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Bachelor live

Wo ist dieses Studentenleben?

Wenn ich an Studentenleben denke, fallen mir vor allem an Klischees ein: wilde Partys, Diskussion bei Rotwein, schlaue Bücher. Wenn man dann zum ersten Mal in der Uni sitzt, fühlt sich das ganz anders an. Inzwischen habe ich zwei Semester hinter mir und muss ein wenig darüber schmunzeln, wie schüchtern wir am Anfang noch waren. Mein Dozent in Internationale Beziehungen brachte zu meinem ersten Seminar eine Power-Point-Präsentation mit, die konsequent alle Inhalte auf Deutsch, Englisch und Mandarin auflistete, und wir bekamen Angst, ob wir das etwa alles verstehen sollten.
Knapp zehn Monate später sieht es entspannter aus im Hörsaal. Da stehen Thermoskannen mit Kaffee, Tupperdosen mit Nudelsalat und Collegeblöcke. Wenn ich in der Statistikvorlesung einmal auf die Laptops der Studierenden um mich herum schaue, dann schreiben die wenigsten mit. Die meisten lesen Zeitung, bestellen etwas im Internet oder schreiben E-Mails – jedenfalls bis es an die Klausuren geht. Findet man normalerweise knapp ein Drittel der für die Vorlesung angemeldeten Studierenden auch tatsächlich in der Vorlesung, so sind es vor der Klausur plötzlich alle. Da tauchen Leute auf, die man vorher gefühlt noch nie gesehen hat.
Kurz vor den Klausuren trafen wir uns zum Lernen, saßen in der Bibliothek, rechneten und schrieben Folien ab. „Wo ist eigentlich dieses Studentenleben, von dem immer alle sprechen?“, fragte plötzlich eine Freundin von mir und schaute entgeistert von ihrem Collegeblock auf.
Ja, wo ist es eigentlich? So kurz vor den Klausuren stellt man sich die Frage wohl immer. Nach dem Abi habe ich noch darüber geschmunzelt, wenn Freunde, die bereits zu studieren begonnen hatten, mir weismachen wollten, dass eine Klausur an der Uni ungefähr so viel zum Lernen ist wie das gesamte Abitur. Aber inzwischen weiß ich genau, wovon sie sprechen. Da hilft wohl nur eins: Durchhaltevermögen!

Autor: Marie  |  Rubrik: studium  |  30.08.2017
Autor: Marie
Rubrik: studium
30.08.2017

