auch niemals an Aktualität verlieren und immerzu in unserer Gesellschaft gegenwärtig bleiben – denn Veränderungen und Fortschritt wird es immer geben und damit auch Personen, die dagegen sind und auf die alte Ordnung bestehen.

Bachelor live

Fernweh, Heimweh

Kennt ihr das, wenn ihr im Bus sitzt, mit eurem Handy Musik hört, aus dem Fenster blickt und plötzlich Adrenalin durch euren Körper schießt? Wenn euch plötzlich klar wird, dass ihr an einem Ort weit weg der Heimat seid? Als ich nach meinem Abi einen Freiwilligendienst in Madrid gemacht habe, hat mich dieses Kribbeln immer wieder gepackt. Dann habe ich mich an Dingen erfreut, die mir sonst ganz alltäglich erschienen: an der Tortilla de patatas, die es zum Frühstück gab, an den bunten Metroschächten, an dem Durcheinander aus Sprachen in den Cafés.
Seitdem ich studiere, fehlt dieses Kribbeln. Das ist nicht unbedingt schlecht, denn wenn ich ehrlich bin, war es auch eine anstrengende und emotionale Zeit. Ich bin viel gereist während meines Freiwilligendienstes, war abends häufig mit Freunden in der Stadt unterwegs. Ich habe das ganze Jahr über nur ein einziges Buch gelesen, weil mir einfach keine Zeit blieb, um zu entspannen. Seit ich studiere, habe ich eine ganze Menge Bücher gelesen, viele für die Uni und für Hausarbeiten, ein paar auch einfach nur für mich. Das tut gut, das fühlt sich nach Entschleunigung an.
Heimweh hatte ich während meiner Zeit in Spanien eigentlich nicht. Es gab Tage, manchmal auch Wochen, in denen nichts so lief, wie es sollte. Wenn ich zum Beispiel das Gefühl hatte, mit meinem Spanisch nicht voranzukommen, mich von meinen Kollegen nicht ernst genommen fühlte oder die Großstadt mich überforderte. Als die Osterferien und damit der Besuch meiner Familie bevor stand, habe ich mich darauf gefreut, meinen Eltern und meiner Schwester meine neue Heimat zeigen zu können. Und als mein Freiwilligendienst zu Ende ging, war ich zwar wirklich traurig, aber zugleich fühlte es sich gut an, dass danach alles wieder etwas langsamer werden würde.
Ich fühle mich wohl in Bonn, da kann ich mich wirklich nicht beschweren. Bonn ist eine schöne kleine Stadt, die viel zu bieten hat. Die Uni gefällt mir, mein Studiengang ist spannend, die Leute sind cool. Manchmal ärgern mich Hausarbeiten oder Klausuren, manchmal fühle ich mich gestresst, aber es ist nie alles perfekt. Und doch bekomme ich hin und wieder Fernweh. Das fühlt sich anders an als dieses Kribbeln, es ist mehr so ein dumpfes Gefühl in der Magengegend, so eine Lust auf Neues. Mal schauen, wohin es mich ziehen wird.

Autor: Marie  |  Rubrik: studium  |  24.08.2017