Bachelor live

Vienna calling II

In einem Baisl, also einer Kneipe, im Wiener Stadtteil Favoriten begehe ich meinen 22. Geburtstag. Die Kellnerin ist Polin, an der Bar sitzen ein älterer Herr, Gesicht vom Alkohol zerfressen, und ein jüngerer Ex-BWL-Student, der mit seinem Smartphone hier ist. Man spricht Deutsch, Tschechisch, Polnisch und natürlich Wienerisch. Die Kellnerin führt meinen tschechischen Kumpel und mich in die Grundlagen des Wienerischen ein, erklärt den Unterschied zwischen Pfiff, Seidel und Krügel, also den verschiedenen Bierglasgrößen. Es entspinnt sich eine Diskussion über das beste Eis der Stadt und man wird sich am Ende doch einig, dass „der Tichy" am Reumannplatz die Krone der Eiskunst ist. Dort, wo die Eis-Marillenknödel erfunden wurden und im Sommer die Menschen bis spät abends Schlange stehen. „Das Haselnusseis müsst ihr probieren“, sagt der junge Ex-BWL-Student.
Als nächstes lotst mich mein „Stadtführer für junge Reisende" ins „Kaffee Alt Wien“. 1922 wurde es eröffnet und bis heute verkehren hier Künstler, Schriftsteller und Journalisten. Ich kehre am frühen Nachmittag ein, das Alt Wien ist noch relativ leer. Die wenigen Gäste schwanken zwischen Kaffee, Pfeife, Krügel (halber Liter Bier) und Tschig (österreichisch für Zigarette) – der Familienbetrieb liegt einfach irgendwo zwischen Kaffehaus und Baisl. Der Gulasch ist die Spezialität des Hauses und überzeugt tatsächlich vollauf.
An den Wänden hängen unzählige Plakate von Ausstellungen, Konzerten, Festivals. Einige Veranstaltungen sind ganz aktuell, andere seit drei Wochen vorbei, seit drei Monaten, seit zehn Jahren. Durch das zweiflügelige Fenster zu meiner Rechten bricht das Tageslicht auf die mickrige Pflanze in einem pinkfarbenen Blumentopf herein, die Bänke mit rotem Samtbezug, die Kaffeehausstühle aus gewundenem Holz. Es fährt ein Fiaker (eine Kutsche) vorbei. Ab und an blickt ein Tourist herein, entscheidet sich dann aber dagegen, einzukehren. Man schreibt am Rechner oder in ein Buch. Oder am Rechner an einem Buch? Der alte Kellner trägt weißes Hemd und weinrote Schürze, es ziemt sich, ihn mit „Herr Ober“ anzureden. An der Bar ist reger Betrieb. Die Herren kennen sich. Alle dreiviertel Stunde kommt jemand dazu oder jemand geht. Man unterhält sich und diskutiert. Wien würde zu touristisch werden, meinen sie. Der Naschmarkt, der Rathausplatz – alles nur noch auf die Urlauber ausgelegt. Ich zahle und gehe hinaus in die Sommerhitze. „Vienna calling“, sang Falco. „Ein ewiges nebliges Hoch auf die Bohème“, singt der Singer-Songwriter Nino aus Wien – und ich glaube, er meint damit seine Stadt.

Bachelor live

Sozialfiguren wie Hipster und Co.

Im zweiten Semester habe ich ein Seminar belegt, das sich mit Sozialfiguren der Gegenwart beschäftigte. Zu allererst stellt sich eine ganz grundlegende Frage: Was genau ist eine Sozialfigur?
Es sind Idealtypen, die in unserer Gesellschaft auftreten und die jedem von uns bekannt sind. Mit Sozialfiguren verbinden wir ein bestimmtes Aussehen, Merkmale oder Verhaltensweisen – zum Beispiel der Hipster oder der Dandy. Der Typus muss nicht unbedingt einem Beruf entsprechen, häufig führen Berufe allerdings zu charakteristischen Merkmalen und somit auch zu einem Idealtypus, beispielsweise dem Professor oder dem Manager. Meist betitelt man sich nicht selbst als Sozialfigur, sondern wird von anderen so bezeichnet. Sie können auch in größeren Gruppen auftreten, zum Beispiel der Fan, oder als Einzelgänger am Rande der Gesellschaft. Es gibt also unfassbar viele verschiedene Sozialfiguren in unserer Gesellschaft. In dem Seminar beschäftigten wir uns mit einigen von ihnen und ihren Merkmalen, diskutierten Unterschiede und Gemeinsamkeiten.
Derzeit schreibe ich in diesem Seminar meine Hausarbeit. Nach längerer Überlegung habe ich mich schließlich auf ein Thema festgelegt und mich für eine Sozialfigur entschieden, die jeder kennt – den Spießer. Darunter wird im Allgemeinen eine Person verstanden, die gegen Veränderungen und Neuerung ist und stattdessen auf Altbekanntes beharrt. Interessant finde ich, dass die Geschichte des Spießers bis ins Mittelalter zurückgeht, sich die Bedeutung des Begriffs im Laufe der Zeit jedoch kaum verändert hat. Und vermutlich wird der Spießer auch niemals an Aktualität verlieren und immerzu in unserer Gesellschaft gegenwärtig bleiben – denn Veränderungen und Fortschritt wird es immer geben und damit auch Personen, die dagegen sind und auf die alte Ordnung bestehen.

Autor: Franziska  |  Rubrik: studium  |  25.08.2017
Autor: Franziska
Rubrik: studium
25.08.2017